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Der letzte Stich

Gunther Rößler hat fast 40 Jahre lang Blut gespendet. Obwohl er noch fit ist, darf er nun nicht mehr helfen.

© SZ Thomas Eichler

Von Carina Brestrich

Die Schwester Monika, die sticht am besten: Gunther Rößler lacht, setzt sich und schiebt den Ärmel seines Pullovers nach oben. Schwester Monika hat schon Platz genommen, wartet mit Desinfektionsspray und Nadel. Das Blutspenden ist für Gunther Rößler längst Routine geworden. Immerhin hat der Walddorfer das Prozedere schon ganze 160 Mal durch. Und eigentlich ist es fast schon ein Vergnügen für den 70-Jährigen, wenn er alle sechs Wochen in der Pestalozzi-Oberschule seinen Arm frei macht: „Alle sind so freundlich hier, wir lachen immer viel“, sagt er. Ein bisschen Wehmut kann er nicht verbergen. Schließlich ist es vorerst das letzte Mal, dass Rößler Blut für andere gibt.

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Denn in wenigen Tagen wird Gunther Rößler 71 Jahre alt. Ab dann kann er kein Blut mehr spenden. Nicht etwa, weil die Gesundheit nicht mehr mitmacht. Sondern, weil es das Gesetz nicht zulässt. Rößler bedauert diese Stichtag-Regelung: „Ich würde so gern weitermachen.“ Denn er weiß: Sein Blut wird gebraucht. Immerhin sind immer weniger Leute bereit, sich freiwillig regelmäßig Blut abnehmen zu lassen. Allein im Altkreis Löbau-Zittau sind voriges Jahr die Spenden um zehn Prozent zurückgegangen. „Gerade unter den 18- bis 25-Jährigen fehlen uns Spender“, erklärt Frank Michler, Sprecher des DRK-Blutspendedienstes.

Gunther Rößler selbst war 32 Jahre alt, als er zum ersten Mal Blut gespendet hat. „Damals war das noch in den Betrieben möglich“, erinnert er sich. Seine Kollegen im VEB Schaltelektronik Oppach haben alle mitgemacht. Es sei irgendwie selbstverständlich gewesen, „und nachher konnte man ja auch nach Hause gehen“, sagt der frühere Elektroingenieur und lacht.

Seitdem spendet Rößler regelmäßig einen Teil seines flüssigen Organs. Insgesamt 80 Liter – also etwa eine Badewanne voll – sind seit 1975 zusammengekommen. Der Ruheständler ist damit im Landkreis einer derjenigen, der in seinem Leben am meisten Blut für die Blutbank geliefert hat. Einen halben Liter darf er bei jeder Sitzung spenden.

Und es dürften noch eine mehr sein, ginge es nach Gunther Rößlers Gesundheit. Denn auch mit 70 Jahren ist der gebürtige Spandauer noch fit. Das bestätigt sein Hausarzt, aber auch der Mediziner, der ihn jedes Mal vorm Blutspenden durchcheckt: „Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht am Schwarzbier und der Blutwurst“, scherzt er. Tatsächlich sind es wohl die Gartenarbeit und die vielen anderen Beschäftigungen, die ihn auf Trab halten. So etwa engagiert sich Rößler im Gemeinderat in Kottmar, singt im Dorfensemble Walddorf und tauscht sich mit anderen Senioren in einer Computergruppe aus.

Nur das Blutspenden steht künftig nicht mehr in seinem Terminkalender. Gunter Rößler ärgert sich, nicht mehr helfen zu können. Wenigstens ein bisschen beruhigt es ihn, dass er seinen in Bayern lebenden Enkelsohn habe vom Blutspenden überzeugen können. „Für mich ist das ganz einfach eine Frage der Solidarität“, sagt er. Und die ist heute eben altersabhängig. Das belegen zumindest die Zahlen. Denn während die Spenderzahl unter den Jüngeren abnimmt, steigt sie ab 45 Jahren wieder um zwei Prozent jährlich: „In diesem Alter gehen die Leute bewusster mit ihrer Gesundheit um. Sie erinnern sich, dass sie vielleicht auch mal Blutkonserven benötigen könnten“, sagt Frank Michler vom DRK-Blutspendedienst.

Gunther Rößler jedenfalls hat alles möglich gemacht, um vor seinem 71. Geburtstag noch einmal Blut spenden zu können. So hat er sogar extra den Termin für eine medizinische Untersuchung verschoben. Nach dieser hätte er sonst erst mal ein paar Wochen pausieren müssen. „Aber ich wollte mich ja auch wenigstens noch mal bei allen hier verabschieden“, sagt der Walddorfer.

Vielleicht aber hat Gunther Rößler das jetzt sogar zu früh getan. Denn derzeit wird beraten, ob die Altersgrenze fürs Blutspenden auf 72 Jahre angehoben wird. „Die Ärztekammer hat bereits grünes Licht gegeben“, sagt Frank Michler. Möglicherweise könnte die neue Regelung ab Anfang Mai in Kraft treten. Auf Gunther Rößlers Konto würden dann auf jeden Fall noch ein paar Liter hinzukommen, sagt er: „Und vielleicht könnte ich danach immer noch weitermachen.“