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Der Naturmaler

Der Maler und Grafiker Holger Hausmann wird heute 65. In Muttis Küche entdeckte er seine Leidenschaft für die Kunst.

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Von Antje Steglich

Geschimpft hat Mutter Hausmann wohl nicht. Damals, als Klein-Holger das erste Mal seinem Vater nacheiferte und bunte Kreise an die Wand der heimischen Küche im vogtländischen Oelsnitz malte. Holger Hausmann selbst war da noch ein kleiner Pimpf, seine Berufung aber längst klar: Kunstmaler. Heute wird der Glaubitzer 65 und zeigt stolz seine Werke in dem niedrigen Büro seines Heimes. Auf dem Schreibtisch liegt ein Entwurf für ein Kinderzimmer – mit Äffchen über der Tür und wilden Pflanzen. Auf dem Monitor seines Computers ein zuckersüßer Fratz – Enkelin Lotta, erst vor wenigen Tagen geboren. „Lieber nicht“, sagt Holger Hausmann deshalb auch, als es um ein Foto in seinem Atelier geht. Dort steht derzeit nämlich nicht nur Lottas Babybett zum Aufbereiten, sondern herrscht auch das scheinbar geerbte künstlerische Chaos.

Als Holger Hausmann am 4. Februar 1949 geboren wird, hat Vater Wenzel bereits eine Weltreise hinter sich. Der gelernte Arrangeur für Dekoration, Grafik und Reklame gerät Anfang der 1940er in Kriegsgefangenschaft. Mit Professoren der damals angesagtesten Kunsthochschulen Düsseldorf und München landet er zunächst in Afrika, wo die Maler für Naturstudien in die Wildnis aufbrechen dürfen. Später geht es mit der Queen Mary gen Amerika. Die Künstler werden mit dem Zug erst bis zu den Niagara-Fällen geschafft, dann zurück nach Missouri, erinnert sich Holger Hausmann an die Erzählungen seines Vaters.

Und trotz aller Widrigkeiten kann Wenzel Hausmann in den drei Jahren USA sogar sein Kunst-Diplom ablegen. Die Leidenschaft für Stillleben und Landschaften in Öl lässt ihn zeitlebens nicht mehr los. Nicht in dem weiteren Jahr Kriegsgefangenschaft in England und nicht als späterer Werbemaler im Zeithainer Rohrwerk.

Zurück im Vogtland nimmt er seinen Ältesten schon zeitig mit auf Tour. Unzählige Male durchstreifen Vater und Sohn die Wälder nach heimatlichen Motiven – nach Sonnenstrahlen, die durch das Dickicht der Nadelbäume brechen, nach einem schmalen Weg, der sich am Feldrand entlangschlängelt, nach dem Schnee, der sich sanft auf die Gräser legt. Kunst wird zum besten Schulfach des Sohnes – „da hatte ich immer eine Eins“ –, und als die Familie 1966 nach Riesa zieht, hatte Holger Hausmann bereits die Ausbildung zum Dekorationsmaler bei der PGH „Rembrandt“ in Aue begonnen. „Frank Zander hat ja auch Kaufhausmaler gelernt. Ich dachte damals, so was will ich auch“, erinnert sich Holger Hausmann. Das letzte halbe Jahr büffelt er deshalb an der Berufsschule Käthe-Kollwitz in Riesa und bei der PGH Frohes Schaffen – Deckenmalerei und Schablonenarbeiten, Plakate und Werbebotschaften müssen entwickelt werden. Selbst in den eineinhalb Jahren Armee darf Hausmann ab und an malen, zum Beispiel die Kompanie-Chronik gestalten. Nur die Haare sind seitdem kurz, „die waren vorher bis hierher“, lacht der Maler und zeigt auf seine Schultern. Danach geht 15 Jahre lang alles seinen sozialistischen Gang: Heirat mit Frau Christa, Sohn und Tochter kommen zur Welt, und noch unter seinem Vater beginnt Holger Hausmann als Schrift- und Plakatmaler im Rohrwerk. Tafeln und Hinweisschilder wurden gemalt, „und immer zum 1. Mai die Großköpfe.“

Ein bis zwei Monate im Jahr waren zudem für die Saaldekoration der Riesaer Jecken reserviert. Als sogenannter Volkskunstschaffender kreiert Holger Hausmann zudem Riesaer Souvenirs wie den Riesen für die Schrankwand. Doch schon lange vor der Wende will der Künstler lieber sein eigenes Ding machen. „Ich wollte selbstständig sein. Mehrfach habe ich Anträge gestellt, doch alle wurden abgelehnt.“ Bis der Rat des Kreises im Dezember 1989 plötzlich „Ja“ sagte.

Im April 1990 beginnt für Holger Hausmann so ein ganz neues Leben. Als sein eigener Chef widmet er sich zunächst vor allem dem Souvenier-Geschäft, „bis zur Währungsunion alles zusammenbricht“. Dann kommt eine Phase mit Kunstpflanzen, wahnsinnig vielen Aufträgen und sogar einem eigenen Geschäft im Riesapark. Zusammen mit Sohn André – einem gelernten Maler – werden Collagen kreiert und auch schon mal experimentiert. „Solche mystischen Sachen mit Metallic gingen in den 1990er Jahren richtig gut“, erinnert sich Hausmann. Bilder werden gerahmt und restauriert, Wände wie die vom Forsthaus Dröschkau, der Schlosstherme Seerhausen oder der Schule Zabeltitz bemalt. Im Jahr 2000 schließlich bezieht Familie Hausmann das kleine Häuschen am Glaubitzer Dorfteich, im Atelier entstehen vor allem Auftragsarbeiten aus Acryl.

„Ich sehe mich als Heimatmaler“, so Holger Hausmann, der die Streifzüge durch Wald und Felder nach wie vor genießt. Mit 65 in Rente gehen, steht für ihn auch gar nicht zur Debatte .„Von so einer Rente kann man sowieso nicht leben. Und solange ich noch aufs Gerüst huppen kann …“, sagt Holger Hausmann, schnappt sich seine Stifte und malt noch einen bunten Paradiesvogel neben das Äffchen.