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„Viele schauen nur auf sich“

Am dritten Tag der Wahlwanderung erreichen die SZ-Reporterinnen Bautzen. Dort sorgen sich eine Stadtführerin und ein Politiker um die Stimmung in der Stadt.

Am dritten Tag ihrer Wahlwanderung treffen die Reporterinnen Marleen Hollenbach (M.) und Theresa Hellwig auf Stadtführerin Teda, die eigentlich Franziska Henke heißt. Über die Jahre habe sich die Stimmung in Bautzen verändert, erzählt sie.
Am dritten Tag ihrer Wahlwanderung treffen die Reporterinnen Marleen Hollenbach (M.) und Theresa Hellwig auf Stadtführerin Teda, die eigentlich Franziska Henke heißt. Über die Jahre habe sich die Stimmung in Bautzen verändert, erzählt sie. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen.  Ob sie eine gebürtige Bautzenerin ist, fragen wir Franziska Henke. „Ja“, antwortet sie, „eine stolze noch dazu.“ Nicht einmal zwei Stunden sind wir am dritten Tag unserer Wahlwanderung gelaufen, schon stehen wir vor den Toren der Stadt. Oder besser gesagt, vor den Türmen. Die Altstadtkulisse baut sich vor uns auf, doch wir haben nur Augen für Franziska Henke.

In ihrem rot-weißen Gewand begrüßt uns die Stadtführerin. „Ich bin eine Tuchhändlerin und 550 Jahre alt. Nennt mich Teda“, sagt sie. Seit elf Jahren führt sie Gäste durch die Gassen, sie erzählt Anekdoten – mit Humor und mit viel Wissen zur über 1000-jährigen Geschichte der Stadt. Doch nicht über die Historie wollen wir mit ihr reden. Uns interessieren vor allem zwei Dinge. Welches Bild haben die Touristen von der Region? Und wie ist die Stimmung bei den Menschen, die in Bautzen wohnen?

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Während sie die Stufen vom Spreetal hinauf in die Altstadt steigt, erzählt Henke von den Gästen. Älter als 60 Jahre sind die meisten Touristen – und dazu noch gut belesen. Viele interessieren sich für die DDR-Zeit, für das Stasi-Gefängnis. Aber natürlich haben sie auch von den Krawallen gehört, die sich im September 2016 hier ereigneten. Auf Wunsch zeigt Henke ihnen den Kornmarkt. Dann sei die Sache meist erledigt, erklärt sie.

Wie geht es der stolzen Bautzenerin damit, dass ihre Stadt immer wieder mit diesen Ausschreitungen, mit Ausländerfeindlichkeit in Verbindung gebracht wird? „Ein bisschen traurig macht mich das schon. Bautzen hat doch so viel zu bieten“, sagt die 46-Jährige. Wir sind am Rathaus angekommen, stehen zwischen schick sanierten Häusern. Kurz nach der Wende sah das noch ganz anders aus, erzählt sie uns. Doch damals packten alle mit an, verfolgten ein gemeinsames Ziel.

Die dritte Etappe der Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Obergurig nach Bautzen.
Die dritte Etappe der Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Obergurig nach Bautzen. © SZ-Grafik

Und heute? „Heute ist der Lebensstandard so hoch, wie nie, aber das Zwischenmenschliche verkommt. Viele schauen nur auf sich“, sagt sie. Immer öfter bemerkt sie das. „Wenn man eine Idee hat, dann sind alle erst einmal dafür, aber zum Schluss steht man doch allein da“, sagt sie. Wir haken nach: In welchen Situationen? Henke antwortet knapp. Beim erst neu ins Leben gerufenen Altstadtfest zum Beispiel. Der Tourismusverein habe es schwer gehabt, engagierte Mitstreiter zu finden. Kurz vor der Platte verabschieden wir uns. Wobei Platte das falsche Wort ist, wenn es nach Franziska Henke geht. „Diesen Begriff höre ich nicht gern. Das ist der Kornmarkt und so sollte man ihn auch nennen“, sagt sie.

Dort, auf den hellen Steinen, haben wir uns mit Marko Schiemann verabredet. Der 64-Jährige wartet in der Sonne auf Passanten. Hektisch hat er eben einen Wahlkampf-Stand aufgebaut. Nun wischt er sich über das Gesicht – der anstrengende Wahlkampf scheint Spuren hinterlassen zu haben. Der CDU-Mann ist beliebt. Seit 1990 konnte er bei jeder Landtagswahl das Direktmandat erobern. Doch diesmal wird es schwierig. Neben ihm tritt auch Sachsens AfD-Chef Jörg Urban als Direktkandidat an.

Auch wenn er es nicht direkt ausspricht: Schiemann scheint zu wissen, dass er es diesmal nicht so leicht hat. Er redet von einer Proteststimmung, die man ernst nehmen müsse. Überzeugen will er mit seinen Kontakten zu Unternehmern in der Oberlausitz, mit Ideen für die Zukunft. Dass er gut vernetzt und bekannt ist, merken wir sofort. Viele Menschen begrüßt er per Handschlag. „Du musst uns nicht mehr überzeugen“, sagt eine Frau. „Viel Glück für die Wahl“, ruft ihm eine andere zu.

Doch wir erleben auch andere Situationen. „Früher war die CDU wenigstens noch schwarz, rot, gold“, sagt ein Mann im spitzen Ton, als er am Stand vorbeiläuft. Er deutet auf die grün-weiße Fahne. „Das ist die Fahne Sachsens. Die sächsische CDU hat immer damit geworben“, erwidert Schiemann. „Und was ist das da noch für eine Fahne?“, fragt der Mann und zeigt erneut zum Wahlstand. „Gelb und blau, das sind die Farben meiner Heimat, der Oberlausitz.“ Der Mann stichelt weiter: „Ist ja interessant, dass auch blau mit drin ist“, sagt er. „Aber es geht doch um die Sachsenwahl, um die Region“, versucht es Schiemann noch einmal mit Argumenten. Vergeblich. Der Mann wendet sich ab. Und auch der Politiker hat genug. Solche Gespräche seien Zeitverschwendung, sagt er uns.

Auf dem Bautzener Kornmarkt begegnen die SZ-Reporterinnen dem CDU-Politiker Marko Schiemann, der dort um Wählerstimmen für die Landtagswahl kämpft.
Auf dem Bautzener Kornmarkt begegnen die SZ-Reporterinnen dem CDU-Politiker Marko Schiemann, der dort um Wählerstimmen für die Landtagswahl kämpft. © SZ/Uwe Soeder

Mit anderen würde er aber gern diskutieren, wenn sie ihn denn ließen. „Das Ausländer-Thema, das sagt mir ja keiner ins Gesicht“, erzählt Schiemann. Tatsächlich können auch wir genau das beobachten. Eine Frau und ein Mann schlendern mit Eis in der Hand zum Wahlstand. Gerne nehmen sie ein Geschenk mit, sie lächeln in Richtung des Politikers, ziehen dann zügig von dannen. Fast müssen wir rennen, um die beiden einzuholen. Dann aber reden sie trotzdem mit uns. „Es ist ein Problem, dass wir immer gleich als rassistisch gelten“, sagt die Frau im grünen T-Shirt. „Ich will niemanden bestrafen, der wirklich Hilfe braucht – aber bei uns läuft vieles schief“, erklärt die 40-Jährige.

Als wir nachfragen, spricht sie von Geflüchteten, die angeblich viel Geld vom Staat bekämen. „Die Interessen der eigenen Landsleute werden vergessen.“ Vier Kinder habe sie, das Geld reiche nicht. Sie wohnt im Raum Radibor, die Verkehrsanbindung sei schlecht. Der Lehrermangel, die Situation der Pflege – an die Erfolge der Politik glaubt sie nicht mehr. „Wir wählen jedenfalls nicht die CDU“, sagt ihr Mann – „nein, wir dulden nicht mehr, was hier läuft“, sagt auch sie.

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Was Schiemann dieser Frau gerne gesagt hätte, wenn sie das Gespräch gesucht hätte? „Wir haben doch längst Konsequenzen gezogen“, sagt er. „Wir haben entschieden, dass es keine unkontrollierte Einwanderung geben soll und wir haben den Leuten vor Ort geholfen.“ Der Freistaat habe ein eigenes Wasserprojekt in Afrika gestartet. Man helfe den Leuten vor Ort. So, wie das immer gefordert wird, scheint Schiemanns Blick zu sagen. Was denn noch?

Unsere T-Shirts sind schon durchgeschwitzt, als Schiemann seinen Stand abbaut. Er muss zum nächsten Termin. Für uns geht es morgen weiter nach Crostwitz.

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