merken
PLUS

Leben und Stil

Der neue Trend: Gemüse vom Balkon. So klappts.

Wenn Nährstoff- und Wasserversorgung stimmen, ist mehr als Naschen drin. Doch nicht jede Pflanze eignet sich.

Gärtnerin Grit Schulze vom Dresdner Gartenbau Müller zeigt, was in einen Balkonkasten passt:  Paprika (links), Stauden-Basilikum (Mitte) und Tomate (rechts).
Gärtnerin Grit Schulze vom Dresdner Gartenbau Müller zeigt, was in einen Balkonkasten passt: Paprika (links), Stauden-Basilikum (Mitte) und Tomate (rechts). © Thomas Kretschel

Von Sabine Metzger

Den eigenen Salat anbauen, die Tomaten fürs Abendessen und die passenden Kräuter selbst ernten – das geht auch auf dem Balkon. „Das Urban Gardening, wie man das Gärtnern auf engstem Raum bezeichnet, liegt voll im Trend“, sagt Gartenbautechniker Andreas Müller aus Dresden. Denn nicht jeder hat einen Garten.

Anzeige
Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

Die Rechtslage

Die Bepflanzung des Balkons gehört grundsätzlich zum vertragsmäßigen Gebrauch der Mietwohnung. Allerdings gibt es bei der Auswahl der Pflanzen Grenzen, erklärt der Eigentümerverband Haus & Grund Deutschland. Ein Ahornbaum beispielsweise darf nach einem Beschluss des Landgerichts München I (Az.: 31 S 12371716) nicht auf einem Balkon. Wenn eine Bepflanzung aufgrund ihres Umfangs einer baulichen Veränderung gleichkommt oder das Erscheinungsbild der Hausfassade optisch beeinträchtigt, ist sie nicht mehr vom üblichen Mietgebrauch gedeckt. Genauso problematisch können Rankpflanzen sein. Zwar dürfen Mieter ein Rankgitter anbringen. Sie müssen jedoch darauf achten, dass die Pflanzen das Mauerwerk nicht beschädigen, befand das Amtsgericht Berlin-Schöneberg (Az.: 6 C 360/85). Efeu oder Wilder Wein sind damit eher ungeeignet.

Die Voraussetzungen

„Gut geeignet ist der Balkon für Gemüse, weil die meisten Arten wärmeliebend sind“, erklärt Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde. Durch die Nähe zur Hauswand, die reflektierende Sonnenwärme, die schützende Brüstung und – in den meisten Fällen – die Überdachung ist es hier generell ein paar Grad wärmer als in der Umgebung. Zudem liegen viele Balkons auf der Südseite.

Falls es im Hochsommer mal zu warm werden sollte und Überhitzung droht, lässt sich leicht Abhilfe schaffen: „Mit einem aufgespannten Sonnenschirm ist da schon viel getan“, sagt Wagner. Um die Pflanzen optimal mit Licht zu versorgen, gibt es allerdings ein Ausschlusskriterium: Ein Nordbalkon eignet sich nicht. Auf allen anderen aber können nicht nur Kästen an der Brüstung stehen, sondern größere Pflanzen auch auf dem Boden. Denn die Lichtmenge auf dem Balkon ist in der Regel ausreichend, sagt Wagner.

Die Pflanzauswahl

Paprika neben Tomate und Basilikum und dazwischen Physalis: „Das funktioniert nur dann, wenn sich die Pflanzen nicht gegenseitig überwuchern“, sagt Müller. Geeignet seien deshalb Minipflanzen, deren Vielfalt in den vergangenen Jahren zugenommen habe. Immer wieder würden neue Sorten und balkongerechte Züchtungen angeboten, die kompakter sind.

Die Pflanzenauswahl ist – wie auch im Garten – abhängig vom Standort und Platz, der zur Verfügung steht. „Tomate, Aubergine, Zucchini und Gurken sind sehr wärmeliebend. Für Pflücksalate, Mangold, Kohlrabi, Möhren oder Radieschen tut es auch der West- oder Ostbalkon.“ Ansonsten ist beinahe jede Aufzucht möglich.

Tomaten, Gurke, Zucchini, Stangenbohnen, Paprika, Mini-Kürbis und Melonen-Birne eignen sich für den Anbau im Kübel. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft empfiehlt ein Gefäß mit mindestens 25 bis 30 Zentimetern Durchmesser sowie einem Fassungsvermögen von mindestens acht Litern. Pflücksalat, Busch- und Wachsbohnen können in den Balkonkasten. Für Kräuter gibt es keine Beschränkungen.

Cornelia Lehmann vom Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg gibt zu bedenken, dass für manches einfach nicht der Raum auf dem Balkon da ist. „Ein einzelnes Radieschen gibt nicht so viel her. Radieschen sind schnell, aber man braucht sehr viel Platz, bis man einen Bund zusammen hat.“ Dagegen rät sie zum Beispiel zu Tomaten und Salaten. „Kopfsalat sollte man dünn aussäen. Wer dann regelmäßig die äußeren Blätter erntet, hat mehrere Wochen etwas davon“, sagt Lehmann. „Das reicht dann jeweils für kleine Salatportionen oder einfach mal für einen Sandwich-Salat.“ Wer fürchtet, der Salat im Balkonkasten würde zu langweilig aussehen, für den hat Lehmann einen Tipp: „Es gibt auch spezielle Sorten wie etwa Forellensalate, die gesprenkelt sind. Da hat man auch noch einmal einen optischen Reiz.“

Um mehr Raum aus dem Balkon herauszuholen, kann man Gurken und Melonen auf einem sonnigen Balkon am Rankgitter in die Höhe ziehen, erklärt Lehmann. „Dafür muss man nur ein stabiles Rankgerüst bieten und schauen, dass auch die Früchte gestützt sind, damit sie nicht abbrechen.“ Wagner empfiehlt Stangen- oder Kletterbohnen als Sichtschutz.

Die Topfauswahl

Ebenfalls entscheidend für die Nährstoffversorgung einer Pflanze ist die Größe ihres Topfes, sagt Gottfried Röll von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau. „Je größer ein Topf, desto mehr Wasser und Nährstoffe können dort gespeichert werden. Und eine gleichmäßige Versorgung ist für das Wachstum enorm wichtig.“ Schon beim Kauf der Pflanze solle man daher überlegen, wie groß sie letztlich werden wird, und den Topf der künftigen Größe anpassen. Für Tomaten, Zucchini und Paprika empfiehlt Röll 20 Liter pro Pflanze. „Bei Peperoni reichen auch mal 15 Liter.“ Auch solle man nicht zu lange warten, bis der Setzling sein neues Heim beziehen darf: „Junge Pflanzen sollte man zeitnah nach dem Kauf umtopfen, am besten innerhalb einer Woche.“ Allerdings dürfen Pflanzen erst ins Freie, wenn die letzte Frostgefahr gebannt scheint.

Der Dünger

Unverzichtbar ist der richtige Dünger und das entsprechende Maß. „Handelsübliche Erde ist vorgedüngt, aber gerade bei Starkzehrern wie Tomaten, Gurken, Lauch, Kresse und Radieschen ist dieser Dünger nach etwa sechs Wochen verbraucht“, sagt Wagner. Starkzehrer entziehen dem Boden vor allem Nitrate. Der Anbau benötigt deshalb auch auf dem Balkon ausgleichende Maßnahmen wie die Verwendung von mineralischen oder organischen Düngern.

Andreas Müller empfiehlt, ein bis zwei Wochen nach der Pflanzung wöchentlich Flüssigdünger zuzugeben. Gut sei es außerdem, vor dem Einpflanzen Hornspäne unter die Erde zu mischen. Davon profitieren die Pflanzen langfristig, denn der enthaltene Stickstoff wird erst nach und nach freigegeben. Wer in Bio-Qualität ernten möchte, braucht aber auch Bio-Dünger.

Die Bewässerung

Das wichtigste Thema für Balkongärtner ist das Gießen. Hier gibt es keine Ausreden. Gerade bei den begrenzten Speichermöglichkeiten der Töpfe ist besonders regelmäßiges Engagement gefragt. Wer das aber nicht leisten will oder kann, etwa weil er häufig unterwegs ist, kann auf kleine Bewässerungsanlagen für Balkone zurückgreifen, wie Systeme mit einem Minitank oder automatische Systeme, die aber eine Stromversorgung benötigen.

„Allerdings ist auch ein guter Wasserabzug nötig, damit keine Staunässe entsteht, weil sonst die Wurzeln schnell faulen können“, sagt Müller. Wichtig sei deshalb ein großes Loch in Kasten oder Kübel. Denn die Pflanze nimmt sich nur so viel Wasser, wie sie braucht. Überschüssiges Wasser in Untersetzern, was sich auch nach starken Regenfällen bildet, sollte regelmäßig abgegossen werden, so Müller.

Das Ergebnis

Wer nun glaubt, die Gemüseaufzucht auf dem Balkon hält sich soweit in Grenzen, dass man etwa nur naschen kann, liegt laut Wagner falsch. „Wenn Nährstoff- und Wasserversorgung stimmen, ist es mehr als ein Naschbalkon. Gerade mit Gurken und Tomaten ist eine regelmäßige gute Ernte möglich.“ (dpa/rnw)