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Der Prinz des Verzichts

Anders als in Sachsen haben die Wettiner in Thüringen sich mit dem Staat über ihre Kunstschätze geeinigt. Was läuft bei den Ernestinern besser? Die SZ hat sich mit dem Chef des Hauses auf einen Espresso getroffen.

© Michael Reichel/dpa

Von Thomas Schade

Vor dem Russischen Hof in Weimar steht ein schwarzer bulliger Wagen mit einer kleinen goldenen Plakette an der Stoßstange. Es ist das Wappen des vormaligen Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. Der Fahrer des geländegängigen Autos sitzt gleich neben dem Hoteleingang am Tisch eines Straßencafés beim doppelten Espresso. Er trägt einen hellen Trachtenjanker mit schmalem grünen Revers. Auf den ersten Blick macht der Mann einen strengen Eindruck. Doch das täuscht. Michael-Benedikt Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach wird während dieses Treffens öfter herzlich lachen und ganz unkonventionell plaudern über seine Arbeit und seinen Stand.

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Die Familie trauerte, als 2012 Maria Emanuel Markgraf von Meißen starb, der Chef der albertinischen Wettiner. Weder seine Witwe Anastasia (r.) noch sein Adoptivsohn Alexander (2.v.r.) werden als Führer des albertinischen Adelshauses anerkannt.
Die Familie trauerte, als 2012 Maria Emanuel Markgraf von Meißen starb, der Chef der albertinischen Wettiner. Weder seine Witwe Anastasia (r.) noch sein Adoptivsohn Alexander (2.v.r.) werden als Führer des albertinischen Adelshauses anerkannt. © Eric Münch

Seit 26 Jahren ist Prinz Michael, um diese Anrede bittet er, Chef des Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach und damit Oberhaupt der ernestinischen Linie der Wettiner. Sein Vorfahre Ernst und dessen Bruder Albrecht III. hatten 1485 in Leipzig beschlossen, die wettinischen Lande unter sich aufzuteilen. Fortan herrschte der eine in Thüringen und der andere in den sächsischen Gebieten der Mark Meißen – bis 1918. Beide Häuser waren im Laufe ihrer 400-jährigen Herrschaft Kultur und Kunst außerordentlich zugetan und trugen wahre Schätze zusammen. Ein Teil wurde den fürstlichen Häusern nach ihrer Abdankung 1918 von den bürgerlichen Regierungen Sachsens und Thüringens als Privateigentum zugesprochen, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch enteignet. 1948 sprach das Land der adeligen Familie die bürgerlichen Rechte ab.

Nach der Wiedervereinigung 1990 meldeten die Wettiner in beiden Ländern Ansprüche auf ihr früheres Privateigentum an. Während in Dresden noch immer darüber gestritten wird, erzielten die drei noch existierenden ernestinischen Häuser (Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Coburg-Gotha) bereits 2003 eine Einigung mit der Erfurter Landesregierung.

Prinz Michael, was lief in Erfurt anders als in Dresden?

In Sachsen waren und sind viele erbberechtigt, die keinen Bezug mehr zu ihrer alten Heimat haben. Da geht es um rein juristische Ansprüche, ohne Emotion, ohne Verpflichtung. Da geht es nur ums Geld. In Thüringen war das anders. Wir fühlen uns gegenüber unseren Vorfahren im Wort. Sie haben die Sammlungen zusammengetragen, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Da steht es uns nicht zu, sie jetzt der Öffentlichkeit zu entziehen, um sie vielleicht zu versteigern.

Der 67-Jährige nippt am Espresso. Er stammt nicht aus Weimar, wurde in Bamberg geboren, wuchs mit seinen beiden Schwestern in Baden-Württemberg auf, studierte Jura und war viele Jahre als Banker und Unternehmensberater tätig. Mit 26 Jahren sah er Weimar zum ersten Mal. Eine Reise, die ihm wegen zahlreicher Abenteuer gut erinnerlich ist. Im militärischen Sperrgebiet hatten sie ihn erwischt, weil er einen alten Familienfriedhof suchte. In der Eisenacher Turmschenke habe er mit einfachen Menschen und Volkspolizisten die Nacht durchzecht.

Da ging es zu wie bei einer CSU-Veranstaltung in Bayern, so haben sich die Leute in Rage geredet. Ein britischer Pass war meine Rettung. Ost-Berlin warb in London gerade um diplomatische Anerkennung.

Beim zweiten Weimarbesuch 1987 ließ er seine Tochter Leonie in der Herderkirche taufen. Konfirmiert wurde sie später auf der Wartburg.

Wir wollten, dass sich unsere Tochter schon frühzeitig damit auseinandersetzt, wo sie eigentlich herkommt.

Am 2. Oktober 1990 stand er auf dem Balkon des Weimarer Rathauses neben den Honoratioren der Stadt.

Viele waren freundlich. Einige hatten wohl nicht geahnt, dass es uns noch gibt. Sie sahen uns an wie Schreckgespenster aus alter Zeit.

Das Ausmaß der Ansprüche, die Prinz Michael angemeldet hatte, wurde 1994 deutlich: Bis spätestens 2014 musste Thüringen ihm große Teile des Weimarer Kunst- und Kulturbesitzes zurückgeben, darunter das Goethe-Schiller-Archiv, wichtige Bestände der Anna-Amalia-Bibliothek, die Schlosssammlungen, das gesamte Inventar der Wartburg und Teile des Hauptstaatsarchivs.

Damals begann Ministerpräsident Vogel seinen persönlichen Krieg gegen mich. Er bat Chefredakteure Thüringer Zeitungen, mich schärfer anzufassen. Als US-Präsident Clinton 1998 in Eisenach weilte, bereitete ich seinen Besuch auf der Wartburg vor. Stunden vor dem Besuch sagte mir die Erfurter Protokollchefin, dass ich für die Amerikaner ein Sicherheitsrisiko darstelle und fernbleiben müsse. Ich fragte beim Secret Service nach. Die wussten davon gar nichts. Später erfuhr ich, dass Vogel mich nicht dabeihaben wollte. Natürlich war ich bei der offiziellen Begrüßung Clintons im Palas der Wartburg zugegen und habe mit Kohl auf der Wartburg-Terrasse gesessen. Ein Vogel konnte uns da nicht aufhalten.

Wenn er davon erzählt, hellt sich die strenge Miene des Prinzen auf, bis zu einem herzhaften Lachen. Im Jahre 2003 einigte man sich schließlich. Das Haus Sachsen-Weimar trat alle Rechtsansprüche an seinem beweglichen Eigentum an den Freistaat Thüringen ab – für die Summe von 15,5 Millionen Euro. Die Klassik Stiftung Weimar spricht von einem „symbolischen Ausgleich“ vor dem Hintergrund des Gesamtwertes des großherzoglichen Besitzes.

Es gab nie die Absicht, etwas fortzutragen aus Weimar. Es geht uns einzig darum, die Verantwortung für das Kulturerbe mit der öffentlichen Hand zu teilen und die Zukunft gemeinsam zu gestalten. So haben es auch meine Vettern in Meiningen und Gotha gehalten. Wir arbeiten heute in den Stiftungsräten mit. Da nehmen wir Einfluss zum Nutzen des Ganzen, ich nehme besonders stark Einfluss.

Da lacht der Prinz wieder, denn eigentlich meint er: Ich schaue denen schon auf die Finger. Zwei Jahre nach dem Vergleich verlieh ihm der Arbeitskreis selbstständiger Kulturinstitute die „Maecenas-Ehrung“. Die Jury, in der Vertreter von 37 angesehenen Kultur- und Forschungsinstituten sitzen, sprach von einem „beispielgebenden Verzicht“. Von der Stadt Weimar und dem Land Thüringen habe er bis heute kein Wort des Dankes gehört, sagt Michael von Sachsen-Weimar. Auch die Aberkennung der Bürgerrechte sei noch nicht rückgängig gemacht worden, sagt der 67-Jährige.

Anders als Markgraf Maria Emanuel, der Chef der albertinischen Wettiner, der zu Lebzeiten die Entwicklung in Sachsen vorzugsweise von seiner Wahlheimat am Genfer See aus beobachtete, reist der ernestinische Hauschef bis heute in regelmäßigen Abständen zwischen seinem Wohnsitz in Mannheim und Thüringen hin und her.

Anfangs kam ich abends bis zu dreimal in der Woche rüber, machte mich in Weimar mit den Sammlungen vertraut und organisierte die Notbewirtschaftung auf der Wartburg. Dort gab es keinen Stiftungsrat mehr. Wer etwas zu sagen hatte, saß in Berlin und war bald weg. Da war ich eine Zeit lang die oberste und letzte Instanz, habe für die Stiftung zeitweilig sogar mit 13 Millionen D-Mark gehaftet. In der Zeit ist auch Vertrauen entstanden. Viele Leute merkten, dass sie mit mir deutlich besser fuhren als ohne mich und noch besser als gegen mich. Mittlerweile gibt es ein Grundvertrauen. Heute entscheiden die Stiftungen nichts an mir vorbei.

Auch Geschäfte führen den Prinzen regelmäßig nach Thüringen. Gemeinsam mit seiner Tochter betreibt er drei Unternehmen in der Forst- und Holzbranche. Zudem besitzt die Familie ein Haus bei Eisenach. Seine 27-jährige Tochter soll später seine Arbeit in den Stiftungen fortsetzen. Seinen Platz an der Spitze der ernestinischen Linie der Wettiner kann sie nicht einnehmen. Das lassen die Gesetze des Adels nicht zu, denen zufolge nur männliche Mitglieder das Haus führen dürfen. So wird ein Vetter des Prinzen beziehungsweise dessen Sohn die Nachfolge antreten. Alles geregelt. Warum tun sich dagegen die Wettiner in Sachsen so schwer?

Weil die albertinische Linie der Wettiner erloschen ist. Das Problem war doch lange bekannt. Der Markgraf von Meißen hat sich jahrelang damit rumgeplagt. Leider hat er den Falschen ausgewählt. Alexander ist ein netter Vetter libanesischer Abstammung mit sächsischen Verwandten. Aber er ist bürgerlicher Herkunft, daran besteht kein Zweifel. Schon deshalb kann er nicht Mitglied eines vormals regierenden Hauses sein. Da helfen auch keine Erklärungen und Adoptionen. Bürgerlich oder adelig? Bargelig geht nicht.

So kalauert Michael von Sachsen-Weimar über den umstrittenen Alexander Prinz von Sachsen, der von Maria Emanuel adoptiert worden war. Den 2012 verstorbenen Markgrafen hat er in angenehmer Erinnerung.

Wir haben uns auf so mancher skurrilen Veranstaltung getroffen und auch als eine Familie gefühlt. Emanuel war ein netter humoriger, manchmal etwas wunderlicher Herr, der Briefe immer in der dritten Person verfasste.

Dafür stammt der mit seiner Familie in Moritzburg lebende Rüdiger von Sachsen aber in direkter Blutslinie vom letzten Sachsen-König ab.

Das stimmt, aber sein Vater Timo heiratete nicht nach den damals stringenten Hausgesetzen, die katholische Kirche blieb außen vor, beide Ehen wurden von den Chefs des Hauses nie anerkannt. Daher gehören faktisch alle Nachfahren Timos adelsrechtlich nicht zum Haus Wettin, auch Rüdiger nicht. Streng genommen besteht dieses Haus nur noch aus der Markgräfin, Emanuels Witwe. Aber ein Haus aus einer Dame ist kein adeliges Haus. Das ist immer noch eine Herrenveranstaltung. Das alles war absehbar, ist aber kein Beinbruch, es sind schon viele Häuser erloschen, und es werden weitere erlöschen. Es sorgt nur für Aufregung, weil es jetzt jeder im Gotha lesen kann.

Der „Gotha“ ist das Handbuch des deutschen Adels. Den Beitrag über das Ende der albertinischen Wettiner darin verfasste Michael von Sachsen-Weimar selbst. Und im Internetlexikon Wikipedia trägt er die Bezeichnung „Senior des Gesamthauses Wettin“. Erhebt er also auch Anspruch auf den sächsischen Zweig?

Nein, was um Gottes willen soll ich da beanspruchen? Diese Frage täte sich doch nur auf, wenn die Sachsen das dringende Bedürfnis hätten, die Monarchie wieder einzuführen. Aber weder ich noch meine Ururenkel werden das erleben. Adelig zu sein, das ist keine Frage der Abstammung, sondern eine Frage der Einstellung. Wir haben keine Rechte, sondern Pflichten. Da gibt es einige, die verstehen das nicht. Adel ist eben keine homogene Veranstaltung.

Von seinem Vater habe er gelernt, Großherzog sei ein Beruf gewesen, der fortgefallen sei. Ein öffentlich-rechtliches Amt, das es nicht mehr gibt.

Den Beruf gibt es heute nicht mehr, also kann ich mich auch nicht so nennen. Es schadet uns gar nicht, wenn wir mit etwas weniger Bugwelle auftreten.

Sagt’s, schmunzelt wieder und gießt sich nach dem zweiten doppelten Espresso ein Glas Wasser ein.