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Der Kummer mit dem Karton

Versandhändler verschicken immer mehr Luft – und Berge von Verpackungsmüll. Für sie ist das billiger. Aber nur für sie.

© Norbert Millauer

Von Ines Mallek-Klein

Es war an einem Donnerstagabend kurz nach halb sieben, als es an der Tür von Hans-Werner Vogelsberg klingelte. Er öffnete und blickte auf drei große Kartons. Dahinter stand die Dame vom Paketdienst DHL. Bei nasskaltem Nieselwetter und nach einer Autopanne musste sie die Pakete auch noch viele Stufen zu Familie Vogelsberg hochtragen. Gott sei Dank waren die nicht so schwer. Er unterschrieb für den Erhalt der Sendungen und begann, sie auszupacken. Der Mann fand Papier, und noch mehr Papier und Folie, und wieder Papier – und dann endlich, ganz unten in der Ecke, lag das Mousepad für seinen Rechner. Er hatte es bei der Deutschen Post im Kundenkatalog gesehen und direkt bestellt. Dann der zweite Karton, und wieder das gleiche Spiel. Papier, noch mehr Papier und endlich eine Kerze. Fast hätte er das kleine Briefchen mit den Briefmarken übersehen. Die waren der eigentliche Grund für die Lieferung. Im dritten Karton sah es nicht anders aus. Hans-Werner Vogelsberg ist entsetzt. Da reden alle über Nachhaltigkeit, und die Post fährt halbleere Pakete spazieren, ärgert er sich. Das belastet die Umwelt, die Zusteller, kostet ohne Ende und verursacht noch dazu riesige Müllberge. Er legt die Waren zusammen auf den Wohnzimmertisch. Sie hätten allesamt ins kleinste der drei Pakete gepasst – und selbst das wäre noch zu groß gewesen.

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Eine Bestellung – mehrere Lager

DHL ist kein Einzelfall. Auch andere Versandhändler verschicken Bestellungen in zu großen und oft auch noch mehreren Kartons. Die Folge ist eine wachsende Zahl von Paketsendungen, die Tag für Tag verteilt werden müssen. Vor fünf Jahren hat DHL noch täglich etwas über zwei Millionen Pakete und Päckchen zugestellt. Mittlerweile sind es bundesweit rund 3,3 Millionen, sagt der für Sachsen zuständige DHL-Sprecher Manfred Hauschild. In der Vorweihnachtszeit werden es noch mehr Kartons sein. Die Post-Tochter rechnet mit bis zu acht Millionen Sendungen täglich. Da reicht der firmeneigene Fuhrpark nicht aus. DHL hat schon Transporter bei großen Autovermietern reserviert. In manchen Zustellbezirken wird in zwei Wellen ausgefahren, um die Pakete überhaupt alle wegzubekommen.

Wie gut der Platz in den Paketen gefüllt ist, ist Sache des Absenders, sagt Manfred Hauschild. „Es gibt das Postgeheimnis, wir dürfen gar nicht nachschauen“, so der Postsprecher. Trotzdem sei es natürlich erklärtes Ziel, keine Luft spazieren zu fahren. Dass Bestellungen überhaupt in mehreren Kartons verschickt werden, liege oft daran, dass die Ware aus unterschiedlichen Lagern stammt. Zudem hätten die Versender aus Kostengründen oft nur wenige Paketgrößen am Lager.

Die Post selbst bildet da keine Ausnahme: Bei Familie Vogelsberg steht als Absender „DHL Weiden“ auf allen drei Paketen. Dort sitzt der Philatelieversand des Unternehmens. DHL-Sprecher Hauschild versichert, den Fall aus Königstein nach Franken weiterzugeben, und beteuert, dass, auch wenn Weiden draufsteht, „nicht alle Waren auch von dort kommen müssen“.

Der Verpackungswahnsinn hat Folgen. Bei Becker Umweltdienste – die Firma leert im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge die Papiertonnen – stellt man fest, dass vor und nach dem Weihnachtsfest besonders viele Kartons anfallen. Häufiger entleert werden die Papiercontainer deshalb aber nicht. Der Bürger muss seinen Weihnachts-Pappmüll irgendwo zwischenlagern, wenn die Tonne voll ist.

Matthias Prietzel, Niederlassungsleiter der Entsorgungsfirma Kühl, spricht generell von einer deutlichen Zunahme des Verpackungsmülls aus Pappe. Stolze 74 Kilogramm produziert jeder von uns in einem Jahr, das entspricht einem Sechstel unserer jährlichen Haushaltsabfälle, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Früher haben sich in den blauen Tonnen Papier und Pappe die Waage gehalten. Heute dominieren die braunen Kartons, sagt Matthias Prietzel. Das freut die Entsorger keineswegs, denn Kartonagen bringen ihnen deutlich weniger Geld. Immerhin, sie werden, wie drei Viertel aller unserer Abfälle, recycelt.