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Meißen

„Der Markt ist völlig außer Kontrolle“

Wenn der Staat nicht schnell handelt, gibt es vielleicht bald keine Reiseveranstalter mehr. Das befürchtet Lutz Thieme, Geschäftsführer von Meissen-Tourist.

Besorgt über die aktuelle Situation: Meissen-Tourist-Chef Lutz Thieme sieht große Gefahren für seine Branche.
Besorgt über die aktuelle Situation: Meissen-Tourist-Chef Lutz Thieme sieht große Gefahren für seine Branche. © Claudia Hübschmann

Meißen. Seit Dienstagmorgen warnt die Bundesregierung vor weltweiten Reisen, die nicht notwendig sind. Die SZ hat sich vergangene Woche mit Geschäftsführer Lutz Thieme getroffen und über die Folgen für Meissen-Tourist sowie seine Kunden gesprochen.

Herr Thieme, wie empfinden Sie den Ausnahmezustand wegen des Coronavirus?

Wir haben eine Situation wie jeder Veranstalter weltweit, die es noch nie gab. Diese Entwicklung war so nicht vorherzusehen. Die angespannte Gelassenheit von vor zwei Wochen ist vollständig gewichen. Wir leben damit, dass wir stündlich neue Nachrichten verarbeiten müssen. Das Schlimmste ist, so empfinden das viele, dass wir bis dato völlig auf uns allein gestellt sind. Es gibt vonseiten der Bundespolitik und Behörden keine Richtlinie, nichts.

Was fehlt Ihnen vonseiten der Politik?

Die unübersichtliche Lage wird zunehmend ein Problem. Wir würden uns eine klare politische Anweisung wünschen. Zum Beispiel für den Reiseverkehr mit konkreten Fristen, die wir auch umsetzen können. Aber die Regierung tut das nicht. Wir als Veranstalter müssen handeln. Man verschiebt einfach die Entscheidungsebene von der Politik hin in die Handlungsebene.

Was heißt das für Meissen-Tourist?

Wir wollen dem Kunden einerseits die größtmögliche Sicherheit bieten und sind andererseits ein Unternehmen, das wirtschaften muss. Nach dem deutschen Reiserecht bin ich als Pauschalreiseveranstalter dafür verantwortlich, dass die Gäste reisen dürfen, solange nicht klar definierte Umstände dagegensprechen. Erst dann müssen wir den vollen Reisepreis erstatten. 

Das heißt: Wir befinden uns am Anfang der Saison, das Hauptgeschäft liegt vor uns. Unsere Vorarbeit, die wir ein Jahr geleistet haben, mit allen Investitionen, die notwendig waren, zeigen jetzt keine Wirkung mehr. Im Gegenteil: Wir haben aktuell vielmehr damit zu tun, wie wir Leute informieren können, zum Beispiel über Absagen und die operative Organisation von ungeplanten Rückreisen. Zudem gibt es Kunden, die kein Verständnis für die Situation haben. Die uns heute zu gebuchten Reisen befragen, die im zweiten Halbjahr liegen. Dafür können wir derzeit aber keinerlei Aussagen treffen. Und bei aktuellen Reisen sind wir an rechtliche Vorgaben gebunden.

Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel Italien ist ein Reiseland, das im Moment nicht befahrbar ist. Wir können unter anderem dann reagieren, wenn das auswärtige Amt eine Reisewarnung herausgibt. Dann sind wir juristisch auf der relativ sicheren Seite. So können wir sagen, dass wir die Reise nicht durchführen können und absagen müssen. Dann bekommt der Kunde den Reisepreis erstattet, unser Ertrag ist also weg. 

Außerdem haben wir das Problem, dass wir mit vielen Partnern wie Hoteliers oder Anbietern von Kreuzfahrten zusammenarbeiten. Die erwarten vertragstreues Verhalten mit entsprechenden Zahlungen. Wenn es keine Reisewarnung gibt, können diese Partner auf ihr vertragliches Entgelt beharren. Im Ernstfall zahlen wir also an den Vertragspartner und müssen gleichzeitig dem Kunden das Geld zurückerstatten. In Italien gibt es nur einen Hinweis des Auswärtigen Amts, dass das Land derzeit bis zum 3. April nicht bereist werden soll. Das heißt, dass wir nur bis dahin handlungsfähig sind.

Wie ernst ist die Lage für Ihr Unternehmen?

Wir sind gut gerüstet für Krisen, dafür haben wir entsprechende Polster aufgebaut. Da aber der Umfang der Krise alles bisher Dagewesene übertrifft, kann man keine Vorhersage treffen. Wir hatten einen guten Buchungsvorlauf ab November 2019 für die kommende Saison und bis Januar ein Plus von 18 Prozent. Das ist ungewöhnlich viel. Anfang Februar verunsicherte sich der Markt. Das hat sich weiter potenziert. Jetzt ist er völlig außer Kontrolle geraten. Bei allen Veranstaltern. Es gibt kaum noch Neubuchungen, die Stornoquote ist groß. Das führt zu einer nicht kalkulierbaren Verwerfung.

Das heißt, kompletter Einnahmenausfall?

Genau. Trotzdem sind wir für unsere Kunden da. Wir versuchen, so gut wie möglich zu entscheiden. Das Problem: Wir können aussagen nur für sehr kurze Zeiträume treffen, da sich die Lage stündlich ändert. Wir sind permanent mit unseren europäischen Agenturen in Verbindung, um für den Kunden Klarheit zu schaffen. Finanziell kann ich keine Vorhersage treffen. Heute liegen ganze Flotten an Kreuzfahrtschiffen in Häfen, die sonst 365 Tage im Jahr fahren. Man kann sich ausmalen, was das bedeutet. Wir haben auch täglich mit Flugabsagen zu tun.

Brauchen Veranstalter jetzt finanzielle Hilfen?

Zunächst müssen wir von einem nachhaltigen Schaden ausgehen, selbst wenn morgen die Krise beendet wird. Welche Einbußen wir haben, wird sich in den nächsten Wochen zeigen, wenn wir zum Beispiel allen Kunden das Geld zurückzahlen müssen. Das ist bei unseren Partnern wie Hotels, Gaststätten oder Reiseführern nicht anders. Die ersten politischen Maßnahmen der Politik sind für uns dabei nicht relevant. Ich kann derzeit niemanden in Kurzarbeit schicken. Denn ich brauche jeden Mitarbeiter, damit wir im Sinne der Gäste agieren können. Ob Kredite, Steuererleichterungen oder sogar finanzielle Hilfen – Hauptsache der Staat entscheidet schnell. Sonst gibt es im nächsten Jahr vielleicht keine Veranstalter mehr, auch keine Großveranstalter.

Welche Auswirkungen haben Ihre Kunden nun zu befürchten?

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Der einzige, der gut dran ist, ist derzeit der Kunde beim Pauschalreiseveranstalter. Er ist abgesichert. Wir sorgen für ihn und tragen alle finanziellen Risiken. Ob wir die am Ende tragen können, wissen wir nicht. Wenn wir die Reise absagen müssen, bekommt der Kunde eine Erstattung der bisher geleisteten Zahlungen zurück. Da gibt es gesetzliche Vorgaben. Aber solange wir eine Reise durchführen können, sind wir dazu auch verpflichtet. Denn wenn ein Kunde weiterreisen möchte, und wir die Reise ohne triftigen Grund absagen, hat er Anspruch auf Schadenersatz. Ansonsten greifen bei uns die Stornobedingungen. Der Kunde kann zu jeder Zeit stornieren, muss jedoch eine entsprechende Gebühr zahlen.

Das Gespräch führte Martin Skurt.

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