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Der Mann unterm Sitz

Illegale Einreise beschäftigte die Bundespolizei auch 2017. Ein kleines Land besetzte dabei den Spitzenplatz: Moldawien.

© Bundespolizei

Von Jörg Stock

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Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Ein typischer Fall: Morgens gegen sieben stoppen Bundespolizisten einen Kleinbus an der A 17. Der rumänische Fahrer hat fünf Passagiere an Bord, Männer aus Moldawien, zwischen 23 und 36. Sie wollen einen Freund besuchen, bei Berlin. Name? Adresse? Haben sie nicht. Aber sie haben Arbeitsklamotten dabei, mit Farbflecken und Mörtelklecksen. Es gehört sich doch, sagen sie, wenn man zu Besuch kommt, dass man nebenbei ein bisschen hilft. Aber daraus wird nichts. Spätestens am nächsten Tag wird die „Reisegesellschaft“ zurück nach Tschechien geschoben. Den Fahrer setzt man als mutmaßlichen Schleuser vorerst fest.

Die Bilanz der Bundespolizei

Nur ein Fall unter vielen. Hier die Bilanz der Bundespolizei für 2017 im Landkreis.

Vorgebliche Touristen als Schwarzarbeiter im Visier


Die Bundespolizeiinspektion Berggießhübel, zuständig für die Sächsische Schweiz und das Osterzgebirge, hat im vergangenen Jahr 5 381 Straftaten aufgedeckt – für den Inspektionschef, Sven Jendrossek, eine immense Leistung. Gesetzesbrecher kämen schließlich nicht von allein zu den Beamten. „Wir müssen jeden Tag motiviert sein, um uns die Richtigen rauszupicken.“

Bei gut 60 Prozent der Delikte ging es um illegale Einreise. Kriegsflüchtlinge waren selten darunter, kaum dreißig Syrer, noch weniger Iraker und Afghanen. Menschen vom Balkan trafen die Polizisten schon häufiger an, meist aus Serbien. An der Spitze der Statistik aber steht mit großem Vorsprung Moldawien, ein Zwergstaat hinter Rumänien, kaum doppelt so groß wie Sachsen. 227 Moldawier wurden bei der illegalen Einreise 2017 erwischt.

Ohne Weiteres dürfen Moldawier nur als Touristen nach Deutschland kommen. Die meisten aber wollen arbeiten. Sie spiegeln den Besuch nur vor. Die Polizei durchschaut das Manöver regelmäßig. Deshalb geben sich die Moldawier gern als EU-Bürger aus, indem sie gefälschte rumänische Ausweise vorlegen. Dahinter steht straffe Organisation, sagt Inspektionschef Jendrossek. Die Helfer besorgen die Pässe, Wagen und Fahrer, ein Quartier in Deutschland, einen Mittelsmann für die Behördengänge und einen Chef, der die Illegalen einstellt. „Jeder verdient ein bisschen mit.“

Wie flexibel die Organisation agiert, erlebten Berggießhübler Polizisten im September 2017. Da kontrollierten sie bei Cotta den Kleinbus eines Moldawiers. Der hatte drei Tage zuvor einen Landsmann mit einem anderen Wagen einschleusen wollen. Sie filzen sein Fahrzeug und fanden denselben Mann: diesmal versteckt in einem getarnten Hohlraum unter der Rücksitzbank.

Aufrüstung für den Kampf auf der Straße vereitelt

Ein Kleintransporter mit Berliner Kennzeichen schleicht an einem Februarmorgen durch Pirna. Den mussten die Beamten einfach kontrollieren – und bewiesen damit Spürsinn: Die zwei türkischstämmigen Insassen hatten rund 2 900 Elektroschocker, getarnt als Taschenlampen, geladen, dazu 300 Schlagringe und 600 Schlagstöcke.

72 Verstöße gegen das Waffengesetz haben Beamte der Inspektion 2017 aufgedeckt – ein moderater Anstieg im Vergleich zu 2016. Einzelstücke werden oft leichtfertig auf den Grenzmärkten gekauft. Im Fall des Massenfunds im Transporter steckte ein Geschäft dahinter. Die illegale Ausrüstung war, wie Sven Jendrossek sagt, für den „Kampf auf der Straße“ gedacht. Zu dieser Kategorie zählten auch dutzende Baseballschläger sowie Einhandmesser und Macheten, die 2017 sichergestellt wurden.

Eine Rarität waren die 18 schussfähigen Trommelrevolver, gefunden bei einer Kontrolle auf der A 17 im Juni. Die Besitzer, zwei junge Deutsche, möglicherweise aus der Türsteherszene im Raum Kassel, zeigten sich überrascht, etwas Verbotenes getan zu haben. Sie erklärten, die Waffen für befreundete Sportschützen aus purer Gelegenheit auf einem Prager Flohmarkt gekauft zu haben. Der Richter beließ es bei milden Bewährungsstrafen.

Diebesbeute vom Schokoriegel bis zur Rüttelplatte sichergestellt


65 Fuhren Diebesgut hat die Berggießhübler Bundespolizei 2017 aus dem Verkehr gefischt. Geklaut wird alles, was handlich und leicht zu kriegen ist, vor allem kleinere Werkzeuge wie Bohrmaschinen, Kettensägen, Akkuschrauber, auch Autoreifen und Fahrräder. Selbst Kosmetikprodukte, Genussmittel und Süßigkeiten stehen auf der Liste. So finden die Beamten mitunter mehrere hundert Tafeln Schokolade oder Massen von Schokoriegeln. Kassenzettel oder sonstige Eigentumsnachweise haben die Angehaltenen so gut wie nie zu bieten. Die übliche Ausrede: auf dem „Basar“ gekauft. Dann forschen die Bundespolizisten im SIS, dem Schengener Informationssystem, nach, ob das Gefundene als gestohlen gemeldet wurde oder kontaktieren die Polizei im vermuteten Herkunftsland. So konnten zum Beispiel Werkzeugdiebstähle in Schweden und in Großbritannien – dabei ging es um eine ausgewachsene Rüttelplatte – aufgeklärt werden.

Ertappte für insgesamt 42 Jahre hinter Gitter geschickt


Die Berggießhübler sind vor allem Fahnder. Sie suchen für Behörden aller Art – inländische und ausländische – nach Personen und Sachen. 2017 haben sie fast 3 500 gesuchte Personen festgestellt. 486 Haftbefehle wurden vollstreckt – über hundert mehr, als noch 2016. Die Summe der eingetriebenen Strafgelder nahm um rund 50 000 Euro zu und belief sich auf beinahe 130 000 Euro. Außerdem musste so mancher Ertappte nun doch noch seine Haftstrafe antreten – insgesamt rund 42 Jahre.