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Der radikale Eigenbrötler

Computerfreak und Waffennarr, ständig online, frustriert und einsam – das ist die Kombination, die einen jungen Mann aus dem Südharz zum Attentäter machte.

Stephan B. ist auf dem Weg zum Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe.
Stephan B. ist auf dem Weg zum Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. © dpa/Uli Deck

Viel Grün prägt das kleine Benndorf an den Ausläufern des Südharzes. Und die sanierte Bergarbeitersiedlung aus den besten Zeiten des Mansfelder Kupferbergbaus. 2 000 Einwohner zählt der Ort, die meisten von ihnen sind über 50 Jahre alt. Die Volkssolidarität betreibt das Pflegezentrum Glückauf. Zwei Paketshops, eine Fleischerei, einen Hof- und einen Blumenladen, ein Textil- und ein Sportgeschäft, Friseur, Kfz-Werkstatt, ein Allgemeinmediziner und ein Physiotherapeut. Die Ausländerquote liegt bei 0,2 Prozent.

Dort wuchs er auf, der Attentäter von Halle: Stephan B., 27 Jahre alt, geboren in Eisleben. Ermittler durchsuchten in der vergangenen Nacht seine Wohnung, stellten Beweismittel sicher. Die Generalbundesanwaltschaft ist überzeugt: B. hat aus rechtsextremistischen und antisemitischen Motiven heraus gemordet.

Nach Recherchen der Bild-Zeitung hat der junge Mann Abitur, ging zur Bundeswehr und studierte zwei Semester Chemie. Zuletzt soll er als Rundfunktechniker gearbeitet haben. Als er 14 Jahre alt gewesen sei, hätten sich die Eltern scheiden lassen. Sein Vater bezeichnete seinen Sohn in einem Gespräch mit dem Boulevardblatt als einen „Eigenbrötler“, der weder mit sich noch mit der Welt im Reinen gewesen sei. Sein Sohn habe ihn noch einen Tag vor den Morden besucht. Er sei „dauernd online“ gewesen.

Vieles deutet darauf hin, dass B. sich in der virtuellen Welt radikalisiert hat. Dort bezeichnet er sich als „Anon“, leugnet den Holocaust, wütet gegen den Feminismus, sieht „den Juden“ als Wurzel allen Übels. Er hört keinen Rechtsrock, wie man ihn von Neonazi-Festivals kennt. B. hört Musik aus japanischen Zeichentrickserien. Diese seien „teils auch pornografisch“, sagt der Terrorismus-Experte Peter R. Neumann. Die Ausdrucksweise von B. zeige ihm, dass er intensiv in einer rechten Internetszene unterwegs gewesen sein müsse, in Message-Foren wie 4chan und 8chan. Es sind anarchische Foren, auch bei Rassisten beliebt. „Viele der jungen Männer, die dort unterwegs sind, bezeichnen sich selbst als Loser, weil sie keine Frau abbekommen haben oder weil sie im Leben nicht erfolgreich sind“, erklärt Neumann.

Polizeibeamte stehen vor dem Elternhaus des mutmaßlichen Täters Stephan B. in Benndorf.
Polizeibeamte stehen vor dem Elternhaus des mutmaßlichen Täters Stephan B. in Benndorf. © Alexander Prautzsch/dpa

Seine Mordpläne baute B. wie ein Computerspiel auf: In einem bereits Anfang Oktober ins Internet gestelltem Manifest setzt er sich diverse Ziele, die an Spiele-Level erinnern: „1. Beweise die Lebensfähigkeit von improvisierten Waffen. 2. Erhöhe die Moral anderer unterdrückter Weißer, indem du das Kampfmaterial verbreitest. 3. Töte so viele Anti-Weiße wie möglich, vorzugsweise Juden.“ Einen Bonus gebe es, wenn man dabei nicht sterbe.

Zudem verbreitete B. sein Tatvideo in Echtzeit im Internet. Er nutzte dafür nach eigenen Angaben „ein Samsung S8, das am Helm befestigt ist“ und „hoffentlich einen akzeptablen Live-Stream“ liefere. Eine Kamera des Typs Firefly 8SE solle „zusätzliches Material“ aufnehmen und als Backup dienen. Für die Verbreitung des Videos nutzte er die Streaming-Plattform Twitch. Sie überträgt vor allem Videospiele live. Erst seit 2016 können Nutzer dort Videos aus dem realen Leben einstellen. Twitch hat seinen Sitz in San Francisco und gehört zu Amazon. Das Unternehmen teilte mit, die Liveübertragung von B. aus Halle hätten nur fünf Menschen gesehen. Vor der Löschung sei die gespeicherte Version für 35 Minuten abrufbar gewesen; in dieser Zeit hätten 2 200 Nutzer das Video gesehen. Nach Angaben des US-Senders NBC News ist das Video in dieser halben Stunde auf diversen rassistischen Kanälen des Messengerdienstes Telegram gepostet worden. So habe das Video von B. weitere, mehrere Zehntausend Menschen erreicht.

Telegram erfreut sich auch bei rechtsradikalen Gruppen in Deutschland steigender Beliebtheit. Nicht nur die Mitglieder der mutmaßlich rechtsterroristischen Gruppierung „Revolution Chemnitz“ nutzten Telegram, auch Pegida und die Identitäre Bewegung empfehlen diesen Dienst. Pegida schreibt auf seiner Homepage, Facebook habe „sich ins Aus geschossen“, weil es sich die Zensur als „kommunistische Eigenschaft des ehemaligen Justizministers Heiko Maas“ angeeignet habe.

Waffen mit 3D-Drucker gebaut

B. hat sein Vorhaben intensiv vorbereitet. Über die Synagoge schreibt er: „Auch die Fenster sind nicht wirklich erreichbar. Und sie könnten durchschusshemmend sein, denn die BRD gibt riesige Mengen an Steuergeldern für die Sicherheit der Juden aus.“ Er hätte deshalb ursprünglich geplant, eine weniger geschützte Moschee oder ein Antifa-Kulturzentrum zu stürmen.

Generalbundesanwalt Peter Frank sagte am Donnerstagnachmittag, gegen den bislang nicht polizeibekannten B. werde wegen zweifachen Mordes und versuchten Mord in neun Fällen ermittelt. Der Täter habe sich zum Ziel gesetzt, in der Synagoge ein Massaker anzurichten und eine weltweite Wirkung zu erzielen. Er wollte ein „Nachahmer im doppelten Sinne sein“, sagte Frank. Er habe vergleichbare Taten, die vorher begangen worden seien, nachgeahmt, und „er wollte nach unserer Erkenntnis auch andere zu solchen Taten zur Nachahmung anstiften.“ In seinem Auto seien vier Kilo Sprengstoff in zahlreichen Sprengvorrichtungen gefunden worden.

Die Terroranalystin Rita Katz, Mitbegründerin der privaten US-Geheimdienstfirma Search International Terrorist Entities Intelligence Group, hatte da bereits mehrere Fotos veröffentlicht, die die Waffen B.‘s zeigen: eine Art Pumpgun, zwei Magazine für eine Maschinenpistole, fünf zylinderförmige Granaten, elf Schrotbüchsen und diverses Zubehör, darunter Helm und Schutzweste der Marke Kevlar.

Fahrzeuge stehen vor einer Werkstatt in Wiedersdorf. Dort soll sich der Täter auf seiner Flucht ein Auto besorgt haben.
Fahrzeuge stehen vor einer Werkstatt in Wiedersdorf. Dort soll sich der Täter auf seiner Flucht ein Auto besorgt haben. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Die Waffen waren nach Angaben aus Sicherheitskreisen nicht richtig zusammengesetzt, weswegen es Ladehemmungen gegeben hatte. Es werde noch geprüft, ob B. sich Waffen aus dem Darknet besorgt habe. Das Darknet ist ein Teil des Internets, in dem man nur mit einem bestimmten Browser navigieren kann. In seinem Video hatte B. betont, seine Waffen selbst gebaut zu haben – nach Angaben der Zeitung Tagesspiegel mit einem 3D-Drucker.

In Sicherheitskreisen hieß es, B. sei an einer Baustelle auf der Bundesstraße 91 auf Höhe des Ortes Werschen zwischen Weißenfels und Zeitz festgenommen worden. Seine Flucht aus Halle hatte zunächst in den Ort Landsberg bei Leipzig geführt. Im Ortsteil Wiedersdorf gab der 27-Jährige Schüsse auf ein Ehepaar ab, wechselte das Auto und setzte seine Flucht mit einem gekaperten Taxi fort. Nach seiner Festnahme wurde B. in zwei Krankenhäusern behandelt. Er habe Schussverletzungen am Hals, hieß es. Bilder zeigen ihn am Donnerstag mit einem Verband. Die Nacht habe er in einer Klinik in Weißenfels in Sachsen-Anhalt verbracht. Am Donnerstag sei er dann für eine Operation in eine Klinik in Halle verlegt worden. Inzwischen wurde er mit einem Hubschrauber zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe geflogen.

Zufall, dass die Tür zugeschlossen war

B.‘s erstes mutmaßliches Opfer war eine 40-jährige Frau aus Halle. Er begegnete ihr zufällig, nachdem sein Plan, die Synagoge zu stürmen, gescheitert war. Ein jüdisches Gemeindemitglied erzählte dem Magazin Stern, es sei mit dem Sicherheitsmann zum Monitor gelaufen, „von wo aus wir alles beobachten konnten.“ Sie hätten gesehen, wie der Attentäter die Frau erschoss, drei Molotow-Cocktails über die Mauern warf und versuchte, in das Gebäude einzudringen. 

Dass die Tür standhielt, verwundert das Gemeindemitglied. „Die Tür habe ich selbst gebaut“, erzählte der Mann, der aus der Ukraine stammt und seit 30 Jahren in Deutschland lebt. „Die ist nur denkmalgeschützt, nichts Besonderes. Dieser Attentäter war offensichtlich einfach dumm, dass er die nicht überwinden konnte.“ Dass die Tür abgeschlossen war, sei reiner Zufall gewesen.

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Das zweite Opfer starb in einem Döner-Imbiss. Es handelte sich um einen 20 Jahre alten Maler aus Merseburg und Fan des Drittligisten Hallescher FC. „Mit Bedauern mussten wir erfahren, dass Kevin S. eines der Opfer des feigen Anschlags wurde. Kevin war Teil der HFC Familie und auch oft bei unseren Auswärtsfahrten im Bus zugegen,“ schrieben die Fanclubs Libertà Crew Chemie Halle und Merseburger Domfalken bei Facebook. (SZ/uwo/dpa)

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