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Der Lynchmord von Collinsville

Vor 100 Jahren wurde ein Dresdner in den USA ein Opfer von Fremdenhass. Ein aufgeputschter Mob in einer Kleinstadt hielt ihn für einen deutschen Spion.

© Friedhof Collinsville

Von Heidrun Hannusch

Am Abend des 4. April 1918 ist in dem Kohleminen-Städtchen Collinsville in Illinois vieles wie immer. Die Kneipen sind voll. Man isst, was man immer isst. Nur heißt manches anders, seit die USA mit Deutschland im Krieg stehen und damit auch alles Deutsche zum Feind erklärt wurde. Der Hamburger heißt nun „Liberty Steak“ und das Sauerkraut „Liberty cabbage“.

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Die Grabstelle von Robert Prager in Collinsville. Der Text auf dem Grabstein verweist darauf, dass der gebürtige Dresdner Opfer eines enthemmten Mobs wurde. Fotos: Friedhof Collinsville
Die Grabstelle von Robert Prager in Collinsville. Der Text auf dem Grabstein verweist darauf, dass der gebürtige Dresdner Opfer eines enthemmten Mobs wurde. Fotos: Friedhof Collinsville © Friedhof Collinsville
Prager hatte immer betont, loyal zu den USA zu stehen.
Prager hatte immer betont, loyal zu den USA zu stehen. © Friedhof Collinsville
Mit wenigen Zeilen lassen seine Mörder den Dresdner am 4.4.1918 Abschied von seinen Eltern nehmen.
Mit wenigen Zeilen lassen seine Mörder den Dresdner am 4.4.1918 Abschied von seinen Eltern nehmen. © Friedhof Collinsville

Und noch etwas ist anders. Während die Collinsviller sonst nur versuchen, sich den anstrengenden Tag aus Kopf und Körper zu trinken, steigern sie sich diesmal von Bier zu Bier in eine kollektive Rage. Am Ende dieses Abends, tief in der Nacht, wird es einen Toten geben.

In der Mine von Collinsville arbeitet auch Robert Prager. Der Dresdner Bäckerssohn war 1907 wie Millionen anderer in die USA gekommen auf der Suche nach einem besseren Leben. Heute würde ihn mancher wohl Wirtschaftsflüchtling nennen. 1918 hat er einige desillusionierende Jahre in Amerika hinter sich. Er ist inzwischen 30 Jahre alt, noch unverheiratet. Mit seinem Glasauge hat er ein sichtbares Handicap, das ihm das Leben nicht gerade erleichtert.

Nach einigen letztlich gescheiterten Versuchen, in seinem erlernten Bäckerberuf zu arbeiten, ist er in der Kohlemine in dem Provinzstädtchen im mittleren Westen gelandet. Er engagiert sich in der Gewerkschaft. Manche nennen ihn einen Sozialisten. Vielleicht ist es das, was ihn zum Verdächtigen macht. Ein deutscher Sozialist. Noch dazu mit einem Glasauge. Sehen nicht Spione genau so aus?

Es braucht mitunter wenig, wenn einmal ein Anfangsverdacht ausgesprochen ist. Lange schon kursieren Gerüchte, deutsche Agenten wollten die Kohlemine in die Luft sprengen. Jeder Deutschstämmige wird verdächtigt, zu dem vermeintlichen Terrorkommando zu gehören – zuallererst Robert Prager. Nichts davon hat sich später, nach seinem Tod, bestätigt.

Und was den Hass noch größer werden lässt: Der Verdächtigte wehrt sich. An jenem 4. April 1918 hat er überall in Collinsville Blätter angepinnt mit einer Erklärung. Nein, er sei kein Spion, und ja, er stehe loyal zu den USA. Doch alle Versicherungen, nicht der zu sein, dessen er verdächtigt wird, bestätigt den Mob nur noch mehr. Dessen Anführer ist übrigens auch ein gebürtiger Deutscher. Auch ein über die Jahrhunderte immer wiederkehrendes Muster. Nach dem Motto „Haltet den Dieb“ von sich selbst als mögliches Ziel abzulenken.

Das Drama nimmt seinen Lauf an diesem Abend des 4. April 1918. Wie später berichtet wird, sind es etwa 350, die aus den Kneipen der Stadt zu dem Haus ziehen, wo sich Prager versteckt hat. Sie holen ihn aus dem Gebäude. Befehlen ihm, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Er ist fast nackt und barfuß, als er von der Menge durch die Stadt geführt wird. Bierflaschen werden zertrümmert. Er muss durch die Scherben laufen. Einige der Begleiter führen US-Flaggen mit sich, die Prager küssen muss. Auf dem Marktplatz lassen sie ihn niederknien und die Nationalhymne singen.

Noch nach 100 Jahren muss man den Mechanismus einer solche Hysterie leider nicht erklären. Noch heute funktioniert es ähnlich. Fremde, die automatisch zu Feinden erklärt werden. Eine imaginäre Angst, die aufgebaut wird. Die wiederum zu Gerüchten führt. Gerüchte, die man als Tatsachen verkauft. Und Verdächtigte, die zu Tätern erklärt und nicht gehört werden.

Nur ein Passant, der die Marktplatzszene sieht, ruft dann doch die Polizei. Die nimmt Robert Prager quasi in Schutzhaft in der Wache der City Hall. Der Bürgermeister hält vor der aufgebrachten Ansammlung eine Rede, in der er um Mäßigung bittet und darum, nach Hause zu gehen. Die Menge zerstreut sich – um kurz darauf wiederzukommen. In der Polizeiwache sind nur zwei Polizisten, die versuchen, Robert Prager zu schützen.

Als sie die wütenden Schläge gegen den Eingang hören, verstecken sie den Deutschen unter Müll. Ein hilfloser Versuch. Denn als mehrere Hundert die Tür aufbrechen und die Wache stürmen, ist der Gesuchte schnell gefunden. Die Polizisten fühlen sich zur Gegenwehr nicht mehr in der Lage. Die Menge zerrt Prager nach draußen in die Nacht. Begleitet von ein paar Trucks marschieren sie mit ihm an der Spitze an den Rand der Stadt. Auf einem Feld mit einem hohen Baum machen sie halt.

Immer wieder bedrängen sie ihre Geisel, endlich zu gestehen und die Namen seiner Mitverschwörer zu nennen. Aber Robert Prager wiederholt mehrmals nur die Wahrheit, dass er loyal sei Amerika gegenüber, natürlich kein Spion und niemals ein Attentat plante.

Aber die Wahrheit hat in hysterischen Zeiten wenig Chancen. Ein besonders grausames Detail jener Stunden auf diesem einsamen Feld bei Collinsville erzählt der Anführer des Mobs später einem Reporter der New York Times. Zuerst hätten ein paar Kinder und Jugendliche – zwischen 12 und 16 Jahre alt – versucht, Robert Prager aufzuhängen. Sie legten ihm die Schlinge am Ende des über einen hohen Ast geworfenen Seils um den Hals und zogen ihn nach oben. Sie hätten aber vergessen, seine Hände zu fesseln. Deshalb habe der Gehängte den Strick um seinen Hals gegriffen, um ihn zu lockern. Der Kommentar des Anführers in der New York Times: „Da haben sie ihn wieder fallen lassen.“

Es ist inzwischen kurz vor Mitternacht. Die Szenerie an dem Baum wird beleuchtet von den Scheinwerfern einiger Trucks. Noch immer sind etwa 200 Bürger von Collinsville vor Ort. Wie viele von ihnen am Ende tatsächlich an dem Strick ziehen, ist im Nachhinein nicht mehr herauszufinden. Vor seinem Tod erlauben seine Henker Robert Prager noch, einen Brief an seine Eltern in Dresden zu schreiben. Darin heißt es: „Liebe Eltern, ich muss heute am 4.4.1918 sterben. Bitte betet für mich. Dies ist mein letzter Brief.“ Er bittet noch darum, in die amerikanische Flagge eingehüllt begraben zu werden. Dann wird ihm der Strick um den Hals gelegt.

Die Geschichte, heute in Deutschland nahezu vergessen, erregte damals Aufmerksamkeit in der gesamten Welt. Es war die Konstellation der Tat, die so berührte. Vormals unbescholtene Bürger einer Kleinstadt – und zwar Hunderte von ihnen – steigern sich in einen kollektiven Wahn und lynchen einen Unschuldigen.

Natürlich darf man die Aufregung in Amerika bigott nennen. Von 1877 bis 1950 wurden in den USA 3 959 Schwarzafrikaner gelyncht. Auch sie waren unschuldig, aber die Medien berichteten über diese Fälle höchst selten.

Doch diesmal trifft es einen Weißen, und alle großen Zeitungen schreiben darüber. Sogar das Kabinett der US-Regierung tagt zu dem Lynchmord. Aber Präsident Wilson ist der Fall zu heikel, um sich selbst damit zu befassen. Er übergibt ihn der Justiz in Illinois. Schockiert von der Tat bietet der Schweizer Gesandte in Washington an, das Begräbnis von Prager zu bezahlen. Was er auch tut. Drei Tage nach dem Mord wird Robert Paul Prager in einer amerikanischen Flagge auf dem Friedhof von St. Louis begraben. Später stellen die Schweizer einen Grabstein auf mit der Inschrift: Opfer eines Mobs.

Unterdessen macht sich die Polizei von Collinsville auf die Suche nach den Rädelsführern des Lynchmordes. Sie kommt auf elf Männer. Als die Angeklagten am 13. Mai das Gericht betreten, werden sie mit Beifall und Johlen der Zuschauer begrüßt. Vor der Tür spielt eine Blaskapelle, zunächst die Nationalhymne, dann ein Kriegslied mit der Hauptzeile „Wir werden siegen“. Drei Tage dauert der Prozess. Die Jury braucht allerdings nur eine knappe halbe Stunde, um zu einem einstimmigen Urteil zu kommen: Freispruch, für alle. Als Grund für das schon damals skandalöse Urteil wird angegeben, es habe sich um einen „patriotischen Mord“ gehandelt.

Die elf Mörder verlassen als freie Männer das Gerichtsgebäude. Es sind Minenarbeiter, dazu ein Kellner, ein Klempnergehilfe und ein Verkäufer. Draußen stellen sie sich auf zu einem Gruppenfoto, ein Sympathisant gesellt sich zu ihnen, nun sind sie zwölf. Alle halten in der Hand ein US-Fähnchen an einem Stab. Am Revers tragen sie eine rot-weiß-blaue Schleife. Sie werden von Hunderten Bürgern der Stadt empfangen, die mit ihnen einen Triumphzug bilden. Mit der Kapelle an der Spitze ziehen sie feiernd durch den Ort.

Der Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit befürwortet das Gerichtsurteil. Der Herausgeber des Collinsville Herald sagt über Robert Prager: „Die Stadt vermisst ihn nicht.“ Zu den wenigen amerikanischen Blättern, die den Freispruch verurteilen, gehört die New York Times, die schreibt: „Etwas Schlimmeres als das hätte Amerika kaum tun können, das jetzt angeprangert werden wird als eine Nation von hasserfüllten Heuchlern.“

Noch heute kommen nach wie vor Neugierige und Journalisten nach Collinsville, die an der Stadt nur eines interessiert: der Lynchmord und der Mob. Die Zelle der Polizeiwache, in die Robert Prager vor 100 Jahren zu seinem letztlich nur fragilen Schutz gesteckt worden war, ist jetzt Teil eines Museums.