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„Der Osten hat mich lieb, zahm und feminin gemacht“

Über 30 Jahre nach Maxi Wanders DDR-Frauenbuch geht es nun um „den“ Ost-Mann in „Guten Morgen, Du Schöner“.

Eine steile These der Autorin Greta Taubert: Ostmänner sind besser auf gesellschaftlichen Wandel vorbereitet, weil sie überkommende Rollenmodelle nicht erst ablegen müssen, sondern sie noch nie gelebt haben.
Eine steile These der Autorin Greta Taubert: Ostmänner sind besser auf gesellschaftlichen Wandel vorbereitet, weil sie überkommende Rollenmodelle nicht erst ablegen müssen, sondern sie noch nie gelebt haben. © dpa

Von Yvonne Fiedler

Viel Küchentisch-Psychologie ist in den vergangenen Jahren um Ostfrauen betrieben worden – jetzt kommen die Männer auf die Analysecouch. Die Leipziger Journalistin Greta Taubert versammelt in ihrem gerade bei Aufbau erschienenen Band „Guten Morgen, Du Schöner“ Protokolle von „Begegnungen mit ostdeutschen Männern“. Klar: Der Titel ist eine Reminiszenz an Maxie Wanders fast gleichnamigen Klassiker „Guten Morgen, Du Schöne“ aus den späten 1970er-Jahren. Wanders ließ damals Frauen aus der DDR über ihr Leben, ihre Familien, die Arbeit, Politik und natürlich über Männer erzählen. Der Titel, entnommen aus einem der Lebensprotokolle, war authentisch. Die abgewandelte Form auf Greta Tauberts Buchcover hat hingegen keinen Bezug zu den aufgeschriebenen Geschichten, sondern landete vermutlich aus Marketinggründen dort.

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Eng verwandt mit Maxie Wanders Vorlage ist auch die Form der Interviews: Greta Taubert hat die Erzählungen der Männer lediglich protokolliert, statt sie zu kommentieren. Nur gelegentlich scheint durch, dass die aufgeschriebenen Geschichten nicht als Monolog vorgetragen wurden, sondern dass Taubert aktiv interviewte, wenn auch ohne Leitfaden. Beim Aufschreiben hat sich die Autorin dann angenehm zurückgenommen. Vorangestellt sind den Protokollen lediglich kurze Einführungen, wie die Journalistin ihre Gesprächspartner kennenlernte, wo sie diese traf. Eine Wertung verkneift sich Taubert durchweg und lässt den Lesern alle Chancen für eigene Urteile.

Der „Wutbürger“ kommt nicht vor

Eher unglücklich ist allerdings der Begriff der „Ossiboys“, unter dem Taubert ihre Gesprächspartner immer wieder subsummiert. Ist in ihrem Buch sonst viel von Augenhöhe und Respekt die Rede, wirkt dieser Begriff in Bezug auf gestandene Erwachsene, die ein Unternehmen führen, eine Kommune leiten, Kinder großgezogen haben, seltsam flapsig, sogar hochmütig.

Was haben sie nun gemeinsam, die Ostmänner, und ihren Westkollegen gegebenenfalls voraus? Die Interviews suggerieren, dass sich diese Frage recht klar beantworten lässt: Sie übernehmen Verantwortung für Familie und Kindererziehung. Sie halten es für normal, sich in einer Partnerschaft häusliche Pflichten zu teilen. Von ihren starken Müttern haben sie gelernt, dass Frauen selbstverständlich und gleichberechtigt arbeiteten. Sie geben zu Protokoll, in Beziehungen kein Heimchen am Herd, sondern eine Partnerin/einen Partner auf Augenhöhe zu wollen. Sie wirken reflektiert und scheinen kaum zu Protzerei und männlichem Imponiergehabe zu neigen.

Ist dieser Eindruck nun repräsentativ für den Ostmann der Wendegeneration? Es sprechen hauptsächlich Unternehmer, Bürgermeister, Lehrer, Kreative. Leute, denen dass Leben nicht passiert, sondern die sich immer wieder bewusst für einen Weg entschieden haben. Auch zwei Arbeitslose sind dabei und Gesprächspartner, denen wahrlich nichts geschenkt wurde im Leben. Doch der klassische „Wutbürger“, der gegen Staat und Politiker wettert, Verschwörungstheorien pflegt und sich aus lauter Angst vor Veränderung über alles Fremde ereifert, der fehlt. Die meisten Gesprächspartner scheinen mit sich selbst im Reinen zu sein, haben Aufgaben und Berufe oder zumindest Lebensumstände, die sie erfüllen. Keiner scheint grundsätzlich mit seiner Situation zu hadern.

Kein Patriarchat der alten Männer?

So eröffnen die Protokolle zwar einen Blick auf ganz verschiedene Lebensentwürfe, von pragmatisch über esoterisch bis stilisiert kämpferisch. Sie sagen viel aus über den prägenden Einfluss städtischer oder dörflicher, Arbeiterfamilien- oder intellektueller Sozialisation und die daraus resultierenden Unterschiede in der Weltanschauung der erwachsen Gewordenen. Und ja, die Interviews befriedigen auch ein wenig den Voyeurtrieb, in fremden Leben zu stöbern, das Kopfkino anzuwerfen und heimlich ein Protokoll des eigenen Werdegangs aufzuzeichnen.

Zwischen die Interviews streut Taubert soziologische Reflektionen, die sich dem Phänomen „Ostmann“ nähern. Sie sinniert über eine gemeinsame Identität von in der DDR Geborenen, über Brucherfahrungen, weil die einstige Heimat schlicht nicht mehr existiert. Stellt infrage, ob es den Osten überhaupt gibt und ob die Trennlinien tatsächlich entlang der früheren deutsch-deutschen Grenze verlaufen oder nicht beispielsweise zwischen Metropole und Provinz. Auch hier liefert die Journalistin Denkanstöße, keine fertigen Meinungen.

Am hellsichtigsten ist vielleicht die Selbsteinschätzung des letzten Gesprächspartners: Micha, 34, Aktivist in Berlin: „Der Osten hat mich auf eine Art lieb, zahm und feminin gemacht und mir damit die Voraussetzung gegeben, nicht mit der Industriegesellschaft, der westlichen Hegemonie und dem Patriarchat der Alten Weißen Männer untergehen zu müssen.“

Das könnte sich tatsächlich als ein geradezu evolutionärer Vorteil erweisen: Dass (zumindest viele der interviewten) Ostmänner bestens auf gesellschaftlichen Wandel vorbereitet sind, weil sie ausgelatschte Rollenmodelle nicht erst ablegen müssen, sondern sie noch nie gelebt haben.

Greta Taubert: Guten Morgen, Du Schöner. Begegnungen mit ostdeutschen Männern. Aufbau Verlag. 249 S., 20 €

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