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Der Mann, der alle DDR-Filme kennt

Eberhard Richter aus Wilthen hat viele Jahre lang seine Freizeit in Kinos verbracht. Aber nicht als Zuschauer.

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© Uwe Soeder

Von Katja Schäfer

Wilthen. Er kennt sie alle. „Ab 1955 habe ich jeden Kinderfilm, ab 1960 jeden Erwachsenenfilm gesehen, den es in der DDR gab“, berichtet Eberhard Richter. So manche Szene kann er heute noch mitsprechen. Denn der Wilthener hat sich die Streifen nicht nur einmal angeschaut, sondern wieder und wieder. Denn viele Jahr lang war er als Filmvorführer tätig; neben seinem Werkzeugmacher-Job im Wilthener Kunststoffwerk. „Das war mein schönstes und liebstes Hobby“, sagt der 67-Jährige.

Angefangen hat alles damit, dass eine Nachbarin, die im Wilthener Kino als Kassiererin und Einlassdienst tätig war, den damals Sechsjährigen zu einer Kindervorstellung am Sonntagnachmittag mit nahm. „Das hat mir so gut gefallen, dass ich von da an jeden Sonntag mitgegangen bin“, erzählt Eberhard Richter. Bald war er nicht nur Zuschauer, sondern half auch beim Abreißen der Eintrittskarten sowie beim Verkauf der Programmhefte und der Filmzeitschrift Filmspiegel. Als er etwas älter war, holte er mit einem Fahrradanhänger die Filme ab, die per Zug am Bahnhof ankamen, und schaffte sie am Ende der Leihfrist wieder hin. „Das waren schwere Kisten aus Pappe oder Metall“, denkt Eberhard Richter zurück. Noch ganz genau kann er sich an den Tag erinnern, als der langjährige Filmvorführer Helmut Sachse ihn das erste Mal mit in den Vorführraum nahm. „Er hat mir alles gezeigt und erklärt. Von da an durfte ich regelmäßig mitmachen.“ Im Juni vor 50 Jahren hielt Eberhard Richter dann endlich seinen eigenen Vorführschein in den Händen, nachdem er einen Lehrgang mit theoretischer Ausbildung und praktischen Stunden absolviert und eine Prüfung abgelegt hatte. Den kleinen vergilbten Ausweis hat er bis heute aufbewahrt. Das Papier, das in einer schwarzen Plastikhülle steckt, erinnert ihn an die vielen, vielen Jahre, in denen er nebenberuflich als Filmvorführer tätig war, vor allem in Wilthen, aber auch in Kirschau, Schirgiswalde, Sohland und Bautzen. „Damals hatte man dabei noch richtig viel zu tun. Eine Filmrolle lief maximal 20 Minuten. Deshalb musste während einer Vorstellung mehrmals zwischen den zwei Apparaten umgeschaltet werden“, erzählt Richter. Es klingt bedauernd, als er anfügt: „Heute ist ja alles digitalisiert und programmiert, bis hin zum Öffnen und Schließen des Vorhangs.“

Die Kinderkarte für 25 Pfennig

Als ersten großen Streifen, den er zeigen durfte, nennt der Wilthener den Film Spartakus. „Davon gab es im Bezirk Dresden nur eine Kopie. Wir haben sehnsüchtig darauf gewartet, bis wir sie endlich bekamen“, erinnert sich der 67-Jährige und sagt: „Dieser Film hat mich sehr fasziniert. Ich habe ihn auch auf DVD zu Hause.“ Vor so mancher Vorstellung bildeten sich lange Warteschlangen vorm Kino, zum Beispiel bei den Streifen „Das fliegende Auge“ und „Flammendes Inferno“. Die Olsenbande und Louis de Funès sorgten ebenfalls regelmäßig für volle Sitzreihen im 300 Besucher fassenden Wilthener Kino. „Damals kam die Kinderkarte ja gerade mal 25 Pfennig. Abends zahlte man zwischen 40 Pfennig im Parkett und 1,20 Mark auf dem Balkon“, denkt Richter zurück. Das und noch viel mehr weiß er auch deshalb so genau, weil er eine umfangreiche Sammlung zusammengetragen hat. Dazu gehören Tausende Filmplakate und Programmhefte, aber auch einige Filme und andere Dinge.

DDR-Musical zu sehen

Seit mit der Wende viele Kinos geschlossen wurden, steht Eberhard Richter nur noch selten hinterm Vorführapparat. Umso mehr freut er sich, wenn es die Gelegenheit dazu gibt. Wie bei der Tautwälder Filmnacht, die am Freitag zum siebenten Mal stattfindet. Dabei kommt ein alter Vorführapparat zum Einsatz, der dem Heimatverein gehört. Die Tickets werden an einer historischen Kasse verkauft, die einst im Wilthener Kino stand. „Ich freue mich sehr darauf. Da werden viele Erinnerungen wach“, sagt Eberhard Richter. Als Zuschauer geht er mit seiner Freundin nur ab und zu ins Kino. Action-Streifen und computer-animierte Filme meidet er dabei. „Aber eine ernste Liebesgeschichte schauen wir uns gern mal an“, berichtet der Wilthener. Um Liebe geht es auch in dem Film, den er am Freitag unter freiem Himmel zeigt. Allerdings auf heitere Weise und mit viel Musik. Durch den alten Vorführapparat rattert das DDR-Musical „Geliebte weiße Maus“.