merken
PLUS

Der Mann fürs Verwinkelte

Jürgen Cieslak setzt sich für die Umgebindehäuser in der Oberlausitz ein. Dafür wurde er nun ausgezeichnet.

© SZ Thomas Eichler

Von Susanne Sodan

Das Prachtzimmer im Bulnheimschen Hof – es verdient seinen Namen. Die massiven Balken an der Decke sind bunt mit Blumen bemalt, Volkskunst aus dem 18. Jahrhundert. Ein Leintuchhändler wollte hier zeigen, wie gut die Geschäfte liefen – bevor er seinen Hof wegen einer Wirtschaftskrise 1779 verkaufen musste. „Das wurde alles mit Lasertechnik gereinigt und freigelegt“, erzählt Jürgen Cieslak. Unmöglich, ein ganzes Haus wieder in den Originalzustand zu versetzen. Einzelne Türen, Fensterläden und Wände aber zeigen, was über die Jahrhunderte von vielen Farbschichten verdeckt wurde. „Diese alte Bauweise, das Gemütliche habe ich schon in meiner Kindheit geliebt“, erzählt der 71-Jährige. Er wuchs in Seifhennersdorf auf, nicht in einem Umgebinde-, sondern in einem Massivhaus. „Viele meiner Freunde aber wohnten in den alten Holzhäusern. Dort habe ich gerne viel Zeit verbracht.“ Wird heute in der Oberlausitz ein Umgebindehaus renoviert, ist Cieslak als Vorsitzender des Sächsischen Vereins für Volksbauweise oft dabei.

JABS
JABS – Euer Zukunftsportal
JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

„Selber anpacken ist nicht mehr drin. Vieles kann da auch schiefgehen. Das sollte man Spezialisten überlassen.“ Der Verein hilft weiter, wenn es darum geht, Förderanträge zu stellen und die richtigen Ansprechpartner zu finden. Ganz freiwillig war Cieslaks Engagement zumindest am Anfang nicht. Eigentlich ist der Seifhennersdorfer Ofensetzer, studierte in den 60er Jahren Wärmetechnik und Ingenieurpädagogik in Dresden. Auch die Öfen im Bulnheimschen Hof sind unter seiner Regie wieder hergerichtet worden – nach historischem Vorbild.

Anfang der 70er Jahre ging es für ihn zurück nach Seifhennersdorf. „Damals hatte sich vieles gewandelt. Der Zeitgeist war ein anderer“, erinnert sich Cieslak. Stahl, Beton und Glas dominierten die Architektur. Kleine Fenster, Holz und verwinkelte Gemütlichkeiten waren nicht mehr modern. Auch als Cieslak für seine Familie das eigenen Haus baute, war das kein Umgebindehaus. „Ich stand eines Tages auf dem Gerüst, da kam ein Mann vorbei“, erzählt er. „Der versuchte mich in einer fast schon militanten Weise zu überzeugen, dass ein Umgebindehaus doch das einzig Wahre sei.“ Frank Delitz, ein Orchestermusiker, stieß bei dem Ofensetzer auf offene Ohren. Mit Trabi und Kamera reisten sie von Nordböhmen bis nach Thüringen – auf der Suche nach Umgebindehäusern. „Ich hatte ein Auto, er nicht. Also musste ich immer mit“, erinnert sich Cieslack lachend.

Aus den Fotos und Notizen dieser Zeit wurde die erste Veröffentlichung. 30 Seiten über die Besonderheiten von Umgebindehäusern, gedruckt auf der Vervielfältigungsmaschine einer Schuhfabrik. „Das meiste Interesse an unserer Arbeit kam uns eigentlich in den 80er Jahren entgegen“, erzählt Cieslak. Damals war er auch im Bezirksfachausschuss für Volksbauweise tätig. Und in der Zeit kam der Ofensetzer doch noch an das eigene Umgebindehaus. Eine Umgebinde-Ruine neben der Seifhennersdorfer Kirche, die Cieslak vor dem völligen Verfall retten wollte. „Irgendwie scheint die Leidenschaft für diese Häuser doch abgefärbt zu haben“, sagt Cieslak.Vier Töchter hat er. „Sie haben alle in der ganzen Welt gearbeitet und gelebt. Und plötzlich kam eine nach der anderen wieder und wollte in das Haus.“ Mittlerweile hat der Rentner ein neues Projekt, wieder ein Umgebindebindehaus in Seifhennersdorf. „Das Gebäude ist 400 Jahre alt. Die Gemeinde wollte und konnte es nicht übernehmen“, sagt Cieslak. 15 Jahre lang stand das Haus leer und wurde vom Hochwasser 2010 schwer getroffen. Jetzt versucht der Verein es zu retten. „Wenn wir es schaffen, wollen wir es als Schauhaus erhalten.“

Für sein Engagement wurde Cieslak im Mai von Ministerpräsident Stanislaw Tillich mit dem Sächsischen Verdienstorden ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung, die der Freistaat vergibt. Damit steht Jürgen Cieslak nun in einer Reihe mit Kurt Masur oder auch den Machern der Chemnitzer Kunsthallen. „Wer mich für den Preis vorgeschlagen hat, weiß ich nicht. Ich sehe mich da als Vertreter für alle, die sich für Traditionen in der Oberlausitz einsetzen.“