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Der Mann für schwierige Fälle

Politikexperte Frank Richter aus Großenhain mischt sich in Dresden wieder einmal kräftig ein. Nicht jedem gefällt das.

Von Catharina Karlshaus

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Carola Görschel hat es nicht leicht. Gewohnt ist die Sekretärin ja vieles von ihrem Chef. Aber seit seinem Auftritt in Günter Jauchs Talkshow vor gut zwei Wochen reißt der Ansturm einfach nicht ab. Ununterbrochen klingelt das Telefon, die Gesprächs- und Interviewfragen würden mehr denn weniger, der Kalender gestatte keine Lücke und die zeitliche Koordination gewichtiger Diskussionsrunden bedürfe außerordentlichen Geschicks. Carola Görschel ist offenbar damit gesegnet. Gerade jetzt kommt es schließlich für den so Gefragten darauf an: Frank Richter, Theologe, Politprofi und scheinbar Mann für alle prekären gesellschaftlichen Fälle. Seitdem sich die Öffentlichkeit auf den in Großenhain aufgewachsenen 54-Jährigen stürzt, ist Carola Görschel sein probates Bollwerk im Vorzimmer. Wen sie letztlich zum Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung durchlässt, kann sich glücklich schätzen.

Denn: Frank Richter hat zurzeit keine Muse für illustre Plaudereien am Rande. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen, zwei Aktenordner bündeln die Zuschriften der vergangenen 14 Tage. Zum Antworten haben er und sein Team im Moment noch gar keine Zeit. Es übersteige die Möglichkeiten und die Aufgabe, die die Behörde im eigentlichen Sinne habe. „Wissen Sie, woran mich das erinnert? An die Praxis des Eingabewesens in der DDR. Da wandten sich die Leute auch an eine bestimmte Stelle und teilten ungeschnörkelt mit, wo gerade der Schuh drückt“, sagt Frank Richter und zeigt auf die abgehefteten Briefe. Belege dafür seien sie, dass den Menschen im Freistaat so einiges auf der Seele brennt. Dass sie gleichsam in der Lage sind, sich sehr intelligente Gedanken zu machen. Über nicht eingehaltene Wahlversprechen etwa, den Verkauf von Waffen an jene Länder, aus denen dann wiederum Familien nach Deutschland flüchteten oder die ganz natürliche Sorge um den Erhalt ihrer Altersabsicherung. Diese Absender in einen Topf zu werfen mit rechtspopulistischen und extremistischen Krawallbrüdern, die es tatsächlich bei Pegida gebe und für die das asylkritische Bündnis allseits Kritik und schmäh einsteckte, sei nicht richtig.

Was genau in dieser Situation einhundert Prozent richtig oder falsch ist, will sich Frank Richter nicht anmaßen, zu bewerten. Richtig fühlt sich für ihn noch immer die Entscheidung an, mit Vertretern von Pegida zu reden. Einen Dialog zu beginnen, vor dem sich Landespolitik und führende Vertreter auf Bundesebene teilweise auch jetzt noch immer drücken wollen. Kneifen sei für ihn, der schon im Herbst 1989 seinen Ruf als kluger, freundlicher und verbindlicher Vermittler in schwierigsten Lagen begründete, jedoch keine Lösung. Erst recht nicht in einer Demokratie. Dass er dafür gescholten wird, gar als „Steigbügelhalter für Rassisten“ bezeichnet wurde, ist bei aller Toleranz auch für ihn nicht hinnehmbar. Ohnehin müsse die seit Dezember von sich Reden machende Bewegung differenziert betrachtet werden. „Ich habe bei den Demonstrationen Hetzreden gegen Ausländer und Asylbewerber gehört. Insofern muss jeder, der Pegida folgt, wissen, wem er applaudiert und wen er unterstützt“, betont Frank Richter.

Als er im Sommer 1978 sein Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) „Wilhelm Pieck“ in Großenhain ablegt, kann er noch nicht ahnen, dass es derlei Gewissensfragen sind, die ihn zum Protagonisten auf der Bühne des Lebens machen werden. Dass er zwei Jahre nach seiner Priesterweihe 1987 in Dresden zum Mitbegründer der legendären „Gruppe der 20“ wird, mit der SED-Macht verhandelt und zu den führenden Köpfen der neuen Bürgerbewegung avanciert. Politiker werden will er dennoch nicht, arbeitet nach der Wende als Jugendseelsorger und Pfarrer und muss sich 2005 schließlich mit sich selbst auseinandersetzen. Wieder weicht er nicht aus, lässt sich wegen der Liebe zu einer Frau in den Laienstand zurückversetzen. „Mein Vater hat zu mir gesagt, im Auge des Taifuns ist es still. Und er hat recht behalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Gesellschaft dazu neigt, mitunter hysterisch zu reagieren und verlasse mich in Krisenzeiten eher auf den gesunden Menschenverstand, mein eigenes Urteilsvermögen und den barmherzigen Gott.“

Biografische Kleinode, die Frank Richter gerade in diesen Tagen wieder ausbreiten muss. Journalisten aus aller Welt interessieren sich plötzlich für den bescheidenen und völlig auf Selbstdarstellung verzichten wollenden Großenhainer. Die „New York Times“ klopfte ebenso an wie die französische „La Croix“ und der arabische Fernsehsender „Al Jazeera“. Was er den Reportern dann sagt? „Ich versuche ihnen zu erklären, dass Pegida ein Label ist, unter dessen Hülle sich viele ernste Probleme verbergen. Ein Stau von Gefühlen und Problemen, die sich Luft machen.“

Dass die Sachsen dabei wieder auf die Straße setzen, erkläre sich aus ihrer Geschichte. Immerhin habe man der Wende-Generation 25 Jahre lang erzählt, dass sie das damals, mit der friedlichen Revolution im Herbst 1989 ganz toll gemacht haben. Weshalb jetzt also nicht wieder zu diesem Mittel des Protests greifen, wo es doch so gut funktioniert hat? „Leider wird von vielen Mitläufern übersehen, dass sich der Unmut damals ausschließlich gegen die Machtelite richtete, dieser Tage aber fremdenfeindliche und rassistische Töne angeschlagen werden“, gibt Frank Richter zu bedenken. Dass sich fremdländisch aussehende Personen davor fürchten, Montagabends auf die Straße zu gehen, erschüttert ihn.

Was den Großenhainer außerdem aufhorchen lässt: Die Mehrzahl von Bedenken gegen die Einrichtung von Asylbewerberheimen erreiche ihn aus den Landkreisen Bautzen und Meißen. Die jüngsten Ereignisse in Radeburg, die Proteste gegen 50 Neuankömmlinge in Perba und der Widerstand gegen die Unterbringung im ehemaligen Hotel auf der Kupferbergstraße in seiner Heimatstadt machen ihn nachdenklich. Es sei sicher kein Zufall, dass der Unmut zahlreiche Röderstädter mit Transparenten, auf denen „Pegida Großenhain“ geschrieben steht, montags auf den Dresdner Theaterplatz treibt. „Die Akzeptanz für Asylbewerber steht und fällt auch mit dem Engagement und dem Geschick der Verantwortlichen, die Bevölkerung einzubinden und die wohlmeinenden Kräfte zu aktivieren“, sagt Frank Richter und verweist auf gute Beispiele aus ganz Sachsen.

An der Tür ist mittlerweile ein vorsichtiges Klopfen zu hören. Carola Görschel will ihrem Chef erklären, weshalb sein auf stumm geschaltetes Handy ununterbrochen vibriert. Der Vorstand von Pegida ist vor einigen Minuten zurückgetreten.

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