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„Der Respekt vor dem Gericht hat nachgelassen“

Am 1. Juli ist Joachim Thomas (64) seit 40 Jahren Richter. Seit 17 Jahren leitet er das Dippoldiswalder Amtsgericht. Im Gerichtssaal hat sich in dieser Zeit einiges verändert. Das Internetzeitalter hat ein völlig neues Handlungsfeld für potenzielle Straftäter eröffnet.

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Am 1. Juli ist Joachim Thomas (64) seit 40 Jahren Richter. Seit 17 Jahren leitet er das Dippoldiswalder Amtsgericht. Im Gerichtssaal hat sich in dieser Zeit einiges verändert. Das Internetzeitalter hat ein völlig neues Handlungsfeld für potenzielle Straftäter eröffnet. Flüchtlingsströme haben das Thema Kriminalität in der Öffentlichkeit untrennbar mit Migration verknüpft – zu Recht? Nicht zuletzt der Ton vor Gericht sei rauer geworden, sagt Thomas.

Herr Thomas, was ist heute anders vor Gericht als noch vor 17 Jahren?

Also, dass jemand etwas bei Ebay ersteigert und dann nicht bezahlt oder etwas im Internet verkauft, das er gar nicht besitzt – das gab es sicherlich vor 17 Jahren so noch nicht. Internetkriminalität ist auf dem Vormarsch und wird entsprechend auch im Gerichtssaal immer häufiger verhandelt. Eine immer größere Rolle spielen heute aber auch Betreuungsangelegenheiten, also Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr für sich selbst sorgen können. Das ist etwas, das immer umfangreicher wird – auch aufgrund des demografischen Wandels. Insgesamt ist zudem zu beobachten, dass der Respekt vor dem Gericht abgenommen hat.

Was macht das Internet so reizvoll für Betrüger oder Diebe?

Ich würde sagen, dass es schlichtweg vieles einfacher macht. Die Hemmschwelle, etwas anzustellen, ist herabgesetzt. Im Laden stehen Sie unter Beobachtung, da kostet ein Diebstahl mehr Überwindung, als wenn Sie allein im stillen Kämmerlein am Rechner sitzen und etwa ein Auto kaufen, dass Sie gar nicht bezahlen können.

Welche Fälle werden sonst noch am Amtsgericht verhandelt?

Am Amtsgericht werden Zivilangelegenheiten wie etwa Nachbarschaftsstreitigkeiten, Miet- oder Vertragssachen bis zu einem Streitwert von 5000 Euro ebenso verhandelt wie Familiendinge. Betreuungsangelegenheiten oder Erbsachen fallen in die freiwillige Gerichtsbarkeit, die ebenfalls in unserer Zuständigkeit liegt. Hinzu kommen die Strafsachen. Hier ist das Amtsgericht allerdings nur für Fälle zuständig, bei denen ein Strafmaß unterhalb von vier Jahren Haft zu erwarten ist. Trotzdem beschäftigen diese Dinge dreieinhalb Richterstellen in unserem Haus – was eine Menge ist.

Welche Art Strafsachen haben Sie besonders oft auf dem Tisch, und wie hat sich das mit der Zeit verändert?

Neben der zunehmenden Internetkriminalität sind das besonders häufig Einbrüche, Diebstähle und Körperverletzungen. Das war auch schon immer auf einem vergleichbaren Level. Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz haben dagegen heute erheblich mehr Gewicht als früher, und auch die Drogen haben sich verändert. Was früher Haschisch war, ist heute Crystal. Verkehrsdelikte wie Unfallflucht oder Trunkenheit haben dagegen nachgelassen, seit die B 170 für den Schwerverkehr gesperrt ist. Zurückgegangen ist aber auch die Schleuserkriminalität in der Region.

Was können Sie über die Menschen sagen, die vor Ihnen stehen?

Gerade in Strafsachen kommen die Angeklagten am häufigsten aus dem Freitaler Ballungsgebiet, eher selten aus dem erzgebirgischen Raum. Das ist gewissermaßen auch normal. Wo mehr Menschen leben und mehr Geschäfte sind, passiert auch mehr. Hinzu kommt, dass es in Städten auch ein stärkeres soziales Gefälle gibt.

Neigen sozial schwache Menschen denn eher zu Kriminalität als andere?

Es wäre falsch, zu sagen, dass alle Straftäter Sozialhilfeempfänger sind. Aber es ist eine Tendenz nicht zu leugnen, dass eher zu Alkohol greift oder auf dumme Gedanken kommt, wer nicht ausgelastet oder sozial

wie wirtschaftlich abgehängt ist.

Wie steht es mit Zuwanderern und Asylbewerbern? Denen attestiert man ja oft eine stärkere Neigung zu Kriminalität.

Menschen mit Migrationshintergrund sind im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung eher unauffällig, was Kriminalität betrifft. Das muss man deutlich so sagen. Am ehesten fällt da noch die russlanddeutsche Volksgruppe ins Gewicht. Was Asylbewerber betrifft, so haben wir dieses Phänomen erst seit ein paar Monaten und müssen abwarten, wie sich das entwickelt. Mittlerweile gibt es die ersten Verfahren. Insgesamt sind aber auch sie unauffällig.

Worum geht es da hauptsächlich?

Am weitaus häufigsten werden Vergehen wegen Schwarzfahrens verhandelt. In einigen Fällen geht es auch um Tätlichkeiten unter Heim- oder Mitbewohnern. Ein weiterer Schwerpunkt dürften Verstöße gegen das Asylrecht sein. Diese Sachen werden aber nicht bei uns, sondern am Verwaltungsgericht behandelt.

Sie erwähnten eingangs, dass sie zusehends Respekt auf der Anklagebank vermissen. Wie äußert sich das?

Das geht da los, dass Delinquenten immer häufiger einfach nicht vor Gericht erscheinen. Es endet da, dass sie ausfällig oder sogar übergriffig werden. Letzteres ist mir in meiner Zeit am Amtsgericht Gott sei Dank noch nicht widerfahren. Aber ich kenne Kollegen, denen es so ergangen ist. Die Gerichtsserien im Fernsehen haben dazu leider ihren unseligen Beitrag geleistet. Allgemein ist aber auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber rechtlichen Konsequenzen auszumachen. Viele wachen erst auf, wenn es wirklich ans Eingemachte geht.

Das Gespräch führte Jane Jannke