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Der mit dem Schnee tanzt

Raik Gärtner hält Straßen befahrbar – auch die Piste, auf der jetzt ein Lkw in Ostritz einen schweren Unfall verursachte.

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Von Matthias Klaus

Da ist sie wieder, die freundliche Frauenstimme. „30 Gramm“, säuselt sie. Raik Gärtner nickt zufrieden. Die Technik arbeitet einwandfrei, alles im grünen Bereich. Dann schaltet er einen Gang runter. Denn es geht bergauf, die Bernstädter Straße in Ostritz hoch, von der B 99 in Richtung Kiesdorf. Die Strecke, auf der am vergangenen Freitag ein Lkw-Fahrer bergab vermutlich zu spät bremste und seinen Sattelschlepper quer über die Bundesstraße in ein Haus an der Bahnhofstraße fuhr.

Ein Schneepflug, wie einer der Straßenmeisterei Zittau, in Aktion: Es gehört Erfahrung dazu, die Straße zu räumen, aber nicht Begrenzungspfähle umzureißen.Foto: dpa
Ein Schneepflug, wie einer der Straßenmeisterei Zittau, in Aktion: Es gehört Erfahrung dazu, die Straße zu räumen, aber nicht Begrenzungspfähle umzureißen.Foto: dpa © ZB

Es ist Dienstagfrüh, kurz nach drei. Gärtner hat sein Winterdienstfahrzeug pünktlich vom Gelände der Straßenmeisterei Zittau abgeholt, auf die B 99 über Hirschfelde nach Ostritz gesteuert. Drei Stunden lang ist er ab jetzt unterwegs, hält mit Hilfe seines Mobils die B 99 und Kreisstraßen zwischen Zittau, Kiesdorf, Bernstadt, Schönau-Berzdorf und Großhennersdorf schnee- und eisfrei. „30 Gramm, das bedeutet, 30 Gramm Salz werden pro Quadratmeter gestreut“, erklärt der Straßenwärter die kryptische Ansage der freundlichen Frau aus dem Bordcomputer. Worauf die ungefragt und rein zufällig kommentiert: „Streuer ein, Schnecke ein.“

Straßenwärter Gärtner und seine Kollegen kennen den tückischen Galgenberg in Ostritz. „Bei diesen Temperaturen wird hier in der Frühschicht generell gesalzen“, sagt er. Rund fünf Tonnen Salz hat das Fahrzeug heute geladen. Gleich am Ortsausgang Zittau sind die ersten Kilo verstreut. „Die Bundesstraßen sollten bis sechs Uhr geräumt sein“, sagt Raik Gärtner. Kein Schneefall, trotzdem sind die Fahrzeuge der Straßenmeisterei Zittau unterwegs, insgesamt fünf, darunter eines einer Fremdfirma. Die B 99 präsentiert sich am Dienstagfrüh eher harmlos. Kein Auto ist um diese Zeit unterwegs, der Schneepflug hat die Bundesstraße für sich. Das Navi im Auto schildert die Streubreite fürs Salz, erklärt, wie weit der Abstand zum Straßenrand ist. Navi ist das eine, Erfahrung das andere. In Ostritz wird es für den Schneepflug eng. „Hier ist man froh, wenn einem kein Auto entgegenkommt“, sagt Gärtner und kurbelt am Lenkrad. Er soll heute die gesperrte Bahnhofstraße salzen. Bis kurz vor dem Unfallhaus ist sie befahrbar. Als der Schneepflug anrückt, werden dort die Männer vom Sicherheitsdienst mobil. Sie sind hinter der Absperrung vor dem Gebäude positioniert. Aufgeschreckt vom Motorengeräusch steigen sie aus ihrem Auto, beobachten, wie Raik Gärtner das Fahrzeug wendet. Keine Gefahr, nur Winterdienst, die Herren verschwinden wieder in ihrem Gefährt.

Auf der Staatsstraße zwischen Ostritz und Bernstadt lässt der Straßenwärter zum ersten Mal das Schiebeschild herunter. Obwohl es relativ wenig Wind in der Nacht gab, ist die Straße doch an manchen Stellen mit Schnee bedeckt. Beeindruckender Effekt: Direkt neben dem Beifahrerfenster schießt nun eine wilde weiße Wolke empor. „Eigentlich“, sinniert Raik Gärtner, „macht das Schneeräumen mehr Spaß als das Salzen.“ Der Hirschfelder arbeitet seit 2004 bei der Straßenmeisterei in Zittau. Straßenwärter – diesen Beruf hat er in Zwickau gelernt. „Es ist schon eine Art Wunschjob für mich“, sagt er. Der 30-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder. Gärtner ist einer von 24 Mitarbeitern der Straßenmeisterei Zittau. „Unser Einsatzgebiet zieht sich an der polnischen und tschechischen Grenze entlang, wir sind über Großschönau, Seifhennersdorf und Neueibau bis Eibau unterwegs. Etwa an der Brauerei ist dann Schluss“, schildert Klaus-Dieter Thomas, Leiter der Straßenmeisterei Zittau. Ab Eibau übernehmen die Kollegen aus Lawalde. Auf der anderen Seite sind die Zittauer auf B 99 und B 96 unterwegs, durchs Königsholz, bis nach Hagenwerder und dem Markersdorfer Ortsteil Friedersdorf. Ab da übernimmt dann die Straßenmeisterei Niesky, die neue B 178 ist den Lawaldern zugeordnet. Insgesamt gehören 306 Kilometer Bundes-, Staats- und Kreisstraßen zur Zittauer Meisterei.

Raik Gärtner fährt inzwischen ins Ausland nach Polen. Von der B 99 ist er nach Radomierzyce abgebogen, dreht auf polnischem Gebiet um und fährt zurück nach Deutschland. Den Salzstreuer hat er während der Tour über die Neißebrücke nicht abgeschaltet. „Naja“, schmunzelt Gärtner. Die polnischen Kollegen müssten eigentlich die Brücke bis zur Hälfte betreuen. Theoretisch. In der Praxis sieht das offenbar ein wenig anders aus.

Bernstadt, Schönau-Berzdorf – weitere Stationen der Tour. Inzwischen sind die ersten Berufspendler unterwegs. Manche Autos kennt Gärtner schon. Vor allem auf schmalen Straßen ist die Begegnung seines Schneepfluges mit Pkw, Lkw oder Bussen zuweilen eine heikle Angelegenheit. Viele Autofahrer steuern ihr Mobil an den rechten Rand, wenn sie das Fahrzeug der Straßenmeisterei mit seinen Rundumleuchten sehen. Manche fahren aber auch direkt darauf zu. Da hilft nur kühlen Kopf bewahren und so gut es mit dem Schneepflug geht, auszuweichen. „Es ist schon ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, philosophiert Raik Gärtner. Trotz frostiger Außentemperaturen hat er die Seitenscheibe etwas geöffnet. „Ich hör einfach hin. Dieses Platsch-Platsch sagt mir, dass der Streuer funktioniert“, schmunzelt Gärtner. Akustische Kontrolle ist das eine, der Kampf gegen die Monotonie der langsamen Fahrt das andere. Denn die Fahrer sind allein unterwegs, Gesprächspartner ist neben der Dame im Navi maximal noch das Radio. Und wenn der Salzstreuer in Aktion ist – wie eigentlich fast immer bei Minusgraden – wird auch nur höchstens Tempo 45 gefahren. „Da kann sich eine Straße schon ganz schön ziehen“, sagt Straßenwärter Gärtner.

105 Kilometer hat er am Dienstag mit seinem Fahrzeug abgespult, hat gesalzen, geräumt. Über vier Tonnen Salz sind auf Oberlausitzer Straßen verteilt. Es ist 6 Uhr morgens. Jetzt steuert er die Straßenmeisterei an. Als Nächstes wird das Auto erneut mit Salz beladen. Was Raik Gärtner bis 11 Uhr erwartet, bis seine Schicht zu Ende ist, weist der Chef an. Vielleicht Bäume aussägen? „Na dann, bis Morgen zur nächsten Schicht“, verabschiedet sich Gärtner. Wohl eher nicht. Er habe mit dem frühen Aufstehen jedenfalls kein Problem. Gewohnheitssache, lacht der Schnee-Experte.

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