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Der mit den Ideen

Alexander Herrmann war Jugendjuror beim Filmfest, jetzt hat er selbst einen Film eingereicht: „Die mit dem Prinzen“.

© sächsische zeitung

Von Anna Hoben

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Wenn die Ferne ruft

Nur zwei Stunden von Dresden entfernt befindet sich der größte internationale Flughafen der Tschechischen Republik, mit jeder Menge aufregender Ziele.  

Wenn man Alexander Herrmann fragt, warum er macht, was er macht, fällt irgendwann dieser Satz: „Ich langweile mich nicht gern.“ Das tun die wenigsten. Dann lesen sie ein Buch oder schauen einen Film oder hören Musik. Alexander, 20, aber macht lieber selber etwas. Gerade hat er seinen ersten animierten Kurzfilm beim Dresdner Filmfest eingereicht, nationaler Wettbewerb. Einfach, weil er Langeweile nicht ausstehen kann. Ein Understatement, ganz klar.

Es war im Sommer vergangenen Jahres, die letzten Tage der Ferien. Alexander Herrmann hatte Freunde eingeladen, es sollte eine große Gartenparty werden. „Aber ins verschlafene Striesen kommt ja niemand.“ Zu fünft saßen sie da, Teelichter in Erdnussdosen auf dem Tisch, ein Kasten Bier. Sie spielten dieses Spiel, das einer in der Gruppe noch nicht kannte. Paul sollte also eine Geschichte erraten – indem die anderen mit „ja“ oder „nein“ auf seine Fragen antworteten. Der Haken: Es gab gar keine Geschichte. Die anderen antworteten lediglich nach einem abgesprochenen Schema: nein, nein, ja. Und so erfand Paul die Geschichte selber – ohne es zu wissen.

„Hey Anton, kennst du noch die mit dem Prinzen?“, hatte Alexander Herrmann einen seiner Freunde am Anfang gefragt. Diese Frage bestimmte Pauls weitere Fragen und lenkte die Geschichte immer wieder an absurde Abzweigungen. Zufällig ließ Alexander sein Aufnahmegerät laufen. Zweieinhalb Stunden versuchte Paul, die Geschichte zu enträtseln – und kam einfach nicht drauf, wie das Spiel funktionierte. Gegen drei Uhr morgens forderten die anderen ihn auf, die ganze Handlung zu resümieren. Dann klärten sie ihn auf. „Er kam sich schon veräppelt vor, hat aber trotzdem mitgelacht“, erzählt Alexander.

Die Hauptrolle spielt das Gelächter

Am nächsten Tag hörte er sich die Aufnahme nochmals an und hatte eine Idee. Er schnappte sich sein Grafik-Tablet und legte los, zeichnete und zeichnete: den Prinzen und seine Schwester, ihre Mutter, die Königin, den Drachen und den grünen Smaragd und alles, was Paul sich noch so ausgedacht hatte, als er versucht hatte, die Geschichte zu erraten. „Es ist witzig, wenn gar keine Geschichte da ist, aber trotzdem eine erraten wird“, sagt Alexander Herrmann, „das zeigt, wie unser Unterbewusstsein funktioniert“. Vier Ferientage blieben ihm, und am Ende war er fertig: der animierte Kurzfilm „Die mit dem Prinzen“, geschnitten mit Windows Movie Maker. Erst später hat der 20-Jährige den Film noch professionell nachbearbeitet. Die Zeichnungen sind schwarz-weiß, immer wieder tauchen gelbe, grüne und rote Farbtupfer auf. Immer wieder wird Schrift eingeblendet. Dann wiederum werden Bild und Schrift verknüpft, aus dem Buchstaben „t“ wird zum Beispiel plötzlich ein Schwert.

Neben solchen hübschen Einfällen lebt der Film vom Lachen der Zuhörenden. Es erzeugt einen Sitcom-Effekt – der Zuschauer lacht mit, weil das Lachen so ansteckend ist. Auf diese spezielle Hauptrolle wird im Abspann dann auch gebührend hingewiesen: „Weiteres Gelächter von Johann, Friedemann, Alexander“, heißt es da.

Als der Film fertig war, schmiss Alexander eine zweite Party. Diesmal kamen
15 Leute, und die waren sich einig: den Film könnte ruhig ein größeres Publikum sehen. Alexander erinnerte sich an das Filmfest Dresden. Vor zwei Jahren hatte er in der Jugendjury gesessen. Eine Woche lang hatte er sich eine Menge Kurzfilme angeschaut und darüber diskutiert. Das war genau sein Ding gewesen. Kurzerhand beschloss er, in diesem Jahr die Seiten zu wechseln und seinen Film beim nationalen Wettbewerb einzureichen.

Ein Filmfan ist der Schüler schon lange – obwohl seine Familie seit zehn Jahren keinen Fernseher im Haus hat. Lieber sucht er nach interessanten Animationsfilmen im Internet oder veranstaltet Filmabende mit Freunden. Danach wird meistens ausführlich analysiert, gelobt und kritisiert. Am liebsten hat Alexander Filme, bei denen er nicht sofort errät, was als nächstes passiert. Und richtig ärgern kann er sich über Streifen, die nach den typischen Hollywoodschemata funktionieren.

Vor zehn Jahren war er mit seiner Familie aus der Chemnitzer Region nach Dresden gezogen. Damals meldete ihn seine Mutter bei einem Radioworkshop für Kinder an. Seitdem hat er bei den Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanälen (SAEK) verschiedene Kurse belegt. Irgendwann entdeckte er, dass da noch ein Keller war, mit Kameras und Schnittechnik. Da fing er an, eigene Animationen zu machen. „Man muss keine physikalischen Gesetze beachten und kann die Wirklichkeit überbrücken“, so erklärt er seine Faszination.

In seinem Kopf hat der junge Filmemacher, der dieses Jahr sein Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium macht, aber noch viele andere Ideen. Sie sind in einem Ordner auf seinem PC abgespeichert, rund 200 Schnipsel, von der Fake Documentary bis zum experimentellen Kurzfilm. Jetzt aber geht es erst einmal um diese Geschichte, die zufällig bei der Gartenparty im Sommer entstanden ist, den ersten Film, den er vor großem Publikum zeigen könnte – wenn er in die Auswahl kommt. .

www.filmfest-dresden.de

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