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Der Mann, der das Fernmeldezentrum baute

Peter Großers erste Baustelle lag am Postplatz. Dort hörte später auch die Stasi mit.

© Sven Ellger

Von Peter Hilbert

An diesem grauen Wintertag steht Peter Großer am Postplatz, blickt bedächtig auf den grauen Betonbau. Das Anfang der 1980er-Jahre als eines der modernsten Fernmeldezentren der DDR errichtete Gebäude bietet heute mit wild gesprühten Graffiti kein ansehnliches Bild mehr. Die Telekom hat es kürzlich an eine Berliner Investorengruppe verkauft. Für den heute 59-jährigen Bauingenieur hängen zahlreiche Erinnerungen an diesem Haus. Schließlich war es seine erste Baustelle als junger Bauleiter.

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So sah der Neubau 1980 aus, als Peter Großer die Bauleitung übernahm. Die Decken wurden am Boden gefertigt und mit einem Hydrauliksystem angehoben.
So sah der Neubau 1980 aus, als Peter Großer die Bauleitung übernahm. Die Decken wurden am Boden gefertigt und mit einem Hydrauliksystem angehoben. © G. Zücker
Am 18. April 1978 wird feierlich der Grundstein für das neue Fernmeldezentrum am Postplatz gelegt, das eines der größten und modernsten der DDR werden soll.
Am 18. April 1978 wird feierlich der Grundstein für das neue Fernmeldezentrum am Postplatz gelegt, das eines der größten und modernsten der DDR werden soll. © Bau- und Montagekombinat
© G. Zücker

„Wenn ich es heute sehe, empfinde ich eine Mischung aus Stolz und Trauer“, sagt der Dresdner. Stolz, was er als junger Bauleiter geschafft habe. „Traurig bin ich darüber, wie man unser Volksvermögen so verkommen ließ.“

Großer war gerade 26 Jahre alt, als er als frisch eingesetzter Bauleiter des Bau- und Montagekombinats Dresden mit dem Fernmeldezentrum seinen ersten Auftrag bekam – und damit einen ganz besonderen. Hatte dieses Großprojekt des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen doch höchste Priorität. Zwar war Großer kein SED-Mitglied, was eine Empfehlung für diesen Job gewesen wäre. „Ich bekam wohl nur die Bauleitung, da ich als Nicht-Genosse zumindest keinerlei Westverwandschaft hatte“, blickt er zurück. 1978 hatte der Bau begonnen. Großers Einsatz startete 1980, als ein Teil des Rohbaus stand.

„Für mich war es ein Wurf ins kalte Wasser“, berichtet der Ingenieur. Als junger Bauleiter hatte er 100 Bauleute zu führen. Allerdings hatten die beteiligten Firmen hervorragende Leute zu diesem Prestigeprojekt delegiert. „Alle wussten, es wird ein kleiner Palast der Republik“, so Großer. So wurde auch gearbeitet. Deshalb habe ihm die Arbeit mit seinen Leuten viel Spaß gemacht. Zudem standen Großer im Gegensatz zu anderen Baustellen hier sowohl hochwertige Technik als auch genügend Baumaterial zur Verfügung. Errichtet wurde das Fernmeldegebäude nicht im damals üblichen Plattenbau, sondern im Deckenhub-Verfahren. Das funktionierte wie folgt: Die Bauleute stellten am Boden die großen Stahlbetonplatten der Decken des siebengeschossigen Komplexes her. Nur die Stahlbetonstützen ragten in die Höhe. Mit einer ausgetüftelten Technologie wurde dann Decke für Decke von Hydraulikpressen nach oben gezogen. „Für die damalige Zeit hatte diese Technologie Weltniveau“, erläutert der Fachmann. „Durch diese großflächigen Platten wurde eine großzügige Innenraumnutzung möglich.“

Der Ablauf war straff organisiert. Zu den wöchentlichen Bauberatungen mit 15 Verantwortlichen sollte sogar der Postminister kommen. „Da hieß es zwar: Guten Morgen, Genosse Minister. Erschienen ist aber immer nur der stellvertretende Stellvertreter“, erläutert der Bauleiter die gängige Praxis. Dennoch zeige dies, wie wichtig der DDR-Führung dieser Neubau war. Auch bei der Auswahl des Materials. So wurden Balkone mit sächsischem Sandstein verkleidet. „Der zusätzlich eingesetzte Investbauleiter hatte sich jede Platte angeguckt und die Maserung begutachtet“, sagt Großer. Bei den Abdeckungen der Balustraden wurde Kupfer eingesetzt. Und die Fenster wurden teilweise kupferfarben bedampft. „Wir wussten schon warum. Denn sie wollten sich nicht reingucken lassen“, nennt der Bauleiter den Hintergrund.

Am 20. August 1981 hatte Großer mit seinen Leuten das Gebäude fertiggestellt – acht Wochen vorfristig. „Es war ein bombastisches Gefühl“, erinnert er sich. Die erschienene Prominenz feierte mit den Bauleuten. „Uns wurde gedankt. Dann durften wir aber nicht mehr ins Gebäude.“ Spezialkräfte hätten das Fernmeldezentrum bis Ende 1983 ausgebaut und dabei auch Leitungen zu Kabinen installiert, in denen die Stasi Telefone abhören ließ. Das habe er später erfahren. Komplett umgesetzt werden konnten die Baupläne dennoch nicht. Denn der Neubau sollte nur ein erster Teil eines fünfmal so großen Komplexes sein.

Zu DDR-Zeiten errichtete Großer viele weitere Neubauten in Dresden und Umgebung. 1990 machte sich der promovierte Fachmann mit einem Ingenieurbüro in Dresden selbstständig. Mittlerweile hat er den Bau von 750 Gebäuden geplant oder geleitet. Dem Fernmeldezentrum am Postplatz bleibt er dennoch in besonderer Weise verbunden. Er könne verstehen, dass einige den Abriss des äußerlich vergammelten Gebäudes fordern. „Aber als ehemaliger Bauleiter kann ich versichern, es ließe sich innen und vor allem außen wieder eine Perle daraus machen“, betont er. Möglich wäre vieles.