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"Pfarrer werden abgeworben"

Meißens Superintendent Andreas Beuchel zum Pfarrermangel, dem Stadt-Land-Gefälle und Corona-Maßnahmen.

Andreas Beuchel steht als Superintendent dem evangelischen Kirchenbezirk Meißen-Großenhain vor, der zu großen Teilen mit dem Gebiet des Kreises Meißen zuständig ist. Dazu zählen aktuell 37.000 Mitglieder.
Andreas Beuchel steht als Superintendent dem evangelischen Kirchenbezirk Meißen-Großenhain vor, der zu großen Teilen mit dem Gebiet des Kreises Meißen zuständig ist. Dazu zählen aktuell 37.000 Mitglieder. © Lutz Weidler

Herr Beuchel, konnten Sie Pfingsten wieder normalen Gottesdienst feiern?

Seit die 15-Personen-Obergrenze aufgehoben wurde, konnten wir vielerorts wieder mit einer größeren Anzahl Teilnehmer den Gottesdienst feiern, je nach Größe der Kirche und unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Im Meißner Dom bekommen wir problemlos mit Abstand mehr als 100 Leute rein.

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Ostern waren alle Gottesdienste verboten. So etwas gab es noch nie in der Kirchengeschichte. Hätten Sie sich vorher vorstellen können, so etwas zu erleben?

Nein. Das war ein Novum, bei dem ich hin- und hergerissen war. Zum Glück konnten wir in Sachsen - nach Absprache mit der Landesregierung - die Kirchen immer offen halten, so dass zum persönlichen Besuch und Gebet Gelegenheit blieb und sich die Menschen wenigstens an der Osterkerze das Osterlicht holen konnten. Viele haben aber schon gesagt: Uns fehlt der festliche Ostergottesdienst.

Die Kirchen in Deutschland sind sehr schnell auf die Empfehlungen der Politik eingegangen und haben wegen Corona auf Gottesdienste verzichtet, während etwa Zeitungskiosks offen bleiben durften. Das sieht mancher Gläubige kritisch. Wie sehen Sie das?

Ich persönlich finde, dass die jetzige Lösung von Anfang an hätte gelten können. Mit der Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln hätten wir nicht auf Gottesdienste verzichten müssen! Aber es war eben eine völlig neue Situation. Die Angst vor einer Infektion war damals auch viel größer als heute. Man wird das auswerten müssen, wenn die Corona-Welle überstanden ist. Wie gehen wir künftig mit solchen Herausforderungen um? So was kann jederzeit wieder passieren. Wir sind jedenfalls froh, dass es im Landkreis in unseren Kirchen keine Infektionen gegeben hat.

In Riesa gibt es gerade eine andere Herausforderung: Von drei Pfarrerstellen sind zwei vakant, nachdem zwei Pfarrer in Ruhestand gingen. Schon vorher war lange eine Stelle unbesetzt. Ist Riesa nicht attraktiv für Pfarrer?

Das verstehe ich auch nicht. Die Stadt finde ich sehr interessant, wir haben wunderbar sanierte Kirchen hier, die viele Möglichkeiten bieten. Es gibt aber grundsätzlich den Trend, dass im Norden des Landkreises, weiter weg von den Großstädten, es schwer ist, Stellen zu besetzen.

Vakante Pfarrerstellen habe ich noch in Frauenhain, Wildenhain, Nossen, Leuben gesehen ...

Leuben wird nicht mehr besetzt, das gehört jetzt zur Region Nossen. Die Ausschreibung der Pfarrstelle Nossen wird im Amtsblatt der Landeskirche erfolgen. Für Frauenhain und Wildenhain findet sich leider bisher niemand. Auch für Riesa nicht, was ich bedauere: Die Stadt liegt zentral in Sachsen und ist über die Bahn gut an Dresden und Leipzig angebunden. Ich werbe massiv für die Stelle. Aber im Moment warten viele Pfarrerinnen und Pfarrer ab, wie sich die Strukturen entwickeln.

Für 2020 waren für den Kirchenbezirk Meißen-Großenhain 37 Pfarrerstellen vorgesehen. Ist das noch aktuell?

Ja. Sechs Stellen haben wir zuvor eingespart. Bis 2030 soll die Zahl stabil bleiben. Allerdings weiß ich nicht, was die Pandemie für finanzielle Folgen für die Landeskirche haben wird. Das können wir heute noch nicht abschätzen. Aber wir müssen die freien Stellen aufrechterhalten, weil im Kirchenbezirk sehr viele Pfarrer über 60 sind und in absehbarer Zeit in Ruhestand gehen. Wir suchen dringend Pfarrer!

Ist das ein reines Großstadt-Land-Problem?

Es gibt auch in Leipzig freie Stellen, auf die sich niemand beworben hat.

Gibt es zu wenig Theologie-Absolventen? Oder wollen zu wenig Pfarrer werden?

Eigentlich gibt es in Leipzig genug Theologie-Studenten. Aber Pfarrer sind überall knapp, sodass es auch ein Abwerben durch andere Landeskirchen gibt. Und heute nutzen auch mehr junge Leute die Chancen, etwa nach dem Vikariat nochmal ins Ausland zu gehen.

Vor drei Jahren zählte der Kirchenbezirk noch 43.000 Mitglieder, sie deuteten damals einen Schwund um 1.000 pro Jahr an. Wie hat sich die Zahl entwickelt?

Wir haben noch circa 37.000 Mitglieder. Aber das liegt auch daran, dass wir die Region Wilsdruff durch eine Strukturanpassung an den Kirchenbezirk Freiberg abgegeben haben, das sind fast 4.000 Gemeindeglieder.

Das heißt, der Verlust durch die Demografie ist geringer als befürchtet ...

Tatsächlich ist das nicht ganz so stark eingetreten, wie wir vermutet haben. Und wir haben im Bereich Coswig/Weinböhla auch einen leichten Zuwachs durch Zuzüge. Insgesamt wird sich aber an der demografischen Situation nichts ändern.

Der Kirchenbezirk sollte in mehrere Regionen gegliedert werden, hieß es zuletzt. Bleibt es dabei?

Ja. Die Verträge dafür sind auf den Weg gebracht, das geht Stück für Stück voran. Die Gemeinden mussten sich auf eine neue Rechtsform einigen, z. B. schließen sich mehrere Kirchgemeinden zu einem Kirchspiel oder Kirchgemeindebund zusammen. Andere vereinigen sich zu einer Kirchgemeinde, wieder andere bilden ein Schwesterkirchverhältnis. Das ist juristisch wichtig, weil ja auch Ländereien, Friedhöfe und Gebäude verwaltet werden müssen.

Welche Regionen wird es geben?

Sechs insgesamt: Coswig/Weinböhla, Radeburg, Großenhain, Riesa, Meißen und Nossen. Radebeul gehört nicht zu unserem Kirchenbezirk.

Für Riesa beispielsweise heißt das, dass die Region von Stauchitz und Hirschstein bis fast vor Gröditz reicht ...

Ja. Die ersten Vereinigungen dabei sind schon am Jahresanfang in Kraft getreten. Im Moment haben wir für die Region zwei Pfarrerinnen und zwei Pfarrer.

Einer davon, Martin Scheiter, bleibt dabei aber für Glaubitz zuständig und übernimmt zusätzlich Aufgaben in Riesa. Kann das eine Dauerlösung sein?

Nein. Wir wollen bewusst, dass in Riesa die freien Stellen wieder besetzt werden! Es wäre schön, wenn auch in Riesa an der Trinitatiskirche wieder einen Pfarrer wohnen würde.

Zeichnet sich da was ab?

Leider nicht so wie gewünscht, obwohl wir Pfarrerinnen und Pfarrer ansprechen. Vielleicht können wir auch eine Entsendung - also die Abordnung eines Pfarrers - nach Riesa erreichen. Die Aufgaben in der Stadt und den Dörfern in so einer großen Region sind vielfältig. Auch wenn die beteiligten Pfarrer gut zusammenarbeiten, bleibt es für sie eine enorme Belastung. Die große Aufgabe wird sein: Was können künftig die Pfarrer leisten, was müssen die Gemeindeglieder selbst tun? Wer leitet welche Kreise, wer hält in den Kirchen und Altenheimen die Gottesdienste?

Auf den Dörfern gibt es immerhin noch einen Gottesdienst pro Monat ...

Wir haben hier das große Glück, dass wir noch Pfarrer im Ehrenamt und Prädikanten haben. Dazu haben wir noch eine ganze Reihe Lektoren ausgebildet, die Wortgottesdienste halten können. Die Menschen wollen in den Kirchen zusammenkommen! Kirchliches Leben muss vor Ort präsent bleiben. Der Gottesdienst ist unser zentraler Punkt. Zum Glück helfen uns auch Pfarrer aus dem Meißner Bereich in der Nordregion.

Zur Kirche vor Ort gehören auch Jugendarbeit und Kirchenmusik. Wie steht es darum?

Wir sind sehr froh, in Riesa Kantor Sebastian Schwarze-Wunderlich zu haben und sehr viele Ehrenamtliche oder kleine Teil-Anstellungen: Wie ein Pfarrer kann ja auch ein Kantor bei den vielen Kirchen nicht mehr als zwei oder drei Gottesdienste pro Sonntag begleiten.

 Das zu organisieren, ist zunehmend eine Aufgabe des Kantors. Dasselbe gilt auch für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Da sind wir stolz, mit Robert Hartzsch in Riesa einen Mitarbeiter zu haben, der z. B. gemeinsam mit dem Kantor einen wunderbaren Kindergottesdienst im Internet angeboten hat, der nicht nur sachsen- sondern fast deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hat und viele positive Rückmeldungen bekam. Es sind digital heute viele neue Möglichkeiten entstanden. Aber ich merke, dass viele Menschen jetzt auch wieder das Analoge brauchen.

Tatsächlich?

Ja, nach den Gottesdiensten finden sich viele Leute draußen zusammen, wenn auch mit Abstand. Zum Glauben gehört für mich auch das echte Erleben dazu - des Raumes, des Wortes, der Musik im Gottesdienst. Das kann ein Bildschirm nicht ersetzen - auch wenn ich früher als Senderbeauftragter beim MDR tätig war und Hörfunk- und Fernsehgottesdienste übertragen habe.

Die anstehende Strukturreform hatte damals teils für emotionale Reaktionen gesorgt. Wie ist heute die Stimmung in der Region?

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Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.

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