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Der letzte Zeuge

Auch 70 Jahre nach Kriegsende werden noch Opfer geborgen. So wie letzte Woche an der B 96.

Von Jana Ulbrich

Was vom Menschen noch übrig ist, passt in eine kleine, graue Plastikwanne. Behutsam hat Joachim Kozlowski gerade einen Oberschenkelknochen hineingelegt. Er hat auch schon die zertrümmerte Schädeldecke gefunden, ein paar Splitter von Rippenknochen, ein Stück Mittelhand, Elle und Speiche, einen Wirbel, ein Stückchen Schlüsselbein.

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Jetzt hält er den Unterkiefer in der Hand und betrachtet ihn mit geübtem Auge: Ein festes, gesundes Gebiss. Keine einzige Zahnfüllung. Kein Weisheitszahn. Mit einem Pinsel befreit er den Kieferknochen vorsichtig vom sandigen Boden. Langsam entsteht dabei in seinem Kopf das Bild eines Menschen. „Muss ein junger Bursche gewesen sein, nicht viel älter als 20“, sagt er. „Und ganz schön zugerichtet, so zertrümmert, wie die Schädelknochen sind.“

Joachim Kozlowski ist Umbetter. Für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge holt der 42-Jährige auch heute noch Tote von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Am Freitagvormittag ist er in die Nähe von Bautzen gekommen. Auf einem Getreidefeld an der B 96 hat er seine Gerätschaften ausgepackt und zu graben begonnen. Hier, auf halbem Wege zwischen Luga und Holscha, haben Mitarbeiter eines Kampfmittelbergungsdienstes den Toten gefunden. Einen knappen Meter tief vergraben, direkt am Straßenrand.

Die Kampfmittelräumer suchen gerade die Fläche für die große Straßenbaustelle nach Fundmunition ab. Als ihr Detektor Alarm schlägt, beginnen sie zu graben. „Und plötzlich haben wir diesen Unterkiefer in der Baggerschaufel“, erzählt Roland Kridde, der Truppführer. Es ist nicht zum ersten Mal, dass die Kampfmittelräumer auch Tote finden. „Gut, dass er eine Pistole dabei hatte, sonst hätte er hier wohl für immer und ewig gelegen“, sagt Kridde, der Joachim Kozlowski jetzt beim Bergen hilft. Vorsichtshalber muss immer ein Kampfmittelräumer dabei sein, wenn Kriegstote ausgegraben werden.

Nur noch Splitter und Bruchstücke

Dass der Tote hier auf dem Feld zweifelsfrei ein Mann ist, das kann der Umbetter schon an Ort und Stelle an den Knochen erkennen. Ihre Länge und Stärke deuten darauf hin. Auch darauf, dass der junge Mann sehr groß war. Die Knochen der Füße und Unterschenkel stecken noch in den Uniformstiefeln. Vom Oberkörper aber kann Joachim Kozlowski nur noch Splitter und Bruchstücke finden. „Er muss voll von einer Granate getroffen worden sein“, vermutet er. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass man ihn hier gleich an Ort und Stelle vergraben hat.

Joachim Kozlowski hat einen Uniformknopf gefunden. Mit einer kleinen Bürste kratzt er Erde und Grünspan ab. Dann besieht er sich den Knopf genauer – und stutzt. Er reicht ihn zu Roland Kridde hinauf, der mit der Schaufel am Rand der Grube steht: „Sehen Sie das auch?“ Kridde, dank jahrelanger Arbeit beim Bergungsdienst längst auch ein Uniform- und Waffenexperte, nickt: „Ein polnischer Adler“. Das könnte durchaus zur Pistole passen, die bei dem Toten gefunden wurde – vermutlich eine Tokarew TT-33, die Standardwaffe der Roten Armee, findet Kridde. Vor Bautzen haben Russen und Polen ja gemeinsam gekämpft.

Ein junger Pole also. Das ändert die Sache. Joachim Kozlowski ruft seine Dienststelle an. Eine polnische Kriegsgräberstätte gibt es hier nicht. Die Kollegen sollen die polnische Seite verständigen. Die soll entscheiden, wo die Gebeine ihre endgültige Ruhe finden. Kozlowski wird die Plastikwannen erst einmal mit ins Büro nach Halbe im Dahme-Spreewald-Kreis nehmen.

„Jetzt brauche ich auch nicht mehr nach einer Dienstmarke zu suchen“, sagt er. Polnische Soldaten hatten so etwas nicht. Und auch die zerfledderte Lederbörse, die er gerade gefunden hat, wird keinen Hinweis mehr auf eine Identität geben können. Als er sie öffnet, ist nur noch Papierstaub darin. So wird der junge Pole wohl einer der vielen Namenlosen aus diesem Krieg bleiben. Über die Hälfte aller Toten, die die Mitarbeiter des Volksbundes bergen, bleiben namenlos. Kozlowski kann Alter und Größe bestimmen, das Geschlecht und oft die Todesursache. Meistens wird anhand der Fundstücke auch klar, für welche Seite der Tote sein Leben gelassen hat. Und manchmal erzählen ihm die Knochen auch ein Stückchen Geschichte. So wie hier vor den Toren Bautzens, wo sich Tausende Deutsche, Russen und Polen in den allerletzten Kriegstagen eine letzte, sinnlose Schlacht geliefert haben.