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Der neue Boom auf Sachsens Campingplätzen

Im Corona-Sommer entdecken viele das Campen wieder. Wer sind die Urlauber in und vor den Zelten und Wohnwagen? Teil 1 der Serie „Die neue Lust am Camping“.

Spaghetti al la Camping gibt’s bei Opa Klaus. Einfach, aber ehrlich. Mit Tochter Carolin und den beiden Enkeln Rudi und Rishi macht er Camping am Olbersdorfer See. Normalerweise wäre die Familie nach Indien geflogen.
Spaghetti al la Camping gibt’s bei Opa Klaus. Einfach, aber ehrlich. Mit Tochter Carolin und den beiden Enkeln Rudi und Rishi macht er Camping am Olbersdorfer See. Normalerweise wäre die Familie nach Indien geflogen. © Matthias Rietschel

Opa Klaus kniet im Gras und hält den Kocher in Gang. Seine Enkel Rudi und Rishi hängen ihre Köpfe über den Topf und gucken den Spaghetti beim Blubbern zu. „Mein Lieblingsessen ist eigentlich Krake“, sagt Rishi. Es ist der erste Campingurlaub für die fünf- und achtjährigen Jungs. Zum ersten Mal hängen Sterne nicht über dem Namen eines Hotels, sondern am Himmel direkt über ihrer Unterkunft. 

Und statt Krake gibt es Nudeln. Ohne Corona wären die Jungs und Mutter Carolin in diesem Sommer nicht mit Opa campen, sondern wie immer mit Papa in dessen einstigem Heimatland Indien, in einem Hotel mit vielen Sternen. Ihr Mann halte nichts davon, auf dem Boden zu schlafen, sagt Carolin. Also ist die 41-Jährige mit ihrem Vater campen. Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten. Mit der Ausrüstung von damals.

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Die deutsch-indische Familie aus Chemnitz ist eine von vielen, die dem Camping im Corona-Sommer eine Renaissance bescheren. Wurde das Publikum auf deutschen Campingplätzen zuletzt immer älter, sorgten Siedlungen voll Dauercampern mit Gartenzwergen für ein eher altbackenes Bild auf vielen Plätzen, sind sie in dieser Saison so lebendig wie lange nicht. An Nord- oder Ostsee noch einen Platz zu ergattern, ist aussichtslos, ähnlich in den Alpen. 

Auch in Sachsen gehen einige Betreiber schon gar nicht mehr ans Telefon, weil alles voll ist. Für Camping spricht zu Corona-Zeiten viel. Reisen in die Ferne sind schwer möglich und vielen zu riskant, während des Lockdowns haben massenweise Menschen eine neue Begeisterung für die Natur entdeckt und unter freiem Himmel fällt dem Virus die Verbreitung schwerer.

Alles ausgebucht

Der See-Campingplatz Zittauer Gebirge am Olbersdorfer See ist den Bewertungen nach der beliebteste in ganz Sachsen. Er ist für etwa 700 Menschen gemacht, in dieser Saison lassen die Betreiber aber nur 550 zu, damit die Abstände größer sind. Bis Mitte August ist hier alles ausgebucht, nur für Fahrrad- und Motorradfahrer gibt es täglich ein paar Restplätze. „So eine geballte Ladung wie jetzt haben wir noch nie erlebt“, sagt René Dreier. „Viele Gäste erzählen, dass sie jetzt zum ersten Mal überhaupt campen gehen. Die Menschen wirken in dieser Saison zufriedener, dankbarer.“

Vor 23 Jahren haben René Dreier und Steffen Roy („Wie Roy Black, nur ohne Black.“) am Biertisch beschlossen, auf dem einstigen Tagebaugelände einen Campingplatz zu eröffnen. „Wer nix hat, kann viel riskieren“, sagt Roy. „Wir haben unser Hobby zum Job gemacht.“ Bis es gut lief, vergingen zehn Jahre. Inzwischen hat sich herumgesprochen, wie attraktiv allein die Lage mit Gebirge, See und dem Dreiländereck den Platz macht. „Diejenigen, die uns in der Kneipe sagten, dass daraus nie was wird, erzählen heute: Wir wussten immer, das wird eine Goldgrube.“ Jetzt gehören sie zu den Gewinnern der Corona-Krise.

Steffen Roy und René Dreier haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und betreiben seit vielen Jahren den See-Campingplatz Zittauer Gebirge.
Steffen Roy und René Dreier haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und betreiben seit vielen Jahren den See-Campingplatz Zittauer Gebirge. © Matthias Rietschel

Eine Karawane mit Caravans zieht an der Rezeption vorbei, zum Wochenende reisen Menschen aus ganz Deutschland an. Außer den Sachsen kommen die meisten aus Bayern und Brandenburg. Eine Gruppe Mittzwanziger aus dem Nürnberger Land stapft die Stufen vom See hinauf zum Campingplatz, die Sonne verabschiedet sich langsam. Dosenbier, Sangria aus Tetrapacks und Plastikbecher mit „Rock im Park“-Aufdruck pflastern den Tisch im Pavillon, an dem der Freundeskreis Schafkopf zockt. Aus einer Box schallt abwechselnd Heavy Metal und Ballermann-Pop. Festivalstimmung. 

Manche kennen sich seit der ersten Klasse, jetzt sind sie Software-Entwickler oder Projektmanager, bei Siemens oder Zulieferern von Audi. Alle zwei Jahre gehen sie in fast selber Besetzung campen. „Bisher ist das der beste Zeltplatz, auf dem wir je waren“, meint Anna. Im Hintergrund schallt aus der Box der Song: „Scheiß auf den Job, scheiß auf dein Geld.“ Daniel „Do“ holt sein Horn und gießt sich Met ein.

Festivalstimmung bei einer Gruppe aus dem Nürnberger Land.
Festivalstimmung bei einer Gruppe aus dem Nürnberger Land. © Matthias Rietschel

Nachtruhe ab 22 Uhr heißt hier nicht, dass alles verstummt. Stimmengewirr, Lachen, der Klang von Freizeit wabert über den Platz. Familien spielen Uno, zwei Schwestern streiten sich, ein Mädchen weigert sich, seine Zähne zu putzen. Kugelförmige Laternen werfen Licht entlang der Wege, in manchen Wohnmobilen flimmert der Fernseher, vor anderen hängen Lampions wie leuchtende Perlenketten. Nur stören soll man niemanden. Betreiber Dreier sagt, das gehöre zur Philosophie. Möglichst natürlich und unaufgeregt. Keine Platzzuweisung, sondern freie Wahl. Kein Verbot von offenem Feuer.

"Das Lockere, nicht eingeengt"

Hans-Peter und Kristina, ein Rentner-Ehepaar aus Thüringen, gefällt genau das am „O-See“: „Auf vielen Campingplätzen ist das so stringent nummeriert, am besten noch alle Wagen und Zelte zur selben Seite ausgerichtet. Wir mögen am Camping das Frei-Sein, die Natur, das ist anders als im Hotel oder auf Schiffsreisen, das Lockere, nicht eingeengt, das ist hier so schön“, sagt Hans-Peter, auf dessen nackenlangem grauen Schopf ein Käppi mit „Abu Dhabi“-Aufschrift thront.

Die beiden sitzen einander vor ihrem Wohnwagen gegenüber, auf der Tischdecke mit Rosenmuster haben sie die eiförmige Kaffeekanne und ihre Hefte ausgebreitet. „Drei“, „fünf“, „neun“, wispern sie den ganzen Vormittag, während sie Zahlenrätsel lösen. Abends würfeln sie gerne. „Sowas macht man Zuhause nicht, man darf das Miteinander aber nicht vergessen“, sagt Kristina. Normalerweise machen sie jedes Jahr eine Fern- und eine Campingreise. „Da kannste nicht meckern. Wir haben unseren Kindern immer gesagt: Mit erben ist nicht viel, wir verjubeln alles.“

Ein Dach überm Kopf und eine SAT-Schüssel - was will man mehr?
Ein Dach überm Kopf und eine SAT-Schüssel - was will man mehr? © Matthias Rietschel

Während die beiden sich auf ihre Fahrradtour nach Oybin vorbereiten, erwachen andere Teile des Platzes erst. Der Bäcker schließt um neun, Mütter bauen Buffets aus Nougat-Creme, Cornflakes und H-Milch auf, die Kinder vom Vorabend streiten wieder. Nur der hintere Winkel, wo die Dauercamper ihre bereiften Behausungen mit Vorgärten, Werkzeug-Verschlägen und Wäschespinnen aufgebaut haben, wirkt noch wie eine verlassene Aussteiger-Siedlung. Den Bestand der Dauercamper halten die Betreiber bewusst gering. „Wir wollen ein touristischer Platz sein“, sagen sie.

Der Wert der eigenen Matratze

Aus dem Kinder- und Jugenddorf in Delbrück bei Paderborn sind sechs Jungs mit ihren Betreuerinnen und Betreuern zum Urlaub da. „Wir waren schon an den nördlichsten und südlichsten Campingplätzen Deutschlands, in Sylt, an der Zugspitze, in Freiburg, jetzt wollten wir in den Osten“, sagt Betreuer Michael. Die Jungs, fast alles Jugendliche unter 18, sind entweder vom Jugendamt aus ihren Familien geholt worden oder kamen als unbegleitete Geflüchtete nach Deutschland. 

Sechs Jugendliche und vier Betreuer aus Paderborn nutzen das Camping auch im Sinne der Pädagogik: Verantwortung übernehmen, rücksichtsvoll mit anderen Campierenden umgehen.
Sechs Jugendliche und vier Betreuer aus Paderborn nutzen das Camping auch im Sinne der Pädagogik: Verantwortung übernehmen, rücksichtsvoll mit anderen Campierenden umgehen. © Matthias Rietschel

„Camping kann man pädagogisch gut nutzen, jeder hat Aufgaben, man muss sich organisieren und Rücksicht auf andere nehmen“, sagt Michael. Seine Kollegin Jana ergänzt: „Ich mag am Campen, dass man so viel individuell anpasst. Und man schläft auf der eigenen Matratze, nicht auf einer im Hotel, auf der schon tausend andere gelegen haben.“

Die Gruppe sitzt auf Bierbänken um einen Tisch mit Obst und einer Basilikumpflanze, ein paar der Jungs kicken den Fußball zwischen Zelten und Kleinbussen umher. Eine Woche verbringt die Gruppe hier, macht Ausflüge nach Prag, Görlitz und Dresden, geht Boot fahren und schwimmen, grillt, spielt und sitzt ums Lagerfeuer. Das Beste am Campen sei das Schlafen und das Essen, sagen die Jungs. Ob es heute Abend wieder Tortellini mit Ketchup gebe?

So informieren wir Sie zum Thema Corona:

Nachmittags begegnen zwei Karawanen einander. Vor dem Eingang stauen sich Campingwagen aus Stuttgart, deren Insassen enttäuscht feststellen müssen, dass alles voll ist. Ihnen entgegen wackelt eine Gruppe Kinder mit Strandausrüstung gen See. Generationen und Dialekte wirbeln durcheinander. Ein Junge hüpft mit einer Sandkugel auf seine Oma zu. „Was hosd’n da?“, fragt die Bayerin. „Soll des a Olbersdorfer Sand-Semmelknödel san?“

Campen und Chillen gehören einfach zusammen. Diese Familie aus Dortmund geht seit neun Jahren gemeinsam campen. Josie (Hintergrund) ist zum ersten Mal dabei.
Campen und Chillen gehören einfach zusammen. Diese Familie aus Dortmund geht seit neun Jahren gemeinsam campen. Josie (Hintergrund) ist zum ersten Mal dabei. © Matthias Rietschel

Yanik und seiner Familie hört man nicht an, woher sie kommen. Man sieht es. Schwarz-Gelb ist das Trikot des 21-Jährigen, aber nicht von Dynamo Dresden, sondern vom erfolgreicheren Farb-Verwandten Borussia Dortmund. Seit neun Jahren fährt Yanik jedes Jahr mit seinen Eltern und den zwei Brüdern campen, diesmal ist seine Freundin Josie dabei. 

Zwischen den Birken haben sie Hängematten gespannt, aus denen die Köpfe der Brüder ragen, in der Mitte schmücken eine Tischdecke und Töpfe mit Blumen den Holztisch, neben dem ein paar Fahrräder lehnen. Yanik und Josie teilen sich eine Liege. „Beim Campen ist man gezwungen, immer in der Landschaft zu sein, man bewegt sich. Mir gefällt das minimalistische Leben“, sagt Yanik.

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Opa Klaus hätte auch gern mehr davon. Er wirft nachträglich etwa Salz in den Spaghetti-Topf. Ihm gefalle die Unordnung am Campen, sagt er. Auf dem kalten Boden zu schlafen, findet seine Tochter allerdings gewöhnungsbedürftig. „Man macht Sachen, die man Zuhause nicht oft macht: Gesellschaftsspiele, Badminton, am Lagerfeuer vorlesen. Ich mag, dass man den ganzen Tag in der Natur ist, dass es einfach ist, das Selber-Kochen.“

Ihr Sohn unterbricht: „Aber du kochst doch gar nicht, sondern Opa!“ Klaus pikst ein paar Nudeln aus dem wackeligen Konstrukt: „Sind al dente.“ Professionelle Camper, meint er, „würden über unsere primitive Ausrüstung fluchen.“ Neue wollen sie nur kaufen, wenn sie wissen, dass sie das wirklich mögen.

Mittagessen auf Plastikkisten und Campingstühlen. Rudi wickelt ein Knäuel Spaghetti um seine selbst geschnitzte Gabel, das doppelt so groß wie sein Mund ist. „Schmeckt, als wenn sie vom Meisterkoch kommen“, lobt er. Kraken-Liebhaber Rishi widerspricht: „Ne, viel zu klebrig.“ Feinkost vom Gaskocher gehört zu den anspruchsvolleren Disziplinen des wieder entdeckten Camping-Trends. Vielleicht bekommt Opa Klaus ja nächstes Jahr die nächste Chance. „Dass wir wieder fahren, ist doch beschlossene Sache, oder?“

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