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Der Polizist, der die Juwelendiebe jagt

Kriminalrat Olaf Richter leitet die Soko Epaulette, die den Diebstahl im Grünen Gewölbe aufklären soll. Auch persönlich lässt ihn die Tat nicht kalt.

Kriminalrat Olaf Richter von der Polizeidirektion Dresden leitet die Sonderkommission Epaulette, die den Diebstahl aufklären soll.
Kriminalrat Olaf Richter von der Polizeidirektion Dresden leitet die Sonderkommission Epaulette, die den Diebstahl aufklären soll. © Thomas Kretschel

Wie so oft am Montagmorgen ist Olaf Richter etwas früher auf dem Weg zu seiner Arbeit. Der Kriminalrat leitet ein Dezernat der Kripo in der Polizeidirektion Dresden. Kurz vor sechs auf der Carolabrücke wundert er sich über den Brandgeruch, den er plötzlich in der Nase hat. Die Ursache, denkt er sich, werde er wohl bei einem Blick in den sogenannten Lagefilm erfahren, eine Liste der jüngsten polizeilich relevanten Ereignisse. „Da schauste mal nach, habe ich mir gesagt“, berichtet Richter.

Um 6.30 Uhr erfährt er dort zum ersten Mal nicht nur von dem Brand, sondern auch vom Einbruch in das Grüne Gewölbe. „Ich habe mir sofort einen Mitarbeiter gegriffen und wir sind hin.“ Der Einbruch in das Residenzschloss lässt Richter auch persönlich nicht kalt. „Ich bin in Dresden geboren.“ Mit einem solchen Ausmaß habe aber auch er nicht gerechnet. Als er dann noch erfährt, dass eine Vitrine geöffnet worden ist, „wurde mein Erstaunen immer größer“. Noch am selben Tag wird Richter zum Leiter der Sonderkommission Epaulette bestimmt und mit der Aufklärung des Kunstdiebstahls beauftragt. Die zunächst zehn Beamten werden noch am Montag auf 20 verdoppelt.

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Den Brandgeruch, den Richter wahrnahm, hatten bereits die Polizisten in der Nase, die am Montag nach dem Einbruch um 5.04 Uhr als erste zum Einbruch alarmiert worden waren. Sie wunderten sich, dass es so dunkel war. Die Täter hatten einen Elektroverteiler in einem Raum unter der Augustusbrücke in Brand gesetzt, was zum Ausfall der Straßenlaternen vor dem Museum führte. Dadurch konnten sich die Einbrecher unbemerkt an dem Fenster und dem Gitter davor zu schaffen machen. Auf diesem Weg in das sonst gut gesicherte Gebäude einzudringen, muss die größere Hürde für sie gewesen sein: Die Vitrine jedenfalls war es nicht. Deren Sicherheitsglas hatten die Einbrecher in einer halben Minute mit einer Axt bezwungen.

Olaf Richter will auch mit einigen Gerüchten aufräumen. Immer wieder sei von einem Tunnel die Rede, durch den die Täter von der Schinkelwache ins Schloss gelangt sein sollen. Das sei reine Fantasie. Die Polizei ist sicher, dass die Einbrecher durch das zerstörte Fenster ein- und ausgestiegen sind. Auch sei die Beteiligung von Insidern keineswegs logisch. Nach Einschätzung des Kriminologen wäre es auch Ortsfremden mit genauer Vorbereitung möglich gewesen, die Schmuckstücke zu stehlen. Schließlich sind die Bereiche öffentlich einseh- und begehbar. Profis seien es in jedem Fall gewesen. „So etwas macht kein Gelegenheitseinbrecher“, sagt Richter.

Labore sollen Spuren bringen

Er kommentiert die Sicherungsvorkehrungen der Staatlichen Kunstsammlungen nicht. Seine Mitarbeiter müssen die Täter finden und am besten auch die Beute. Dazu versuchen sie, jede noch so kleine Spur zu sichern. Erst am Mittwoch, nach drei Tagen intensiver Ermittlungsarbeit, hat die Polizei den Tatort im Schloss freigegeben. Die Täter hatten unter anderem einen Feuerlöscher versprüht, um ihre Spuren zu verwischen. Die Tatort-Spezialisten hoffen, dass sich dennoch Hinterlassenschaften der Diebe darunter finden. Die Frage, ob schon was dabei sei, komme zu früh, man müsse jetzt erst einmal die Laboranalysen abwarten. Aber, und jetzt hilft die jahrzehntelange kriminalistische Erfahrung: „Kein Tatort ohne Spur“, sagt Richter. In seinem ersten Gespräch mit Journalisten macht der Soko-Chef keinen resignierten Eindruck. Im Gegenteil. Noch gibt es viel zu tun. Selbst die Frage, ob man über eine Belohnung zur Ergreifung der Täter nachdenke, wiegelt der Mann ab. Jetzt nicht, vielleicht später.

Unterdessen funkelt im Schloss der „Hofstaat des Großmogul“, als wäre nichts gewesen. Auch das Goldene Kaffeezeug glänzt in der Vitrine. Ehrfürchtig betrachten Besucher die Meisterwerke des Hofgoldschmiedes Johann Melchior Dinglinger. Es ist der erste Öffnungstag nach dem Juwelendiebstahl aus dem Historischen Grünen Gewölbe.

An diesem Mittwochmorgen öffneten die Museen im Schloss wieder für Besucher. Der Andrang an den Kassen hält sich in Grenzen. „Mittwochs stehen hier sonst Schlangen nach dem regulären Schließtag“, sagt eine Ticketverkäuferin. Die Normalität hat wieder Einzug in den Ausstellungsräumen gehalten. Viele Besucher entscheiden sich für einen geführten Rundgang. Nur wenige strecken neugierig den Kopf um die Ecke, um einen Blick auf die geschlossene Tür des Historischen Grünen Gewölbes zu erhaschen. Das hier noch geschlossen ist, hat sich herumgesprochen. Ein unscheinbares Hinweisschild bittet um Verständnis.

Ein anderer Blick auf die Vitrinen

Und natürlich sind es nicht ausschließlich die ausgestellten Kostbarkeiten, die die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich ziehen. Während zwei ältere Damen beeindruckt den opulenten Kunstkammerschrank betrachten, kreisen ihre Gedanken um die Geschehnisse, die sich ein Stockwerk unter ihnen zugetragen haben. „Man schaut jetzt mit ganz anderem Blick auf die Vitrinen“, sagt eine von beiden. Hinter der mächtigen Eisentür zum begehbaren Tresor jedoch, wo Kunstwerke aus Gold, Silber, Edelsteinen, Elfenbein, Bernstein oder Bergkristall meist frei auf Konsolen oder Tischen vor verspiegelten Wänden stehen, ist derzeit nur die Spurensicherung am Werk. Und die Museumsleute können endlich eine Bestandsaufnahme der Verluste und Schäden machen. Mehrfach kommen Mitarbeiter mit einem Wäschekorb heraus. „Wir bergen aber noch nicht“, sagt Direktor Dirk Syndram sichtlich angespannt.

Fragen tun sich auch mit Blick auf das Vitrinenglas auf, das die Täter mit wenigen Axthieben zerstören konnten. War das Material für seinen Zweck ungeeignet? Das ist schwer zu klären. Es gibt bei Sicherheitsglas vier Widerstandsklassen, die sich wiederum nach dem Schutz gegen verschiedene Angriffsarten unterteilen: Durchwurfhemmung, Durchbruchhemmung, Durchschusshemmung sowie sprengwirkungshemmend. Die offiziellen Bezeichnungen: ER1 – ER4 geben an, welchem Angriffsgewicht, welchem Angriffswerkzeug oder welcher Angriffswaffe die Scheibe für eine bestimmte Zeit widerstehen muss.

Das üblicherweise ausgeschriebene Glas für Museumsvitrinen ist ein 10,76 mm Verbundsicherheitsglas aus zwei Scheiben von 5 Millimeter Stärke und zwei dazwischen laminierten PVB-Folien. Dieses Sicherheitsglas entspricht der Widerstandsklasse Durchwurfhemmung P3A. Es muss dem dreimaligen Aufprall einer 4,11 Kilo schweren Stahlkugel mit zehn Zentimetern Durchmesser aus sechs Metern Höhe standhalten. Axtschlägen hingegen kann es nicht widerstehen.

Ganz sicheres Glas ist nicht geeignet

Welches Glas bei der zerstörten Vitrine verwendet wurde, ist nicht bekannt, Wie der SKD-Sicherheitsbeauftragte Michael John gegenüber dem Merkur sagte, habe es „eine außergewöhnlich starke Widerstandsklasse, aber auch das gibt nach einer gewissen Zahl von Axthieben irgendwann nach“. Um eine solche Attacke abzuwehren, wäre nach Expertenmeinung mindestens ein Glas der Stärke P6B fähig. Allerdings: Je dicker das Glas, desto höher die Eigenfärbung – und desto höher die Trübung der Sicht auf die Exponate. Deshalb ist besonders widerstandsfähiges Glas für Schmuckvitrinen in Museen eher ungeeignet. Der klare Durchblick hat seinen Sicherheits-Preis.

Der Überfall auf das Domizil von „Sachsens Staatsschatz“ bestimmt natürlich auch viele Gespräche unter den Gästen im Museumsfoyer, wo allerdings die Freude auf die Kunst überwiegt. „Wir sind wegen der Paraderäume hier“, sagt ein Tourist aus Strausberg bei Berlin. „Es ist kein Katastrophentourismus.“ Der Einbruch sei betrüblich, aber habe mit dem Besuch nichts zu tun. Ein 61-Jähriger aus Gütersloh in Westfalen erzählt von dem Schock am Montag, als er ins Schloss wollte. „Es war ein negatives Erlebnis, aber wir haben dadurch immerhin den Ministerpräsidenten gesehen.“ Zum Juwelendiebstahl hat der Mann auch eine Meinung: das sei angesichts der unzureichenden Absicherung für Kunstschätze von solchem Wert „schon etwas blamabel“.

Draußen flattert noch traurig das Absperrband der Polizei im Novemberwind. Eine kleine Rüstung steht unter dem gusseisernen Fenstergitter, in das die Diebe ein Loch geschnitten hatten. Zwei Handwerker machen sich darauf mit einem Schweißgerät zu schaffen. Aufmerksam werden sie von einer Handvoll Schaulustiger beobachtet. Das Ergebnis ist nicht schön, aber zweckmäßig. Hindurchzwängen kann sich durch die Öffnungen im metallenen Einstiegsschutz vorerst niemand mehr.

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