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Der rätselhafte Baumeister

Vor 480 Jahren schuf Wendel Roskopf den Archivflügel des Rathauses. Hinter anderen Bauten stehen Fragezeichen.

Von ratsarchivar Siegfried Hoche

Eines der schönsten Monumente des Schaffens Wendel Roskopfs und eines der eindrucksvollsten Zeugnisse der Görlitzer Frührenaissance entstand 1534: das Kanzlei- und Archivgebäude am Rathaus. Hier wirkten die bedeutenden Görlitzer Stadtschreiber, wie etwa Johannes Hass, dessen Ratsannalen zu den wichtigsten chronikalischen Werken der Frühneuzeit gehören. Kaum eine Persönlichkeit findet im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte der prächtigen Görlitzer Frührenaissancearchitektur mehr und zu Recht Würdigung als der städtische Werkmeister Wendel Roskopf. Allerdings gehören auch noch zahlreiche Rätsel zu seiner Vita.

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Der Archivflügel des Görlitzer Rathauses gilt als eines der schönsten Monumente der Frührenaissance im Schaffen des Ratsbaumeisters Wendel Roskopf. Das kleine Foto zeigt das Werkmeisterzeichen Roskopfs, angebracht am Haus Peterstraße 11.
Der Archivflügel des Görlitzer Rathauses gilt als eines der schönsten Monumente der Frührenaissance im Schaffen des Ratsbaumeisters Wendel Roskopf. Das kleine Foto zeigt das Werkmeisterzeichen Roskopfs, angebracht am Haus Peterstraße 11.

Bis heute herrscht unter Kunsthistorikern große Unsicherheit darüber, welche Bauten in Böhmen, Schlesien und selbst an seiner wichtigsten Wirkungsstädte Görlitz tatsächlich von ihm geschaffen wurden. So ist beispielsweise quellenkundlich nicht zu belegen, dass er das wohl prächtigste Görlitzer Renaissancegebäude, den Schönhof, errichtete. Selbst der Ort seiner Geburt ist ungewiss. Roskopf wurde irgendwann zwischen 1480 und 1490 geboren. Belegt ist, dass er in Prag beim königlichen Werkmeister Benedikt Ried sein Handwerk erlernte und dort die modernen Architekturformen der Renaissance sein Interesse fanden. Erstmals erwähnt wird er 1518 in einer Urkunde des Annaberger Hüttentages als „Meister Wencell Roßkopff zu Gorlicz und in Schlesinn“. Er muss in jenem Jahre bereits sehr einflussreich und auch in Görlitz tätig gewesen sein.

Seit 1516 lag der Görlitzer Werkmeister Jacob Horn mit den Kirchenvätern wegen der Höhe seines Lohnes für Bauarbeiten an der Nikolaikirche im Zwist und quittierte sein Amt. Es spricht viel dafür, dass Roskopf bereits 1517 sein Nachfolger wurde. Zu Beginn des Jahres 1519 heiratete er die Witwe des bedeutenden und einflussreichen Görlitzer Baumeisters Albrecht Stieglitz. Seine Frau brachte neben wichtigen Kontakten und verwandtschaftlichen Beziehungen den Brauhof Rosenstraße 5 und zwei noch unmündige Kinder mit in die Ehe ein. Im Jahre 1520 erwarb er das Bürgerrecht. Der Rat erließ ihm aber die fällige Gebühr, ein sicheres Indiz dafür, dass er fest in städtischen Diensten stand. Bereits 1523 findet man ihn unter den Mitgliedern des Ratskollegiums, dem er mit kurzen Unterbrechungen bis zum Jahre 1546 angehörte. In den Steuerregistern des Jahres 1528 betrug sein Vermögen 1 532 Mark Groschen. Im Jahr 1533 heiratete er eine Enkelin Georg Emmerichs. Eine Tochter heiratete den bedeutenden Formenschneider Georg Scharffenberg, dem Görlitz die erste Stadtansicht aus dem Jahre 1565 verdankt. So gehörte er nach relativ kurzer Zeit zu den vermögendsten und politisch einflussreichsten Bürgern, zur verwandtschaftlich eng verbundenen Oligarchie der Brauhofbesitzer. Als Görlitzer Werkmeister war er zuständig für den Bau und Erhalt der Befestigungsanlagen und städtischen Gebäude. Die Arbeiten zahlreicher Baumeister, Steinmetzen und Zimmerleute wurden von ihm angeleitet und beaufsichtigt. Und Arbeit gab es mehr als genug. In seiner Zeit schufen allein fünf verheerende Stadtbrände mehr als 220 Ruinen.

Wendel Roskopf genoss einen außerordentlichen Ruf in Schlesien und Böhmen. Immer wieder erreichten Briefe von Städten und Fürsten den Görlitzer Rat, in denen um seine Hilfe und Dienste gebeten wurde. Manchmal Tage, manchmal Monate gewährte der Rat dem Werkmeister nebst Baumeistern oder Gesellen die Genehmigung, an anderen Ortes zu bauen oder dort beratend zu unterstützen. So finden sich zahlreiche Spuren seines Schaffens in Breslau, Bunzlau, Posen, Frankenstein, an der Gröditzburg und in Böhmen besonders in Tabor. Interessant erscheint ein Brief des Görlitzer Rates von 1527 an den Rat von Tabor. Darin heißt es, dass Roskopf mit seinen Gesellen etliches in Tabor verfertigt habe. Dafür schulde man ihm noch den bedeutenden Betrag von 6 000 Groschen Lohn. Dieses Geld solle man in Prag beim königlichen Werkmeister hinterlegen.

Wendel Roskopf starb am 25. Juni 1549 als geachteter Görlitzer Bürger. Sein Werk freilich fand erst am Ende des 19. Jahrhunderts wieder die gebührende kunstgeschichtliche Beachtung. Es prägte aber seither markant und etwas leicht italienisch anmutend die Görlitzer Altstadt.

In der Reihe „Schätze des Ratsarchivs“ gibt es diesmal nicht am zweiten Dienstag im Monat, sondern erst am

17. Juni, 17 Uhr, eine weitere Spurensuche zu Leben und Werk des Wendel Roskopf im Rathaus Untermarkt.