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Der Menschenfänger

Seit fünf Jahren ist Thomas Zenker Zittaus Oberbürgermeister. Er hätte die Kleinstadt wohl gern größer. Doch groß sind auch die Steine im Weg. Eine Betrachtung.

Mit seinen Reden - wie hier bei einer Pressekonferenz - kann Thomas Zenker seine Zuhörer meistens für sich gewinnen. Heute vor fünf Jahren hat er sein Amt als Zittauer Oberbürgermeister angetreten.
Mit seinen Reden - wie hier bei einer Pressekonferenz - kann Thomas Zenker seine Zuhörer meistens für sich gewinnen. Heute vor fünf Jahren hat er sein Amt als Zittauer Oberbürgermeister angetreten. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es sind Auftritte wie der im Februar letzten Jahres in der Sächsischen Ländervertretung in Brüssel: Locker, souverän und ganz ohne Pathos steht Thomas Zenker da auf der Bühne. Er spricht mit sympathischen und klugen Worten, beinahe im Plauderton. 

Seine Rede von der großen Idee zur Kulturhauptstadt-Bewerbung dauert nur wenige Minuten. Aber die reichen dem Oberbürgermeister der kleinen Stadt Zittau, um den Amtskollegen aus den Großstädten Dresden und Chemnitz die Schau zu stehlen. Die Herzen seien ihm in Brüssel nur so zugeflogen, wird es später heißen. Mancher sagt, Thomas Zenker ist ein Menschenfänger. Heute vor fünf Jahren hat der 45-Jährige sein Amt im Zittauer Rathaus angetreten.

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Er kann aber auch wirklich großartig reden, emotional, energiegeladen, begeisternd, oft auch mit einem kleinen Nebensatz ins Persönliche. Er schafft es fast immer, seine Zuhörer zu überzeugen von dem, was er sagt und will. Als es zum Beispiel letztes Jahr in Großschönau darum geht, dass die Gemeinde wieder in die von ihm geführte Touristische Gebietsgemeinschaft (TGG) eintreten - und einzahlen - soll, was die Gemeinderäte aber nicht so recht wollen, taucht er spontan in der entscheidenden Gemeinderatssitzung auf - und redet. Großschönau ist nun wieder drin in der TGG.

Zittaus Ansehen hat an Glanz gewonnen

Thomas Zenker hat neben Geschichte und Germanistik auch Kommunikation studiert, seine Rhetorik ist ausgezeichnet geschult. Für einen Mann im Amt eines Stadtoberhaupts ist das von großem Vorteil. Das verblasste Ansehen der Stadt hat in den fünf Jahren seiner Amtszeit wieder an Glanz gewonnen - deutschlandweit und auch darüber hinaus. Mit Zwickau wird Zittau nur noch höchst selten verwechselt. Reisejournalisten loben die Stadt und die Gegend drumherum in höchsten Tönen als Geheimtipp. Das Verhältnis zu den Nachbarn im Dreiländereck ist so freundlich und konstruktiv wie noch nie.

Nicht zuletzt dieser kühnen Idee der Kulturhauptstadt-Bewerbung ist das zu verdanken. Was aus der Bewerbung geworden ist, ist bekannt. Es ist Thomas Zenker und seinem Team nicht gelungen, die große Idee auch mit konkreten Inhalten zu füllen. Die internationale Jury wollte mehr sehen als schöne Präsenationen, wollte wissen, was sich hinter den wohlklingenden Worten verbirgt.

Aber der Mann für die kleinen Dinge ist Thomas Zenker eher nicht. Er ist der Stratege, der Vordenker, der Visionär. Der Name seiner Wählervereinigung, "Zittau kann mehr", ist sein Programm. Um die Dreckecken in der Stadt will er sich nicht selber kümmern müssen. Und eigentlich müsste er das auch gar nicht - auch wenn mancher Zittauer das von seinem Oberbürgermeister erwarten mag.  

Thomas Zenker hätte gern einen Mann für die städtischen Alltagsaufgaben gehabt. Er hat in den fünf Jahren seiner Amtszeit das halbe Rathaus umgekrempelt und die neue Struktur darauf ausgerichtet, dass er einen Beigeordneten bekommt, einen zweiten Bürgermeister, dem er die reinen Verwaltungsaufgaben delegieren kann. Dann hätte er mehr Zeit und Kraft für sein Ding: die strategische Stadtentwicklung, für die große Linie und langfristige Projekte.

Im Rathaus fehlt der zweite Mann

Die Strategie aber, auf der der Verwaltungsumbau basiert, ist nicht aufgegangen. Im Rathaus fehlt ihm der zweite Mann. Die Wahl des Beigeordneten ist mit dem falschen Bewerber zuerst eine Farce, mit dem zweiten dann eine Notlösung - im Stadtrat nur knapp zustande gekommen und nicht von Dauer: Kein halbes Jahr nach seiner Wahl zum Bürgermeister hat Philipp Fay schon wieder das Handtuch geworfen. 

Den Bürgermeister-Posten doch noch zu besetzen, dafür wird Thomas Zenker in dieser Amtszeit im Stadtrat keine Mehrheiten bekommen. Und hier steckt im Grunde das größte Problem des Oberbürgermeisters von Zittau: Im Stadtrat, in dem seit der letzten Kommunalwahl vor anderthalb Jahren die AfD stärkste Kraft ist, braucht er nicht nur den Rückenhalt seiner eigenen Wählervereinigung Zkm, sondern auch Unterstützer aus den anderen Interessengrüppchen, Parteien und Wählervereinigungen. Er muss überzeugen, wenn er Beschlussvorlagen in seinem Sinne durchsetzen will.

Das ist für ihn um so schwieriger, weil im Zittauer Stadtrat neben Partei-, Fraktions- und Wählervereinigungs-Interessen oft auch persönliche Befindlichkeiten regieren oder private Machtkämpfe ausgetragen werden. Da platzt dem OB auch schon mal der Kragen. Vor allem, wenn er es mit vermeintlichem Kleingeist zu tun hat, mit Ablehnung aus Prinzip oder Geht-nicht-Sagern. Das sind dann meist barsche Worte.

Schwierige Machtkämpfe in der Stadt

Die Machtkämpfe im Stadtrat machen es Thomas Zenker schwer. Das wirkt auch nach außen und auf seine Arbeit als Chef der Verwaltung. Es sind große Steine, die er da immer wieder aus dem Weg räumen muss, um auf seiner Linie zu bleiben. 

Kritiker und Gegner kann er da nicht brauchen. Gleich gar nicht im Rathaus. Manche Personalentscheidungen als Dienstherr der Verwaltung aber sind umstritten. Und sie sind auch nicht immer glücklich: Eine leitende Angestellte, die Zenker 2017 fristlos kündigt, hat voriges Jahr vor dem Arbeitsgericht einen Vergleich erwirkt. Die Kämmerin, der er 2016 öffentlich ihre Arbeit am Haushaltsplan um die Ohren wirft, ist seitdem krank. Erst letzten Monat hat ihm der Stadtrat die Zustimmung zum Rausschmiss eines Referatsleiters verwehrt, den er loswerden will.

Als es vor Kurzem aber darum geht, zu einem unsäglichen Twitter-Post seines Pressesprechers und Duz-Freundes, Kai Grebasch, Stellung zu beziehen, bleibt der Oberbürgermeister ungewöhnlich zurückhaltend. Zenker, sonst nie und zu keinem Thema um eine Wortmeldung verlegen, sagt in diesem Fall - nichts.

Viel geschafft - noch viel zu tun

Wer ihn auf dem kommunalpolitischen Parkett erlebt, gewinnt den Eindruck, dass er seine Kleinstadt wohl gerne größer hätte. Nicht etwa, weil er sich und seine Stadt überschätzt, sondern vor allem auch, weil sie sich selber viel zu oft kleiner macht, als sie ist. Auch deshalb sein Plan von der Kulturhauptstadt-Bewerbung und sein stetiger Appell an mehr Selbstbewusstsein.

Dafür, die Stadt selbstbewusster zu machen,  hat Thomas Zenker in den bisherigen fünf Jahren seiner Amtszeit einiges getan: Er hat der Stadt wieder Mitspracherecht am Theater gesichert. Er hat Rückkehrer- und Vergabe-Börsen ins Leben gerufen, um Fachkräfte in die Region zu holen und einheimischen Firmen Planungssicherheit zu geben. Er hat die Sanierung der Schulen vorangetrieben, den Bau eines neuen Kindergartens und den Abriss im alten Armeegelände.

Mit den beiden großen Problem-Ruinen lief und läuft es weniger gut: Mandaukaserne und Roburbrache verfallen weiter vor sich hin - ohne Investor und ohne Idee. Dabei waren für die Sicherung der Mandaukaserne schon Fördermittel zugesagt.

Und auch vom frischen Wind, den er in den Tourismus bringen wollte, ist bisher höchstens ein Lüftchen zu spüren. Der Fremdenverkehr in der Stadt und im Naturpark  Zittauer Gebirge wird unter dem Dach der Stadtentwicklungsgesellschaft mehr verwaltet als gemanagt. An den angekündigten neuen, innovativen Vermarktungs-Ideen für die Region fehlt es noch.

Die verbleibenden zwei Jahre seiner ersten Amtszeit werden für Thomas Zenker nicht leichter. Im Gegenteil. Er wird mangels ausreichend Geld in der Stadtkasse weiter unpopuläre Entscheidungen treffen - und im Stadtrat durchsetzen - müssen: Höhere Kita-Gebühren, Kürzungen bei der Feuerwehr und bei freiwilligen Aufgaben, Rückstellungen von Investitionen.

Und er wird dafür sorgen müssen, dass sein guter Plan, Projekte und Ideen aus der Kulturhauptstadt-Bewerbung weiter zu verfolgen, auch tatsächlich eine ganz konkrete Umsetzung findet - in Form von Bau- und Sanierungsmaßnahmen. Das wird mehr brauchen als begeisternde Worte und eine "Stadtwerkstatt".

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