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Der Mann, der durch die sieben Meerengen schwamm

Als erster Deutscher durchschwimmt André Wiersig die sieben berühmtesten Meerengen. Sein Schwager aus Sachsen kitzelt letzte Reserven heraus.

André Wiersig hat als Erster, jede Etappe auf Anhieb bewältigt.
André Wiersig hat als Erster, jede Etappe auf Anhieb bewältigt. © Seven Oceans

Ausdauer lässt sich auf die Spitze treiben. So wie durch Extremschwimmer André Wiersig, der die Ocean’s Seven meisterte. Die gelten als maritimes Gegenstück zu den Seven Summits, der Besteigung der sieben höchsten Berge aller Kontinente. Der Paderborner komplettierte vor knapp einem Jahr als 16. Mensch und erster Deutscher überhaupt die Monster-Serie: Er durchschwamm die sieben berühmtesten Meerengen der Welt.

Der USA-Auswahl-Schwimmtrainer Steven Munatones hatte die Idee zum Gegenstück der Gipfelsammler. Der ehemalige Weltmeister über 25 Kilometer wollte Freiwasserschwimmern eine extreme Herausforderung schaffen. Die Regeln: Neopren-Anzug verboten, fremde Hilfe genauso – außer das Reichen von Verpflegung vom Begleitboot. Erlaubt sind Badehose oder Badeanzug, Schwimmbrille, Badekappe. Gestartet wird an Land. Ziel ist wieder an Land. Die Zeit spielt keine Rolle.22

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Kilometerweit und stundenlang im Feuchten: Das Schwimmen im Meer hinterlässt seine Spuren an den Händen des Paderborners.
Kilometerweit und stundenlang im Feuchten: Das Schwimmen im Meer hinterlässt seine Spuren an den Händen des Paderborners. © Seven Oceans

Boje löst Kettenreaktion aus

Wiersig bekam als Kind wegen Kreislaufproblemen Sport verordnet. Im Schwimmverein hatte er Spaß. Erfolge feierte er später als Bahnradsportler, meisterte als Familienvater den Ironman auf Hawaii. Eine Boje in einer Bucht vor Ibiza löste dann an einem Februartag eine Kettenreaktion aus. Die 400 Meter bis zu der Markierung konnte Wiersig nicht schwimmen – zu kalt. Seine Selbstsicherheit „war wie weggepustet“, schreibt er in seinem Buch „Nachts allein im Ozean“. Danach aber war sein Ehrgeiz geweckt. Ein Abhärtungsprogramm begann mit Kalt-Duschen. Dann testete er in einer Kunststofftonne hockend, wie lange sein Körper kaltes Wasser aushält. Ein Jahr später kraulte er bis zu der Boje – und beschloss draußen in der Bucht, durch den Ärmelkanal zu schwimmen.

Als 16-Jähriger hatte er auf einer Kanalfähre gesehen, wie weit beide Ufer voneinander entfernt sind. Diese Distanz zu schwimmen, erschien dem Jugendlichen unmöglich. Nun hatte er ein Ziel. Am liebsten wäre Wiersig mit seiner Frau Beate das Projekt angegangen, zu dem auch eine Generalprobe gehört. Das ließ der Familienalltag mit Tochter und Sohn nicht zu.

Doch die Begleitperson blieb in der Familie. Sein Schwager Jürgen Peters aus Lückersdorf (nahe Kamenz) und dessen Frau Angelika paddelten beim Test zum Zürich-See-Marathon über 26,4 Kilometer mit ihrem Pouch-Faltboot aus DDR-Zeiten neben ihm her und hielten Flüssignahrung bereit. Platz drei in der Gesamtwertung machte Mut. Die Unterstützung passte. Was keiner ahnte: Sie dauerte weitere sechs Jahre an.

Es war ein Zusammenspiel von „Alt und Jung, Ost und West, verschiedenen Lebenswegen“, erzählt Peters. Der 66-Jährige ist ähnlich fit wie sein 47-jähriger Schwager, liebt die Berge, stand mit seiner Frau auf dem Kilimandscharo, wandert gern und lange, geht tauchen. Zum 50. Geburtstag schenkte sich der gebürtige Sachsen-Anhaltiner den New-York-Marathon, den er unter vier Stunden rannte. Vorher probte er beim Oberelbe-Marathon. Und mit Trainingsplänen des Schwagers lief er in Hamburg seine Marathon-Bestzeit von 3:27 Stunden.

Zusammenspiel der Generationen: Der 47-jährige André Wiersig krault durchs Wasser, und Jürgen Peters (66) motiviert ihn.
Zusammenspiel der Generationen: Der 47-jährige André Wiersig krault durchs Wasser, und Jürgen Peters (66) motiviert ihn. © Seven Oceans

Beruflich sind beide vielseitig. Peters wollte zur Handelsmarine oder Pilot werden. Beides sollte nicht sein. Dafür diente er 18 Jahre in der militärischen Flugsicherung. Nach der Wende war er dann 30 Jahre als Vertriebs-Außendienstler unterwegs. Wiersig wiederum arbeitete als Einkaufsassistent, brach ein BWL-Studium ab, war Fitnesscoach und ist nun im Verkauf und Marketing in der IT-Branche tätig.

„Wir haben einen Draht zueinander“, sagt Peters, „und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.“ Wie im Ärmelkanal, wo Wiersig seine Serie begann. Am 2. September 2014 erfüllte er sich diesen Traum, den er noch über den Hawaii-Ironman stellte. Er fand seinen Rhythmus in den Wellen, kam zügig durch die stark befahrene Fahrrinne, trotzte der nervigen starken Strömung in Sichtweite des Ziels. Lange musste er da parallel zum Strand schwimmen. Aller halben Stunde reichte Peters vom Boot die Verpflegung. Wiersig wusste jetzt, wie er Erschöpfung, Kälte und Einsamkeit überwinden kann. Zufällig las er vom ersten Ocean‘s-Seven-Absolventen. Angsteinflößend wirkten die Dimensionen – und herausfordernd.

Auf Hawaii verband er 2015 die nächste Ocean‘s-Seven-Station mit einem Familienurlaub. „Wir starteten 22 Uhr, kamen die ersten Stunden sehr schnell voran, gerieten dann aber in ein Gebiet, in dem André bedingt durch starke Strömungen fast auf der Stelle schwamm“, erinnert sich Peters, der für seinen Verpflegungs-Job an eine Teleskopstange aus dem Baumarkt eine Art Kescher gebaut hatte. So kam sein Schwimmer nicht zu nah oder gar unter das Boot. Und: Abfälle landeten nicht im Ozean.

Buckelwal unter sich

Schlimmer als die Strömung zwischen Moloka’i und O’ahu waren jedoch die Quallen. „Beim ersten Kontakt mit einer Spanischen Galeere schrie André laut auf“, erinnert sich Peters. „Die Nesselfäden sind gefährlich. Monatelang waren seine Leberwerte schlecht, weil das Gift sich nur langsam abbaute.“ Da half die Erfahrung wenig, die er sich auf Ibiza geholt hatte beim Schwimmen durch Quallen-Schwärme.

Der Sekundant im Boot sah nüchtern auf die Selbstquälerei. „Wenn er es unbedingt will, muss er es durchziehen“, meint Peters. „Es ist viel Kopfsache dabei, alles eine Frage des mentalen Trainings.“ Wiersig verlor auch nicht die Nerven, als ihn ein Hai umkreiste und er einen Buckelwal unter sich registrierte. Nach 18:46 Stunden betrat er zerschunden wieder Land, war etwa 55 Kilometer geschwommen – die längste Distanz der sieben Stationen.

Der Ire Stephen Redmond hat die sieben Herausforderungen 2012 als erster Mensch absolviert. André Wiersig ist das vor einem Jahr in dieser Reihenfolge gelungen.
Der Ire Stephen Redmond hat die sieben Herausforderungen 2012 als erster Mensch absolviert. André Wiersig ist das vor einem Jahr in dieser Reihenfolge gelungen. © Hintergrundfoto: Seven Oceans

Danach folgte jedes Jahr eine weitere Station. Wiersig bewältigte die Kälte zwischen Schottland und Nordirland, wurde vor Los Angeles von einem Seelöwen begleitet. Zwischen Japans Haupt- und Nordinsel musste er über einem weißen Seidentuch schwimmen, das Fischer wie einen Teppich durchs Meer schleppten – als Schutz vor Haien. Schließlich vollendete er 2019 in der Straße von Gibraltar unter Tränen die Serie. Er war der Erste, der jede Etappe im ersten Versuch bewältigte.

Glücklich und stolz war auch Peters, der unterwegs nicht einmal seekrank wurde. Er wusste: Als Teil eines perfektionierten Systems durfte er nicht patzen. Kaum eine Minute hat er auf seiner Begleit-Mission geschlafen – und Angstmomente erlebt: Zwischen Wellenbergen war Wiersig nachts plötzlich verschwunden. Scheinwerfer konnten nur kurz eingesetzt werden. „Wenn wir die länger benutzt hätten, wäre das wie Festbeleuchtung gewesen, und alles unter Wasser hätte sich genötigt gefühlt, mal nachzusehen, was es da oben so gibt“, erklärt Peters.

Am Ende hatten sie auch Glück. In den Wellen lauerten schließlich nicht nur unkalkulierbare Natur-Gefahren. Das spürte Wiersig schmerzhaft, als er im Ärmelkanal im Dunkeln auf eine schwimmende Europalette knallte. In Panik geriet er, als sich eine driftende Plastikplane wie ein überdimensionaler Schleier eng um seinen Körper legte. Es waren nicht die einzigen Boten maritimer Vermüllung.

Was Wiersig bewog, als Botschafter der Meeresstiftung zu versuchen, dem Öko-Umdenken neue Impulse zu geben. Damit bekam sein Projekt eine Botschaft. Die Finanzierung war kein Thema, zumindest nicht, als sie ihr Vorhaben angingen. „Wir fragten nicht, ob wir uns das leisten können“, gesteht Peters. „Wir haben erst mal losgemacht, Urlaub genommen und geglaubt, dass schon noch Sponsoren kommen.“ Das gelang einzig für den Japan-Trip. Von den 130.000 Euro Gesamtkosten waren wohl nur 25.000 Euro Sponsor-Leistungen, vermutet Peters und sagt: „Für die Familie blieb es eine Zumutung mit ewigen Trainings-Kilometern, stundenlangen Abhärtungs-Aktionen, den Kosten. Es war auch ein Ego-Trip.“

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Wie sehr das Familienleben gelitten haben muss, offenbart Wiersig mit einer Liebeserklärung an seine Frau Beate im ehrlichen Buch. „Im Nachhinein hätte ich vieles anders gemacht“, formuliert er in seiner Danksagung, „dich mehr eingebunden, ehrlich und offen, Dich teilhaben lassen an all meinen Gedanken. Du bist mein Zuhause. Ich hatte mich zwischendurch verloren da draußen.“

Der Schwager sah die Entwicklung, registriert aber eine Veränderung. „André ist durch die Meeres-Erfahrungen auch mehr ein Familienmensch geworden.“

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