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Der Mann mit dem Maßband

Christoph Göthe prüft in Krögis regelmäßig den Grundwasserstand. Bisher ist jedes Hochwasser wieder verschwunden.

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Von Sandro Rahrisch

Endlich, der Pegel steigt wieder. „Um 15 Zentimeter haben Schnee und Regen den Wasserstand schon nach oben getrieben“, sagt Christoph Göthe, während er auf dem kalten Betonboden seiner Garage kniet. In den Händen hält der 78-Jährige ein Maßband, dessen Anfang bereits in dem kleinen Loch im Estrich verschwunden ist. „Fünf Meter, sechs Meter, sieben Meter - jetzt wird es spannend“, sagt der Rentner und wird von einem Piepton aus der finsteren Öffnung unterbrochen. Abrupt hört Göthe auf, das Band weiter abzuwickeln, und blickt auf die Skala. „7,42 Meter, das ist gut.“ In dieser Tiefe hat der Sensor am Maßband gerade die Wasseroberfläche berührt - unter dem Krögiser befindet sich ein elf Meter tiefer Brunnen.

Göthe, der den Grundwasserstand viermal im Monat für die sächsische Umweltbetriebsgesellschaft misst, steckt den Gummipfropfen in das Loch, richtet sich wieder auf und geht zur Werkbank. Er zeigt die vergilbten Pressspan-Tafeln, die voller Tabellen sind. Die mit Bleistift eingetragenen Messwerte muss Göthe heute gegen das Licht halten, um sie noch lesen zu können. Es sind seine allerersten Aufzeichnungen von 1974.

Dass sich Göthe vor fast 40 Jahren bereit erklärte, den Grundwasserstand regelmäßig abzulesen, hatte praktische Gründe. „Vorher hat das ein älterer Mann aus dem Ort gemacht“, sagt der pensionierte Biologie- und Chemielehrer. „Der klingelte uns aber immer Sonntag früh aus dem Bett. Da habe ich den Vorschlag gemacht, ab sofort selbst zu messen.“ Heute erinnern er und seine Frau sich gegenseitig daran, wenn wieder eine Messung fällig ist – die Umweltbetriebsgesellschaft schreibt das Datum vor.

Im Schnitt schwankt der Wasserstand unter Krögis um die 70 Zentimeter im Jahr. Damit ist der Pegel nach Aussagen des ehrenamtlichen Grundwasserbeobachters relativ konstant. Was die Schneeschmelze und der darauffolgende Regen im Januar 2011 in seinem Brunnen veranstalteten, hatte aber auch Göthe noch nicht oft erlebt. Rund einen Meter stand das Wasser damals höher als normal. In zehn Jahren passiert das vielleicht an vier, fünf Tagen, verrät ein Blick auf die Pressspan-Tafeln.

Aber auf keinen Fall könne die Rede davon sein, dass der Wasserstand über die Jahre kontinuierlich angestiegen sei. Göthe kann das beweisen. Denn die ersten Messungen in seinem Brunnen stammen von 1928. Und der Pegel ist seither gleichgeblieben. Nach der Dürrezeit der letzten vier Monate erhole sich der Wasserstand nun erst einmal. Der Pegel hatte sich im Herbst den jemals gemessenen Tiefstständen genähert.

Bevor der aus Bruchsteinen gemauerte Brunnen mit Doppel-T-Stahlträgern, einer Betondecke und schließlich der Garage überbaut wurde, besaß die Wasserquelle noch einen Schwengel, mit dem das Wasser heraufgepumpt wurde. „Bis zur Wendezeit gab es keine zentrale Wasserversorgung im Ort. Früher waren wir froh, dass wir den Brunnen hatten.“ Allerdings stieg im Laufe der Jahre der Nitratgehalt im Wasser so stark an, dass man es nicht mehr zur Versorgung nehmen konnte. Ein Misthaufen auf dem gegenüberliegenden Grundstück war daran schuld, vermutet Göthe.

Wie alt der Brunnen ist, lässt sich schwer sagen. „Unser Haus ist Ende des 19. Jahrhunderts gebaut worden. So lange gibt es den Brunnen mindestens schon.“

Seine Messung von gerade eben trägt Göthe in eine Postkarte ein, die er am Ende des Monats an die Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft nach Radebeul schicken wird. Dort werden die Daten ausgewertet. Übrigens feiert die Grundwasserbeobachtung in Sachsen ihr 100-jähriges Jubiläum und ist damit eine der ältesten in Deutschland. Die Königlich Sächsische Geologische Landesanstalt richtete ab 1912 ständige Grundwassermessstellen ein. Ende 1921 gehörten bereits 630 Privat-, Gemeinde- und Wirtschaftsbrunnen zum staatlichen Messnetz. Ein großer Teil der Wirtschaftsbrunnen wird heute noch beobachtet. Derzeit umfasst das Grundwassermessnetz 1 480 Messstellen, die von 650 Beobachtern betreut werden.

Im November ist Christoph Göthe 78 Jahre alt geworden. Wie lange er noch messen kann, weiß er nicht. Und wer die Aufgabe später übernehmen soll? Der Rentner zuckt mit den Schultern. „Meine Kinder sind nach dem Abitur weit weggezogen.“ Trotzdem müsse weitergemessen werden - für die Generationen nach ihm, sagt er.