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Der Polizist im Rausch

Stark betrunken soll ein Mann mit dem Auto gefahren sein. Als die Polizei bei ihm auftaucht, ist sie überrascht: Es ist ein Kollege.

Mit ziemlich viel Alkohol im Blut soll ein Mann mit dem Auto gefahren sein. Der Polizist bestreitet das.
Mit ziemlich viel Alkohol im Blut soll ein Mann mit dem Auto gefahren sein. Der Polizist bestreitet das. © Symbolfoto: Julian Stratenschulte/dpa

Meißen. Es ist später Nachmittag am zweiten Weihnachtsfeiertag vorigen Jahres, als in Radebeul Passanten ein Auto auffällt. Der Fahrer fährt an eine Tankstelle, will Luft aufpumpen, fällt dabei fast kopfüber. Danach schwankt er in die Tankstelle, kauft Bier, setzt sich in sein Auto, fährt rasend rückwärts auf die Straße. Später nimmt er einem anderen Auto die Vorfahrt, fährt in Schlägellinien, gerät mehrfach auf die Gegenfahrbahn.

 Die Zeugen rufen die Polizei an, geben das Kennzeichen durch. Als die Beamten den Halter ausfindig gemacht haben, an dessen Wohnungstür klingeln und der Mann öffnet, trauen sie ihren Augen nicht. "Dich kenne ich doch", sagt ein Polizist. Zu seiner großen Überraschung ist es ein Kollege aus dem Polizeirevier Meißen.  

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Um nicht als befangen zu gelten, wird der Fall an ein anderes Polizeirevier übergeben. Die Beamten bringen den Mann nach Meißen zur Blutalkoholkontrolle. Als er aus dem Polizeiauto ausgestiegen ist, versucht er zu fliehen. "Das schockt mich auch jetzt noch", sagt einer der Polizisten.  

Dass der Beschuldigte wegrennen wollte,  hat seinen Grund. Der Blutalkoholtest ergibt einen Wert von 3,17 Promille. Der 29-Jährige verweigert den Ärzten alle Tests, unterschreibt kein Protokoll und will auch kein Blut abgeben. Erst als die Polizisten Zwang androhen, willigt er ein.  

Erst nach der Fahrt Wodka getrunken?

Wegen Trunkenheit im Verkehr sitzt der Radebeuler nun vor dem Meißner Amtsgericht. Und kommt mit seinem Verteidiger mit der Standardvariante in solchen Fällen, dem Nachtrunk. Er habe erst getrunken, nachdem er von der Fahrt zur Tankstelle zurückkam. 

Dort habe er einige Flaschen Bier gekauft. Und im Kühlfach habe er, der sonst nach eigenen Angaben keinen Schnaps trinkt, eine Flasche Wodka gehabt. Die habe er zügig etwa zu einem Drittel geleert, behauptet er.

Das kann aber aus mehrere Gründen nicht stimmen, sagt Gutachterin Dr. Katja Schulz. Sie hat viel gerechnet. Würde man den Angaben des Angeklagten, was, wieviel und wann er getrunken habe, Glauben schenken, sei zum Zeitpunkt der Blutentnahme ein Alkoholwert von etwa 2,15 Promille zu erwarten gewesen. 

Tatsächlich war es aber rund ein Promille mehr. Hätte er wie angegeben, innerhalb kürzester Zeit so viel Wodka getrunken, wie er behauptet, hätte dies zu einem "Sturztrunk" geführt.  Das heißt, er hätte so betrunken sein müssen, dass er nicht mehr von allein laufen kann, gestützt werden muss und nicht mehr Herr seiner Sinne ist. 

Dies alles war aber nach übereinstimmenden Zeugenaussagen der Polizisten nicht der Fall. Er sei zwar betrunken gewesen, habe aber selbst gehen können und auch alles verstanden, sagen sie.  Dass der Angeklagte schon stark betrunken war, bevor er in die Tankstelle kam, zeigen auch die Aufnahmen der Überwachungskameras, auf denen er torkelnd und schwankend zu sehen ist.

 Und auch, dass der Mann bei einer Außentemperatur von fünf Grad Celsius in kurzen Hosen unterwegs war, ist ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr Herr seiner Sinne war, bevor er angeblich den Wodka trank. 

Gutachten wird angefertigt

Obwohl alles gegen seinen Mandanten spricht, will Verteidiger Paul Raum den Einspruch gegen den Strafbefehl nicht zurücknehmen. In diesem war der Mann zu einer Geldstrafe von 55 Tagessätzen verurteilt worden. Die Fahrerlaubnis wurde entzogen, der Führerschein eingezogen. Auf diesen soll er insgesamt 18 Monate verzichten. Das will er nicht hinnehmen.

So wird also weiter verhandelt. Richterin Ute Wehner hat nun auch ein Begleitstoffgutachten in Auftrag gegeben. Mit einem solchen Gutachten kann mit ziemlicher Sicherheit nachgewiesen werden, welche Art Alkohol zu welchem Zeitpunkt in welcher Menge getrunken wurde. 

Das kann nicht nur teuer werden für den Angeklagten, denn im Falle einer Verurteilung muss er auch dieses Gutachten bezahlen. 

Auch das Urteil wird dann wohl höher ausfallen als im Strafbefehl, denn ein solcher geht immer von einem Geständnis aus. Und es drohen auch dienstrechtliche Konsequenzen. Denn der Mann ist noch kein Beamter auf Lebenszeit. Der Zugang zu seiner Dienstwaffe wurde ihm gleich nach der Tat entzogen. Doch der Mann fühlt sich unschuldig: "Ich bin immer noch fassungslos über den Tatvorwurf", sagt er.   

Das Verfahren wird am 11. August fortgesetzt. Ein Urteil wird es wohl am 26. August geben. 

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