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Im Osten droht ein Flächenbrand

Prorussische Kräfte attackieren Behörden und Polizeistationen in der Ost-Ukraine. Die Bevölkerungsmehrheit ist jedoch gegen einen Anschluss. Ein weiterer Konflikt flammt auf.

© Reuters

Von Nina Jeglinski, z. Zt. Donezk

Sonntagnachmittag auf der Artema-Straße, im Stadtzentrum von Donezk: Wo sonst für Kaugummi oder Joghurt geworben wird, prangen unzählige Werbeplakate, auf Schwarz, Blau, Rot mit russischem Adler im Hintergrund steht Republik Donezk. Die Stadt wirkt wie ausgestorben, nur vereinzelt laufen Menschen durch den Regen. Doch nicht das nasskalte Wetter lässt die Leute zu Hause bleiben. In der Ostukraine wird geschossen. Paramilitärs haben in mehreren Städten Polizeistationen und Regionalverwaltungen besetzt, seit Sonntagvormittag läuft offiziell in der Stadt Slawjansk ein Anti-Terror-Einsatz der ukrainischen Regierung. Dabei ist bis zum Sonntagnachmittag ein Mensch getötet worden, außerdem gibt es Verletzte.

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Doch wer hat die Kontrolle über die Ost-Ukraine? Vor allem die Ereignisse in den Städten Slawjansk und Kramatorsk erinnern Beobachter stark an die Geschehnisse auf der Krim. Dort hatten vor einem Monat Soldaten Stück für Stück die gesamte Halbinsel besetzt. Die Männer waren Soldaten, zwar ohne Hoheitsabzeichen, aber mit automatischen Waffen ausgerüstet. Das gleiche Bild bietet sich nun im Osten der Ukraine. Waren es am Sonnabend noch Städte im Oblast Donezk, weiteten sich die Unruhen am Sonntag auch auf die Städte in den Nachbarregionen Dnipropetrowsk, Lugansk und Charkiw aus.

Mark Lewin, Fotograf des Internetportals Lewjy Bereg, berichtet, Valentin Barischnikow aus Slawjansk habe ihm erzählt, dass die bewaffneten und maskierten Männer nicht aus der Stadt stammen. „Das sind keine Leute von hier“, so Barischnikow. Auch in Kramatorsk fiel auf, wie zielgerichtet die Soldaten vorgingen. Das Internetportal Ostrow.org schreibt: „Sie wussten genau, wo die Polizeistation liegt“, zudem zeigen Videoaufnahmen, wie die Soldaten von Sicherheitskräften in Zivil bei der Belagerung der Polizeistelle und anderer Teile der Stadt unterstützt werden.

„Das, was in der Ostukraine an diesem Wochenende abläuft, ist Krim 2.0“, sagte Mark Raschkiewtisch, Reporter der Kyiv Post, nachdem er am Sonnabend aus Slawjansk zurück war. Offenbar arbeiten die russischen Sicherheitsbehörden mit Leuten aus der Ukraine zusammen. Im Internet wurden Namen sogenannter „Personalvermittler“ veröffentlicht. So kann man etwa bei einem Valerij in Donezk anrufen, um sich von ihm rekrutieren zu lassen. Gezahlt würden rund 50 Euro pro Tag.

Auch in Jenakijewo gibt es einen Headhunter der selbsternannten Republik Donezk. Dort kann man bei Sergej Skliarenko von den „Patriotischen Kräften Donbass“ anheuern. Diese Headhunter würden Leute suchen, die die bewaffneten Kräfte unterstützen. Vor allem im Bau von Barrikaden, Unterstützung bei der Bewachung besetzter Gebäude und Verstärkung in den Gebäuden. „Wir erleben hier eine russische Invasion, die ganz gezielt mit Mitteln sozialer Proteste arbeitet“, schreibt das Internetportal Nowosti Donbass. Vieles solle ähnlich aussehen wie bei den Protesten auf dem Maidan in Kiew.

Auch in der Heimatstadt des früheren Präsidenten Viktor Janukowitsch brachten maskierte, bewaffnete Kräfte am Sonntag ebenfalls das Polizeihauptquartier und die Staatsanwaltschaft der 85.000 Einwohner zählenden Stadt unter ihre Kontrolle. Doch die Mehrheit der Menschen im Osten der Ukraine lehnt einen Anschluss an Russland ab. In Charkiw kam es am Sonnabend zu einer großen proukrainischen Kundgebung, die ganze Nacht durch hatten Menschen die Einheit des Landes gefordert.

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Die Demonstration wurde gestern fortgesetzt. Am frühen Nachmittag kam es zu Übergriffen. Laut Augenzeugen sollen Menschen mit den prorussischen, orange-schwarzen St.-Georgs-Bändern die Leute von der Gegenseite geschlagen, beschimpft und bespuckt haben. Wenig später waren in der Innenstadt Busse mit maskierten Männern in Militärbekleidung vorgefahren. Sie versuchten die proukrainischen Protestgruppe auseinanderzutreiben. Es fielen Schüsse, mehrere Menschen wurden verletzt. Via Twitter verbreitete Bilder zeigen, wie Menschen in eine Metro-Station fliehen.