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Der nächste Überflieger

Skispringer Marinus Kraus überrascht als Weltcup-Zweiter in Kuusamo und gilt gleich als neuer deutscher Hoffnungsträger.

© dpa

Von Erik Roos

Nach dem größten Erfolg seiner jungen Karriere verlor auch Marinus Kraus kurz den Durchblick. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ sich Deutschlands neue Skisprung-Hoffnung nach Platz zwei in Kuusamo das Gelbe Trikot des Gesamtweltcup-Spitzenreiters überstreifen, das doch eigentlich dem Polen Krzysztof Biegun zustand. Im ersten Interview verwechselte der 22-Jährige dann auch noch Kuusamo mit Kuopio, aber am Ende eines beinahe perfekten Tages war auch das egal.

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„Ich kann es kaum fassen, bin überglücklich“, sagte Kraus, der zur Halbzeit seines sechsten Weltcups sogar führte. Als Letzter ging der Polizeimeister aus Oberaudorf vom Bakken. Am Ende fehlten 0,5 Punkte auf den Österreicher Gregor Schlierenzauer. „Ich war nervös oben. Es war nicht einfach für mich, als Letzter zu springen, aber ich wusste: Wenn ich einen guten Sprung zeige, bin ich auf dem Podest.“

So kam es dann auch: Auf Rang acht in Klingenthal folgte das erste Podium seiner Laufbahn. Am Sonnabend verhinderte dann heftiger Wind einen erneuten Coup. Sogar Seriensieger Schlierenzauer zog seinen Hut vor Kraus. „Die Deutschen haben immer wieder neue junge Springer. Sie sind eine gefährliche Truppe, auf die man aufpassen muss“, sagte der zweifache Gewinner der Vierschanzentournee und fügte noch schnell hinzu: „Es gefällt mit natürlich gut, dass der große Nachbar wieder sehr gut ist. Das ist für den Sport gut.“

So überraschend kommt der Erfolg von Kraus nicht. Im Oktober setzte er mit dem Gewinn des deutschen Meistertitels vor Karl Geiger und Severin Freund ein Ausrufezeichen. „Da hatte er nicht etwa Glück, sondern war und ist leistungsstark“, sagt Bundestrainer Werner Schuster und zählt die vielen Vorzüge des unerschrockenen Weitenjägers auf: „Er ist ein fantastischer Flieger, ein mutiger Springer, fürchtet weder Tod noch Teufel und kann bei Wind springen. Er hat interessante Qualitäten.“

Dabei hatte Kraus zu Beginn seiner Karriere auch die Loipe im Blick. Mit sieben Jahren begann er in der nordischen Kombination. 2007 gewann Kraus da sogar die deutsche Jugendmeisterschaft. Aber dann folgte der Wechsel zu den Spezialisten. „Er hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, ist ein junger Springer, der sich Schritt für Schritt nach oben kämpft“, lobt Schuster.

Kraus erfüllte die Norm für Olympia jetzt doppelt. An ihm kommt der Bundestrainer bei der Nominierung kaum vorbei. Das erhöht den Druck auf die anderen Deutschen und lässt im Gegenzug die Chancen des 35-jährigen Martin Schmitt weiter schwinden, in Sotschi seine fünften Winterspiele zu erleben.

So weit wollte Kraus nach seinen tollkühnen Flügen in Kuusamo freilich nicht denken. Er feierte kurz und konzentrierte sich dann wieder auf seine nächsten Auftritte. „Ich bin gespannt, was jetzt kommt“, sagte Kraus. Damit dürfte er nicht allein sein. (sid)