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Der mühsame Kampf gegen sächsische „Spreschprobleme“

Sprechenlernen in Sachsen wird oft zum Kampf um die richtigen Konsonanten. Eine Kolumne von Eva-Maria Hommel.

© dpa/Ralf Hirschberger

Der Mittlere (3) sitzt im Kindergarten im Sandkasten und baut eine Kirsche. Wer jetzt meint, eine Kirsche könne man zwar ernten, entsteinen und essen, aber nicht bauen, der ist wahrscheinlich in Norddeutschland aufgewachsen.

Der Mittlere baut also eine Kirsche. Seine drei Bauarbeiter-Kollegen – zwei Jungen und ein Mädschen – arbeiten fleißig mit. Neben der Kirsche entsteht eine Kapelle, und die muss rischdisch groß sein. Ob die Kirsche auch eine Klocke hat? Jetzt ist sie jedenfalls fertisch. Herzlischen Klückwunsch!

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Mit den Konsonanten und ihrer Aussprache ist es nicht ganz einfach. Besonders in Sachsen. Und in vielen anderen Teilen Deutschlands. Früher dachte ich, in dieser Hinsicht wäre ich meinen Kindern ein gutes Vorbild. Doch dann hörte ich mal meine eigene Stimme – bei einem Seminar übers Radiomachen. Seitdem bin isch ganz still und zeige nischt mehr mit den Fingern auf andere. 

Nicht nur mit dem ch haben wir hierzulande ja unsere Probleme (auch wenn wir schon älter als drei Jahre sind). Auch das r ist ein sehr anspruchsvoller Buchstabe. Es ist sozusagen das Chamäleon der deutschen Sprache: In Bayern wird es gerollt, im Rheinland wie ein hartes ch tief in der Gurgel ausgesprochen. In manchen Regionen verwandelt es sich in ein a – dort essen die Kinder dann gerne mal ein Wuastbrot. 

Besonders talentiert zeigt sich das r bei unseren tschechischen Nachbarn. Dort kann es sogar eine eigene Silbe bilden. Es tut also so, als wäre es ein Vokal, und beschert den Tschechen so schöne Wörter wie „zmrzlina“. Da ist mir ein deutsches Eis doch lieber. Das hört sich wenigstens in jedem Dialekt gleich an. Vielleicht essen wir in unserer Familie deshalb so gerne Eis.

In Sachsen verschluckt man aber nicht nur gerne Eis, sondern auch das r, wenn es vor einem t steht. „Du sollst watten“, ruft mir der Mittlere zu, als ich auf dem Weg zum Kindergatten ein paar Schritte vorausgehe.

Zum Glück kann der Kleine (11 Monate) noch nicht sprechen. Sein Wortschatz beschränkt sich auf „Mamamamama“, und das spricht er völlig dialektfrei aus.

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Nur gut, dass die Kolumne jetzt gleich zu Ende ist. Sonst müsste ich womöglich auch noch über Vokale schreiben. Und darüber, wie die Große (6) vor Kurzem ihrem Bruder erklärte, dass man beim Sport die Uhr abnehmen müsse. Daraufhin griff sich der Junge verwundert ans Ohr. Das Ohr abnehmen? Nun ja. Das Schwierigste am Sprechen sind nun einmal die Vokale. Und die Konsonanten.

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