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Kulturinsel Einsiedel gibt nicht auf

Nach zwei Monaten Stillstand kehren endlich die Besucher auf die Kulturinsel Einsiedel zurück. Manches hat sich verändert.

Die Brücke über die Neiße in den Turiuswinkel hat wieder geöffnet.
Die Brücke über die Neiße in den Turiuswinkel hat wieder geöffnet. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Durch Felder und blühende Wiesen schlängelt sich der Weg ans Ufer der Neiße. Dort stecken Kinder ihre nackten Füße ins Wasser. Andere holen sich auf der Brücke im Neiße-Café ein Eis. Seit Kurzem dürfen die kleinen Abenteurer wieder den polnischen Teil der „Geheimen Welt von Turisede“ erkunden. Endlich.

Während des dreimonatigen Grenzschlusses zwischen Deutschland und Polen mussten Jürgen Bergmann und seine Mitarbeiter die Schwimmbrücke wegnehmen. Der Turiuswinkel der „Kulturinsel Einsiedel“ war abgeschnitten. Das lockte Kleinkriminelle an. „Es kam zu Diebstählen und Beschädigungen. Sogar ein ganzer Schaltschrank wurde gestohlen“, berichten Bergmann und Doreen Stopparka, Geschäftsführerin des Parks. Für sie bedeutet die Corona-Pandemie eine dreifache Katastrophe.

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Erstens, weil der Freizeitpark zwei Monate lang nicht öffnen durfte. Mitten im Niemandsland an der polnischen Grenze begeben sich kleine Hobbyarchäologen mit ihren Eltern oder Lehrern auf die Spuren der versunken geglaubten Hochkultur der Turiseder, die einst in den Neißeauen nahe Görlitz gelebt haben sollen. Das Besondere: Die Turiseder lebten auf Bäumen. Und so müssen die Ausspäher viel klettern über luftige Holzbrücken, auf denen sie auch schon mal auf Kühe stoßen, durch unterirdische Geheimtunnel oder ins Zauberschloss mit Gruselkeller. 

Erst Blockhaus, später Kulturinsel Einsiedel

Wer die Erkundung nach Einbrechen der Dunkelheit fortsetzen will, kann auch übernachten in einem der windschiefen Baumhäuser im ersten Baumhaushotel Deutschlands. Das schönste ist „Bergamos Gästenest“, benannt nach dem Anführer der Turiseder, dem Waldkönig Bergamo. Mit seinem Bart und den langen weißen Haaren sieht er Jürgen Bergmann verdächtig ähnlich.

Doreen Stopporka, Geschäftsführerin der Kulturinsel und Jürgen Bergmann, Holzgestalter.
Doreen Stopporka, Geschäftsführerin der Kulturinsel und Jürgen Bergmann, Holzgestalter. © Jürgen Lösel

Den begleitet das Thema Baumhaus schon sein ganzes Leben lang. Vor über dreißig Jahren zog der gelernte Holzfäller und Holzbildhauer auf einen verlassenen Waldbauernhof in Zentendorf. Am 1. Juli 1990 gründete der 62-Jährige die „Künstlerische Holzgestaltung Jürgen Bergmann“ mit einem Mitarbeiter. (Die geplante große Jubiläumsfeier musste coronabedingt ausfallen.) 

In der kulturellen Ödnis der Nachwendezeit wollte er einen Ort für Kunst schaffen. Eine kleine Blockhausgalerie war der Anfang. Daraus wurde ein sieben Hektar großer Erlebnispark mit Freilichtmuseum. „Entweder in die anonyme Großstadt ziehen oder als Einsiedler leben, Hauptsache dem mütterlichen Satz entfliehen: Was werden bloß die Leute sagen“, schildert der Gärtnerssohn aus Zittau die Wahl, vor die er sich als junger Mann stellte. Er wurde zum Einsiedler – mit zuletzt 130.000 Besuchern im vergangenen Jahr.

2019 war ein Rekordjahr mit 28.000 Übernachtungen. Dieses Jahr sollte es noch besser werden. Die Vorbuchungen waren um 30 Prozent gestiegen. Statt der Gäste kamen Absagen. Wegen Corona blieben über Nacht die Gäste weg. Die bis ins letzte Detail liebevoll eingerichteten Baumhäuser standen zwei Monate leer. Das Krönum, wo sonst die Turiseder ihre Gelage feiern, ist dunkel und leer. Die Dinnershows sind für den Rest des Jahres abgesagt. 

Kein Geld aus Hilfsprogrammen

In einem der Kannibalen-Badekessel im Faulenzum hat sich Regenwasser angesammelt. Komplette Grundschulen aus Dresden rückten vor Corona in Reisebus-Kolonnen an. Die Klassenfahrten fallen nun aus. Momentan klettern nur Familien über die vielen farbigen Spielanlagen, reiten auf den hölzernen Fabeltieren und übernachten im Baumhaushotel. Die Gästeanzahl musste auf 1.500 am Tag begrenzt werden. Am Limit wird vermutlich erst jetzt in den Sommerferien gekratzt werden.

Selbst wenn die Eingangspforten des Parks im März und April weiter offen gestanden hätten: Bergmann und Stopparka hätten die Mitarbeiter gefehlt, die Gäste in gewohnter Weise zu bewirten. Ein Drittel der 200 Beschäftigten – so viele waren es vor dem Corona-Ausbruch, jetzt sind es noch 150 – kamen aus Polen. Sie arbeiteten in der Gastronomie und im Housekeeping. „Viele von ihnen gingen zum Arzt und ließen sich krankschreiben. Das war die zweite Katastrophe“, erzählt Bergmann. 

Liebevoll gestaltete Warnhinweise sind nicht zu übersehen.
Liebevoll gestaltete Warnhinweise sind nicht zu übersehen. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Der Waldkönig Bergamo klingt etwas enttäuscht von seinem „Gefolge“. Auch wenn das Verhalten vielleicht verständlich ist, in Deutschland taten es viele Arbeitnehmer ebenso. Doch die zu zahlenden Lohnkosten drückten stark angesichts von Umsatzeinbußen im sechsstelligen Bereich. Und bei den Soforthilfeprogrammen der Bundes- und Landesregierung fielen sie durchs Raster, wegen der Unternehmensgröße und der Gesellschafterstruktur. Die französische Firma Cap Fun hält ein Drittel der Anteile am Unternehmen. Bergmann muss einen Kredit aufnehmen.

Alles sind Unikate

Cap Fun betreibt 110 Freizeitparks in Europa und ist der größte Auftraggeber für Jürgen Bergmann. Die dritte und größte Katastrophe für ihn ist, dass die Aufträge für seine Holzgestalter ausbleiben. Nicht nur die Kulturinsel Einsiedel musste schließen, auch alle anderen Freizeitparks in Westeuropa. Und das sind die Kunden von Jürgen Bergmann. Ob im Kinderland Kuddeldaddeldu, im Leipziger Zoo oder bei Cap Fun – überall stehen die Spielanlagen mit den Gitterröhren aus Sachsen. Alles sind Unikate. 

Es ist ein aufwendiges Geschäft. Für jede Anfrage fährt Bergmann hin, um sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen und individuelle Lösungen anbieten zu können. „Wir sind Künstler, keine Spielgerätefirma. Der Kunde muss auch die Fehler mit bezahlen“, sagt der Chef. 

Zurück auf der Kulturinsel baut er ein Modell. Die Regale in der Modellgalerie sind vollgestopft mit kleinen und großen Fantasielandschaften aus Pappe und Holz. Von zehn Anfragen werden meist nur zwei wirklich realisiert. Und die Aufträge können sich lange hinziehen. Die Umgestaltung des Hexentanzplatzes in Thale/Harz dauert jetzt schon vier Jahre. Da schmerzt es besonders, wenn wie jetzt zwei Großprojekte in Großbritannien und Frankreich auf Eis gelegt sind.

Vom "Krönum" ins "Faulenzum"

Das Regenwasser aus dem Badekessel wird bald verschwunden sein. Statt ins Krönum wollen Bergmann und Stopparka künftig verstärkt ins Faulenzum einladen, dort turisedisches Wellness zu genießen. Sie haben sich auf die Corona-Bedingungen eingestellt. Besucher können Tickets vorab online erwerben, um den engen Eingangsbereich am Westportal schnell passieren zu dürfen. Denn in Räumen ist Mund-und-Nasenschutz Pflicht. 

Die Neiße ist auch die deutsche Grenze.
Die Neiße ist auch die deutsche Grenze. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Statt des üppigen Frühstücksbüfetts, wo die Gäste sich selbst bedienen konnten, muss jetzt jede Tasse Kaffee eingegossen und jede Scheibe Brot, Käse oder Wurst von Angestellten auf die Teller gelegt werden. Das bindet Arbeitskraft. Auf die Frage, ob das Hygienekonzept teuer ist, winkt Bergmann ab. „Natürlich bringt es Zusatzkosten mit sich. Aber lieber so, als gar keine Gäste haben“, sagt er und ist dabei ungewöhnlich ernst.

Das Volk wird unterhalten

Auch das „Folklorum“, die turisedischen Festspiele, sollen am ersten Septemberwochenende auf beiden Seiten der Neiße stattfinden. Während die Recken um den Ehrenturisedertitel ringen, wird das Volk auf 16 Bühnen von 500 Barden, Straßenkünstlern, Artisten und Clowns unterhalten. Noch sind die Buchungen verhalten. Selbst die feierwütigen Stammgäste sind vorsichtig.

Waldkönig Bergamo alias Jürgen Bergmann lässt sich nicht entmutigen. Er hat schon mehrere Krisen überlebt wie etwa die Privatinsolvenz 2013 und wälzt in seinem Kopf schon neue Ideen. Eines nicht allzu fernen Tages sollen die Besucher nicht mehr nur über die Schwimmbrücke in den Turiuswinkel gelangen, sondern an einer Fahrradstandseilbahn hängend hinüberradeln. Ein Masterplan für die Umsetzung ist bereits in Arbeit.

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Auch im Corona-Jahr sollen vom 4. bis 6. September 2020 die turisedischen Festspiele auf der Kulturinsel Einsiedel stattfinden. Über 500 Barden, Bands, Gaukler, Straßenkünstler und Kindsbespaßer werden 16 Bühnen und die Wege der Geheimen Welt von Turisede auf beiden Seiten der Neiße bespielen. Mit dabei sind u. a. Dota, Götz Widmann und Makatumbe.

www.Turisede.de

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