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Der Nervenkitzel vor der Show

Der Circus Humberto gastiert bis Sonntag in der Stadt. Die Artisten wagen sich in luftige Höhen – schon vor dem Auftritt.

Von Susanne Sodan

Es riecht nach den Kamelen und den Pferden, ein bisschen nach Heu und Sägespänen. Der Duft von Zuckerwatte aber fehlt. Noch ist vom großen Zirkuszelt nichts zu sehen, noch weist kein Samtvorhang den Gästen den Weg ins Reich der Clowns, Messerwerfer und Artisten. „Das geht aber ganz schnell“, sagt Joschi Ortmann. Er gehört zu den Gründern des Circus Humberto. „Früher gehörten wir zum tschechischen Staatszirkus.“ 1992 machte die Familie alleine weiter, reist Jahr für Jahr durch Deutschland, vorwiegend durch den Osten. In Löbau gastiert sie alle zwei Jahre.

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Der Aufbau des Circus Humberto beginnt: Es ist still, nur ab und an schallt ein Kommando über die Wiese. Jeder weiß, was er zu tun hat. Rund zehn Leute räumen unzählige Stangen, Seile, Gurte, Gerüste, Anker und Winden aus den Zirkuswagen. 40 Stück, alle in Gelb und Rot umrunden den Platz. Eine reichliche Stunde später steht das viermastige Zelt. „Fertig sind wir trotzdem nicht“, sagt Ortmann. Über 2 000 Teile werden in solch ein Zelt verbaut. Und die Ansprüche der Gäste sind andere geworden. Heute brauche ein Zirkus viele Lichteffekte, perfekten Ton.

„Bis wir die ganze Technik installiert haben, dauert es bestimmt bis zum Abend“, sagt Ortmann. Sein Sohn Roberto klettert an einem der Hauptmasten hinauf, befestigt die Scheinwerfer. Hoch in der Luft zu sein – für Roberto nichts Besonderes. Er ist Artist und Clown. Eine seiner Nummern: im Handstand Stühle aufeinanderstapeln. „Er balanciert dann in einer Höhe von neun Metern auf den Händen“, sagt Joschi Ortmann. Eine Sicherung gibt es dabei nicht. „Das ist der Nervenkitzel.“ Nicht nur der Nervenkitzel für die Artisten, vor allem für das Publikum. Er selber war einst Akrobat in luftigen Höhen. Die Zeit ist vorbei. Jetzt ist er für die Tier-Show zuständig, für die Kamele, Alpakas, die Pferde, Watussirinder, Dromedare und Ziegen. Die Akrobatik zeigen seine Söhne und Künstler, die beim CirCus Humberto engagiert sind.

18 Leute gehören zur Zirkusfamilie – Verwandte und Mitarbeiter, die schon viele Jahre dabei sind. Den Kern bildet die Familie Ortmann, Joschi und Carmen und die beiden Söhne Roberto und Gino. Beide sind verheiratet – mit Zirkusfrauen. Sehr lange werden auch sie nicht mehr an Seilen in der Kuppel schweben und Stühle im Handstand aufeinander stellen. Gino ist 25, Roberto 27 Jahre alt. „Das ist wie Leistungssport. Mit 30, vielleicht auch erst mit 35 Jahren sind die Gelenke kaputt.“ Was bleibt dann? „Im Zirkus ist immer etwas zu tun. Es gibt so viele Aufgaben.“ Stolz blickt Joschi Ortmann auf einen kleinen Jungen, der durch das Zelt läuft. „Das ist Joel, einer meiner beiden Enkel. Unser Nachwuchs.“

Denn dass jemand, der im Zirkus geboren wurde, weggeht, das sei äußerst selten, erzählt Romina Zinnecker, Robertos Frau. „Das ist einfach so drin. Es ist schwer zu beschreiben. Ich kann mir nicht vorstellen, immer nur an einem Ort zu sein.“ Sie steht in einem der Wohnwagen. Kartoffeln kochen auf dem Herd. Kein Campingherd – der Wohnwagen ist eine Wohnung auf vier Rädern. „Im Herbst bekommen wir einen noch größeren Wagen.“ Dann soll auch genug Platz sein für das Spielzeug von Sohn Carlos. Der Siebenjährige sitzt auf dem Boden, spielt mit einem Playmobil – einem Lego-Zirkus. „Es ist tatsächlich schon vorgekommen, dass er in der Schule gefragt wurde, ob wir denn einen Tisch haben“, sagt Romina Zinnecker. Sie stammt vom Zirkus Lamberti. Als sie Roberto Ortmann heiratete, ging sie in den Circus Humberto. „Das ist immer so gewesen, dass die Frau mit zum Mann geht“, erzählt Romina. „Für keinen ist es schön von zu Hause wegzugehen. Aber da wusste ich, worauf ich mich einließ.“

Die ersten Tricks hat ihre Mutter ihr beigebracht – Luftakrobatik und Seiltanz. „Wenn ich in der Manege bin, kann ich alles andere vergessen.“ Alles andere, das sind auch die Schwierigkeiten, die das Zirkusleben mit sich bringt. „Man fragt sich immer, ob genügend Zuschauer kommen.“ Benzin für die 40 Wagen, Standgebühren, Werbegebühren, Futter für die Tiere und für Reparaturen. Carlos muss regelmäßig an einer neuen Schule angemeldet werden, manchmal von Woche zu Woche. „Obwohl das bisher unkompliziert war. Es gab noch in jeder Schule einen Platz für ihn.“ Das Lernen selbst ist vielmehr das Problem. Jede Schule steht an einem anderen Punkt im Lehrplan, oft unterscheiden sich auch die Schulbücher. Mittlerweile bekommen alle Zirkuskinder einheitliche Lernmaterialien. Die nehmen sie mit in die Schulen, die Lehrer orientieren sich am individuellen Wissensstand der Kinder. Obwohl der Weg der Zirkuskinder vorgezeichnet, der Familienzusammenhalt außergewöhnlich groß und man immer nur auf der Reise ist – in einer abgeschotteten Parallelwelt lebe man deshalb nicht. „Carlos bringt immer Schulfreunde mit. Manche Freundschaften halten. Ich habe auch noch eine sehr gute Freundin aus meiner Schulzeit.“

Schule – im Zirkusleben hat sie nicht denselben Stellenwert wie in anderen Teilen der Gesellschaft. „Einen Abschluss haben wir trotzdem alle“, sagt Romina. Das Wichtigste aber bleibt die Akrobatik. „Eine Artistenschule zu besuchen, ist heute keine Pflicht mehr. Aber da lege ich Wert drauf. Das gibt den Artisten einen anderen Schliff“, sagt Joschi Ortmann. Wenn man heute noch als Zirkus bestehen will, brauche man ein hochwertiges Programm, einen Clown, der wirklich lustig ist, außergewöhnliche Tiere. „Die Kinder wollen auch heute noch gerne in den Zirkus“, erzählt Romina. Vielmehr seien es die Erwachsenen, die unwillig an der Kasse stehen, den Kindern zuliebe. Zirkus haben wir zu Hause genug, mehr als einmal hat sie diesen Satz schon gehört. Das Land der Weltenbummler und Träumer. „Sind die Erwachsenen dann aber bei uns, können wir meistens doch mitreißen. Auch wenn sie das vorher nicht gedacht haben.“

Zirkus Humberto, 19. bis 22. Juni, Messegelände Löbau; Donnerstag, 16 Uhr, ist Familientag, weitere Vorstellungen Freitag und Sonnabend jeweils 17 Uhr, Sonntag haben zur Vorstellung ab 14 Uhr alle Väter freien Eintritt.

Die SZ verlost heute, 11 Uhr, zehnmal zwei Freikarten

unter  03585 47405450.