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Der Problemfall von Dynamo

Haris Duljevic ist technisch einer der Besten und in Bosnien ein Star – in Dresden aber nur noch zweite Wahl. Der Trainer nennt den Grund. 

Von Daniel Klein
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Es scheint, als wolle Ersatz-Torwart Patrick Wiegers seinen Nebenmann auf der Bank trösten. Haris Duljevic kam in den vergangenen vier Zweitligaspielen nur 17 Minuten zum Einsatz.
Es scheint, als wolle Ersatz-Torwart Patrick Wiegers seinen Nebenmann auf der Bank trösten. Haris Duljevic kam in den vergangenen vier Zweitligaspielen nur 17 Minuten zum Einsatz. © WORBSER-Sportfotografie

Andere Mannschaft, anderer Trainer, anderer Wettbewerb, anderes Umfeld – Abwechslung ist ein gutes Mittel gegen den Kater nach einem 1:8-Debakel. Wobei Haris Duljevic sogar zu den Gewinnern der historischen Niederlage von Köln gehört. Schließlich stand er keine einzige Minute auf dem Platz, war somit nicht mitschuldig, zumindest nicht unmittelbar.

Doch diese Deutung ist eine extrem unvollständige, es wäre weitaus einfacher, den seit Freitag 25-Jährigen als großen Verlierer der vergangenen Wochen darzustellen. Das letzte Mal in der Startelf von Dynamo stand er vor mehr als einem Monat in Magdeburg, seitdem kam noch ein Kurzeinsatz gegen Union dazu – das war’s. Gemessen an seinem Potenzial und seinem Anspruch ist das eine Katastrophe. Deshalb, so scheint es, kommt der Ausflug mit der bosnischen Auswahl genau richtig.

Am Donnerstagabend feierte die mit einem 0:0 gegen Österreich den Staffelsieg in der Nations League und damit den Aufstieg in die A-Gruppen. Duljevic vergab dabei eine Großchance, gehörte aber erneut zur Startelf. Bei der Nationalmannschaft läuft es für ihn – wohl auch, weil er dort mehr Freiheiten genießt, offensiver spielt als bei Dynamo. Anfang September schoss er gegen Nordirland sein erstes Tor für die Auswahl seines Landes. Am Sonntag trifft er mit Bosnien in einem Test auf Spanien.

Duljevic wird sich über die Abwechslung freuen, Maik Walpurgis seine Abwesenheit eher bedauern. Vor dem Spiel in Köln hatte sich Dynamos Trainer ausführlich und kritisch zur Sorgenpersonalie geäußert. „Haris ist unbestritten eines unserer größten Talente, er hat Fähigkeiten, die unglaublich schwer zu erlernen sind“, erklärte er, dann folgte das große Aber: „Auf seiner Position geht es auch darum, das Spiel gegen den Ball anzunehmen. Das versucht er jeden Tag.“ Versuchen klingt wie: Er bemüht sich. Mit solch einer Beurteilung hat man es schwer, auch im Fußball.

Bereits Walpurgis’ Vorgänger Uwe Neuhaus hatte Duljevic ein zweifelhaftes Zeugnis ausgestellt. „Haris hat die Abwehrarbeit nicht unbedingt in seinen Genen, er ist offensiv wie defensiv immer für ein Tor gut.“ In dessen letztem Spiel auf der Trainerbank, dem Pokal-Aus gegen Rödinghausen, schoss Duljevic sein erstes und bisher einziges Saisontor.

Der Nachhilfeunterricht in Sachen Defensivverhalten und Balleroberung sowie das Testspiel gegen Union Berlin hätten ihm also ganz gutgetan, zumal Walpurgis sehr viel Wert aufs Pressing legt. „Wir hoffen, dass wir ihn so in die Mannschaft integrieren können, dass er seine exzellenten Fähigkeiten optimal einbringen kann“, erklärte der Trainer. „Da haben wir noch ein Stück Weg vor uns.“ Die Aussage verwundert, schließlich ist Duljevic kein Neuzugang, er kam bereits im August 2017 nach Dresden. Nach seinen anfänglichen konditionellen waren dann die taktischen Defizite sein Problem. Bei seinem vorherigen Verein FK Sarajevo hatte er „in der Offensive alle Freiheiten. Da waren andere zuständig, mir den Rücken freizuhalten“, erzählte er im SZ-Gespräch. „Ich weiß, dass ich an mir arbeiten muss, aber es klappt immer besser.“ Das sagte er im April, seitdem hat sich seine Lage eher verschlechtert. Die Frage stellt sich also: Wird er es überhaupt noch lernen, und passt er überhaupt ins Walpurgische System? Sein Vertrag läuft noch bis 2020; dass er den als Edelreservist absitzt, ist unwahrscheinlich.

So weit ist es jedoch noch lange nicht, mit seinen technischen Fertigkeiten gehört er weiterhin zu den sogenannten Unterschiedspielern in der zweiten Liga. Doch auch da haperte es zuletzt gewaltig, Duljevic dribbelte sich quasi selbst ins Aus.

Den Mitspieler zu selten im Blick

Bei seinen Offensivaktionen verpasste er zu häufig den Zeitpunkt zum Abspielen, weil er nach dem dritten auch noch den vierten Gegenspieler umkurven wollte. Das ging fast immer schief und sorgte für Frust – nicht nur bei den Mitspielern. So wurde aus den sehenswerten und zum Teil artistischen Einlagen brotlose Kunst.

Hinzu kommt, dass Walpurgis seit seinem Amtsantritt in Dresden auf einen festen Kern von 13, 14 Spielern setzt. Er habe damit für Stabilität sorgen wollen, erklärt er. „Diese Formation, die wir gefunden hatten, funktioniert. Und bei mir gibt es einen Grundsatz: Dinge, die gut funktionieren, verändere ich möglichst nicht.“ Gesagt hat das der Trainer vor dem Debakel von Köln, gut möglich also, dass er nach der umfangreichen Analyse in der Länderspielpause die Startelf umbauen wird.

Erich Berko und Baris Atik, die Walpurgis bereits für ihre gute Trainingsarbeit gelobt hatte, können sich in der Länderspielpause für vakante Stellen anbieten. Duljevic muss darauf hoffen, dass er für die bosnische Auswahl auch gegen Spanien auflaufen darf und wieder mal trifft, er seinen Vereinstrainer also aus der Ferne überzeugen kann.