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Der Mann mit dem 800-Millionen-Euro-Honorar

Der Insolvenzverwalter der US-Bank Lehman Brothers in Deutschland kassiert ein Abwicklungshonorar, das ungeheuerlich klingt.

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Von Ulrich Wolf

In Deutschland muss alles seine Ordnung haben. Dazu dienen auch Verordnungen. So gibt es eine Verordnung über die gesonderte Feststellung von Besteuerungsgrundlagen. Oder eine Verordnung über die Erstattung von Aufwendungen der Träger der Rentenversicherung im Rahmen des Versorgungsausgleichs. Oder eine Verordnung über Anlagen zur Lagerung, Abfüllung und Beförderung brennbarer Flüssigkeiten zu Lande. Und natürlich gibt es auch eine Insolvenzrechtliche Vergütungsordnung, kurz InsVV.

Die stammt von August 1998 – und stößt beim größten deutschen Abwicklungsverfahren aller Zeiten offenbar an ihre Grenzen. Denn für Michael Frege spuckt sie bis zu 800 Millionen Euro Honorar aus.

Der Mann ist Rechtsanwalt, 53 Jahre alt und Bruder von Campino. Anders als der Sänger der Rockband „Tote Hosen“ verdient Frege eher auf die ruhige Tour seine Brötchen: als Partner der auf Wirtschaftsrecht spezialisierten Kanzlei CMS-Hasche-Sigle, unter anderem mit einem Büro am Leipziger Augustusplatz. Von dort aus betreut Frege etwa die Insolvenzen der IAB Ingenieur- und Anlagenbau AG oder der Geithainer Emaillierwerk GmbH. Auch bei der Pleiteabwicklung des Versandhändlers Neckermann mischt Frege mit.

Sein größter Auftrag aber ist ihm in Frankfurt am Main an die Angel gegangen: die Abwicklung der deutschen Tochter von Lehman Brothers; von jener US-Bank also, deren Zusammenbruch im September 2008 die weltweite Finanzkrise auslöste. Wider ersten Erwartungen gibt es bei der deutschen Lehman-Tochter mehr zu holen als gedacht: Die Insolvenzmasse beläuft sich in Deutschland auf gut 15 Milliarden Euro – davon stehen allein der Bundesbank 5,6 Milliarden zu.

Bei solchen Summen und so einem großen Abwicklungsaufwand spuckt die InsVV eben 800 Millionen Euro aus. Anwalt Frege hat das sogar gutachterlich prüfen lassen und ist damit selbst in die Öffentlichkeit gegangen. Wohl aus gutem Grund: Seine Kanzlei teilte mit, Fondsgesellschaften aus den USA hätten gedroht, die Honorarhöhe in den Medien zu skandalisieren, sollten sie als Gläubiger nicht bevorzugt behandelt werden. „Es wurde versucht, Herr Frege unter Druck zu setzen, damit er vom Grundsatz der Gleichbehandlung sämtlicher Gläubiger abweicht“, teilte die Kanzlei CMS mit.

Bislang hat die Großkanzlei rund 100 Anwälte und Insolvenzspezialisten für den Lehman-Auftrag eingesetzt. Bei einem zugrunde gelegten Stundensatz von 300 Euro belaufen sich die bisherigen Kosten des nun schon vier Jahre laufenden Verfahrens auf 210 Millionen Euro. Ein Drittel davon hat das zuständige Insolvenzgericht in Frankfurt am Main schon genehmigt. Wie hoch der Anteil für Frege direkt sein wird, bezifferte die Kanzlei nicht. Man wolle nicht das Maximale herausholen, hieß es. „Aber wir benötigen ein Honorar, das eine Erfolgskomponente enthält und unsere Haftungsrisiken berücksichtigt.“

Frege erwartet, dass die großen Lehman-Gläubiger wie die Bundesbank auf 20 Prozent ihrer Forderungen verzichten müssen. Üblicherweise fallen in Insolvenzverfahren um die 90 Prozent unter den Tisch. Von dem erwarteten Geldsegen für die institutionellen Gläubiger werden die geschädigten Kleinanleger aber nicht profitieren. Ihre Wertpapiere wurden in der Regel von der niederländischen Lehman-Tochter ausgestellt, über deren Insolvenz-Ausschüttung noch nicht entschieden ist. Verbraucherschützer rechnen mit einer Erstattung von „20 Prozent plus X“ der ursprünglichen Anlagesumme. (mit dpa)