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Der Osteuropa-Meister

Die deutsche Industrie ging bei der Ost-Expansion als klarer Sieger hervor. Ein Buch verrät, wie das kam und welche Rolle die Liebe spielte.

Von Olaf Kittel
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Die größte Erfolgsgeschichte für die deutsche Industrie ist der Aufbau der Autoindustrie in Osteuropa.
Die größte Erfolgsgeschichte für die deutsche Industrie ist der Aufbau der Autoindustrie in Osteuropa. © dpa

Mit dem Mauerfall vor 30 Jahren war nicht nur der Weg nach Westen frei, ab sofort, also unverzüglich, standen der Wirtschaft des Westens alle Tore nach Osten offen. Tausende Unternehmer schwärmten aus in alle heute 29 Länder Osteuropas mit sozialistischer Vergangenheit. 

400 Millionen Menschen zwischen Zgorzelec und Wladiwostok standen vor einem Scherbenhaufen, hatten kaum Ahnung von Marktwirtschaft, aber große Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und einen enormen Nachholbedarf beim Einkaufen – für die Wirtschaft eine gigantische Konjunkturreserve praktisch vor der Haustür.

Jutta Falkner hat sich als Journalistin und Verlegerin von Außenhandelszeitschriften auf dieses Thema konzentriert und Osteuropa oft bereist. Jetzt legte sie mit ihrem Buch „Go east. Wie unsere Wirtschaft den Osten Europas eroberte“ eine Bilanz vor, die sowohl Erfolgsstory als auch Krimi ist. Ein solches Buch kommt ohne Rückblick auf die RGW-Zeit nicht aus, als Handel meist als Gegengeschäft lief. So erhielt die DDR etwa eine Spanplatten- und Oberflächenvergütungsanlage und lieferte dafür nicht nur Werkzeuge und Werkzeugmaschinen, sondern auch Tapeziertische und Nordhäuser Korn. Die Sowjetunion wiederum exportierte Rohstoffe aller Art, aber auch Krimsekt und massenhaft Wodka und brauchte im Gegenzug nahezu alles. Allein zwischen 1975 und 1980 bezog das Land 520 Millionen Paar Schuhe.

Pelze und Daunen für den Westen

In der wilden Wendezeit war damit schnell Schluss, nicht immer zum Nutzen der Verbraucher. So wurde die erst zum Frauentag 1987 mit viel Tamtam von Raissa Gorbatschowa und Aenne Burda erschienene russische Ausgabe der „Burda“ bald wieder eingestellt, weil das dafür gegründete Joint Venture, also das Gemeinschaftsunternehmen, unter den neuen Bedingungen nicht mehr funktionierte. Die Zeitschrift wurde einst in der Bundesrepublik gedruckt, mit den Rubelerlösen kaufte der Verlag russisches Zeitungspapier und verkaufte es in Westeuropa. Nach der Wende wollten aber die russischen Papierhersteller das Geschäft selbst machen, das Projekt war am Ende.

Die Stimmung in der Sowjetunion direkt nach dem Mauerfall schildert das Buch am Beispiel des Schwarzwald-Unternehmers Reiner Roland Lang, der Werkzeugmaschinen unter anderem für Erdölausrüstungen herstellte und auf gute Exportchancen hoffte. Lang reiste immer wieder nach Sibirien, wo ihn die neuen Unternehmer wie einen Messias empfingen und in der Sauna mit ihren Erwartungen bombardierten: Er sollte helfen, Pelze und Daunen im Westen zu verkaufen, eine Fluglinie von Deutschland nach Sibirien aufbauen und Touristen hinter den Ural schicken. Lang kam oft, beantwortete viele Fragen, vermittelte Grundkenntnisse der Marktwirtschaft. Nur seine Werkzeugmaschinen wurde er nicht los. Er meldete später Insolvenz an.

Es kamen aber nicht nur Wohlmeinende in den Osten. Leute wie Jeffrey Sachs, der Russland und Polen eine Schocktherapie empfahl, aber auch viele Deutsche hatten oft keinerlei Erfahrung in Osteuropa, schon gar keine soziale Kompetenz. Sie sollten mitten im Chaos die Wirtschaft privatisieren. So wurden Firmen in der Sowjetunion ohne Rücksicht auf bisherige Lieferketten verkauft, was auch in Ostdeutschland schwere Schäden verursachte. Tschechien verzichtete auf Berater und fuhr gut damit. Russland leidet noch heute unter den Folgen.

Die größte Erfolgsgeschichte für die deutsche Industrie ist der Aufbau der Autoindustrie in Osteuropa, die zu sozialistischen Zeiten dort so gar keine Priorität genoss. Weil nach der Wende keiner mehr die Ost-Autos kaufen wollte, war hohes Tempo gefragt. Schon im März 1991 war der Skoda-Kauf besiegelt, die Übernahme erfolgte ohne Entlassungen und vergleichsweise partnerschaftlich, was Volkswagen weitere Türen öffnete.

Fachleute mit Kusshand genommen

So entstanden viele Autowerke, nur in Russland funktionierte das nicht. Erst Jelzin, dann Putin behinderten die VW-Expansion, um die Werke in Togliatti vor Wettbewerb zu schützen. Insgesamt aber hat VW heute in Ost- und Mitteleuropa einen Marktanteil von 21,2 Prozent. Weil auch viele andere Autoproduzenten hier billig produzieren, gehören fünf dieser Länder zu den zehn größten Autoherstellern der EU.

Warum wurde aber die deutsche Wirtschaft klar Meister bei der Ost-Expansion? Die räumliche Nähe spielt eine Rolle, die langjährigen Erfahrungen ostdeutscher Firmen mindestens genauso. Zehntausende in der DDR ausgebildete Fachleute aus den ehemaligen RGW-Ländern wurden mit Kusshand genommen. Als hilfreich erwiesen sich der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft und die Außenhandelskammern, die es in Osteuropa flächendeckend gibt. Aber auch kaum bekannte Faktoren spielten eine Rolle. So schickten die deutschen Firmen nicht wenige der 200.000 Rumäniendeutschen, die nach der Wende ausgewandert waren, als Fachkräfte zurück in ihre Heimat. Und nicht zu unterschätzen, so meint die Autorin, war der Einfluss erstaunlich vieler russischer und polnischer Ehefrauen deutscher Unternehmer. Es ist kaum zu glauben: Die Liebe hat den Deutschen einen wirtschaftlichen Vorteil verschafft.

Jutta Falkner: „Go east. Erfolge, Erfahrungen, Irrtümer. Wie unsere Wirtschaft den Osten Europas eroberte.“Langenmüller, 24 Euro.