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Der Mond gibt das Zeichen zur Paarung

Ein Diplombiologe schaut sich jede Woche für den DA um , was sich auf Feld und Flur tut.

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Von Hermann Thomas

Am Dienstag war Vollmond. Es ist gerade jetzt faszinierend, den treuen Begleiter der Erde zu betrachten und sein mildes Licht zu bestaunen. Seine Schwerkraft und die wechselnden Lichtphasen wirken in ihrem mittelfristig periodischen Wechsel überall auf der Erde wie eine Uhr mit Wecker, wo keine anderen oder keine besseren Zeitgeber in der Natur vorhanden sind.

Eintreffen zur gleichen Zeit

Berühmtester Fall sind die 60 Zentimeter langen Palolowürmer aus der Südsee. Sie leben versteckt im Boden und entlassen ihre etwa 30 Zentimeter langen Hinterleiber während dreier Tage im letzten Mondviertel im Oktober beziehungsweise Anfang November. Diese Hinterenden schwimmen samt den Eiern eigenständig zur Oberfläche. So treffen sich alle zur gleichen Zeit in der Uferzone, werden in der Brandung zerschlagen, die Geschlechtsprodukte kommen frei und die Befruchtung ist gewährleistet. Diese Hinterenden gelten bei den Eingeborenen aber auch als große Delikatesse. Sie erwarten ihr Erscheinen mit Hilfe der Herbst-Mondphasen so genau, dass späteren weißhäutigen Entdeckern der Mund vor Staunen offen blieb, weil nur die Einheimischen dieses jährlich wechselvolle Spiel so exakt vorhersagen konnten.

Kehren wir nach Europa zurück: Erwachsene Eintagsfliegen oder Zuckmücken leben nur kurze Zeit. Wollen die Geschlechter zusammenkommen, brauchen sie ein Signal fürs Schlüpfen und Heraussteigen aus dem Wasser in den Hochzeitsschwarm hinein.

Das übernimmt der Mond für die riesigen Schwärme der Eintagsfliegen in der ungarischen Theissebene genau dann, wenn zwischen Mitte und Ende Juni die Mondphase wechselt.

Vor Helgoland leben die Wattmücken als Erwachsene gerade mal 20Minuten. Da müssen sich alle Partner beeilen, wenn sie zur Hochzeit zurechtkommen wollen. Der einzig passende Moment ist zur Nipptide, wenn das Wasser bei Ebbe am tiefsten steht, die sonst unter Wasser versteckt lebenden Larvenstadien kurzzeitig trocken fallen und sich die Luft atmenden Erwachsenen beim konzentrierten Schlüpfen sofort als Nachbarn begegnen und das Gebot der Natur erfüllen können.

Oder denken wir an den Aal. Er wandert zum Laichen erst in den dunkler werdenden Herbstnächten aus den Binnen- und Boddengewässern ab und wird am häufigsten in den Netzen der Rheinfischer wie in den Reusen vor Rügen gefangen, wenn der Mond im September/Oktober im dritten Viertel steht.

Helligkeit fürs Füttern

Richtig auf dem Land lebt der Ziegenmelker. Das Weibchen legt zwei Eier nachts zur Zeit des dritten Mondviertels direkt auf den kahlen Heideboden. 16 bis 18 Tage danach, also bei zunehmendem Mond, schlüpfen die Jungen, so dass sie nun bei größter Mondhelligkeit nachts gut gefüttert werden können. 18 Tage nach dem Schlüpfen sind sie flügge.

Hermann Thomas hält für die DA-Leser Ausschau nach Tieren und Pflanzen in der Region. Der promovierte Diplombiologe aus Strehla war Hochschuldozent und hat mehrere Fachbücher veröffentlicht.