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Pirna

Der Retter der Lieblingsplätze

Ob Barhocker oder Opas Sofa – Jens Kießling bringt sie in Pirna-Copitz in Schuss. Neulich hat er den Thron vom Bürgermeister gepolstert.

Hat Lust auf schöne Möbel: Raumausstattermeister Jens Kießling richtet in seiner Werkstatt in Pirna-Copitz Lieblingsstücke wieder her.
Hat Lust auf schöne Möbel: Raumausstattermeister Jens Kießling richtet in seiner Werkstatt in Pirna-Copitz Lieblingsstücke wieder her. © Daniel Schäfer

Fertig zum Start in Reihe E. Auf dem Flug darf man sogar rauchen. Der Aschenbecher in der Armlehne ist frisch geleert. Jens Kießling kommt und faltet mir noch das Tischchen für Tomatensaft und Käsesandwiches über die Knie. Er ist hier der Chef. In den Himmel düsen kann er zwar nicht mit seinem Laden. Aber dafür sorgen, dass man himmlisch sitzt, das kann er. Ausrangierte Flugzeugsitze hat er schon mehreren Kunden neu bezogen. Diese hier sind noch original. Es gibt Wichtigeres zu tun: Nebenan wartet der Amtssessel von Pirnas Oberbürgermeister auf seine neue Haut.

Jens Kießling, 41, ist Meister des Raumausstatterhandwerks. Seine Ein-Mann-Firma „Lebensraum“ ist am Copitzer Hauptplatz eingerichtet. Da, wo früher ein Fachgeschäft für Angelsport war, ködern jetzt Designerstühle in Eiermann-Manier und ein roter Ohrensessel die Passanten. Manchmal sieht man den Meister das Innenleben eines betagten Polstermöbels setzieren. Aufpolstern und neu beziehen, das ist sein Hauptgeschäft. Damit hat er gut zu tun. Die Leute lassen wieder mehr reparieren. Das macht Jens Kießling Laune, strengt aber auch an. Die Kunden kommen mit einem Bedürfnis, aber selten mit einem Plan. Mach mal was draus, so ungefähr lautet der Auftrag. „Ich muss dann dafür sorgen, dass sie glücklich aus meinem Laden gehen.“

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Chefsache: Der Stuhl von Pirnas OB bekommt eine neue Sitzfläche.
Chefsache: Der Stuhl von Pirnas OB bekommt eine neue Sitzfläche. © Daniel Schäfer

Ein Kunde dieser Tage ist Pirnas Stadtverwaltung. Sie hat Jens Kießling mit der Sanierung des Gestühls aus dem Kleinen Ratssaal betraut. Der repräsentative Raum war 1920 mit dem Geld eines Mäzens getäfelt und wohl auch mit Polsterstühlen bestückt worden. Anfangs der 1990er wurden die Möbel bereits runderneuert. Nun besorgt Jens Kießling den zweiten Neubezug. Dreizehn Ratsherrenstühle hat er schon fertig, wovon ein Haufen ausgebauter Spiralfedern in der Werkstattecke zeugt. Auf der Arbeitsplatte steht nun der letzte Stuhl, der wichtigste, der Bürgermeisterstuhl.

Das Möbel mit den zankenden Löwen unterm Birnbaum war als Statussymbol gedacht. Heute benutzen auch Menschen ohne Amtswürde Einrichtungsstücke als Mittel, ihre Persönlichkeit auszudrücken, sagt Kießling. An den Möbeln erkennt man, sagt er, was den Leuten wichtig ist. „Es ist ein Lebensgefühl, das damit ausgedrückt wird.“ Mehr und mehr hat er teure Designerprodukte unter den Fingern, von Rolf Benz, von Fritz Hansen, von Vitra oder von Cor. „Da geht mein Herz auf.“

Stoff ohne Ende: ein kleiner Teil von Jens Kießlings Musterkollektion. Am liebsten arbeitet er mit Wolle.
Stoff ohne Ende: ein kleiner Teil von Jens Kießlings Musterkollektion. Am liebsten arbeitet er mit Wolle. © Daniel Schäfer

Als Jens Kießling, der schon als Schuljunge an den Möbeln seines Zimmers bastelte und sie gern mal umräumte, den Raumausstatterberuf ergriff, herrschte ein anderer Zeitgeist. Die Menschen stellten ihre Holzmöbel aus alten Zeiten auf die Straße und griffen zu billigen Spanplattenprodukten, gemacht, um verschlissen zu werden. Reparieren ließ kaum einer was. Die Zunft hatte es schwer. Kießling musste zur Lehre in den Westen wandern, wo er einige Jahre blieb. Seit 2005 ist er zurück in Pirna, mit seinem „Lebensraum“. Die Selbstständigkeit liegt ihm. Er ist kein Mensch der Stechuhr. „Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.“

Bitte anschnallen: Diese Flugzeugsitze im Atelier lieben vor allem die Kinder.
Bitte anschnallen: Diese Flugzeugsitze im Atelier lieben vor allem die Kinder. © Daniel Schäfer

Gut sitzen – das ist nicht unbedingt Kießlings höchstes Ziel. Die Leute heutzutage wollen auch gut liegen. Sie wollen Ruhe-Oasen, ob beim Film gucken oder beim Kuscheln mit den Kindern. „Ich arbeite für Lümmler.“ Auf den Oberbürgermeister trifft das freilich nicht zu. An seinem Stuhl zeigt sich, welch ausgeklügelte Sache ein klassisch gebautes Sitzpolster ist. Zuerst kommen, als unterste Lage, die Jutegurte. Darauf stehen die Spiralfedern, fixiert mit Schnüren und zahllosen Knoten. Auf die Federn kommt Leinen, auf das Leinen kommen Palmfasern, auf die Palmfasern wieder Leinen, dann werden Sitzfläche und Kanten geformt, dann wird alles mit Rosshaar abgedeckt und Baumwollstoff darüber gespannt. Erst dann folgt, zum Finale, das moosgrüne Rindsleder, lichtbeständig und robust. Da kann auch mal ein Häppchen drauf fallen, oder ein Stift, sagt der Meister.

Ausgedient: Spiralfedern, ehemals in Sitzpolstern von Stühlen eingenäht, türmen sich in der Werkstattecke.
Ausgedient: Spiralfedern, ehemals in Sitzpolstern von Stühlen eingenäht, türmen sich in der Werkstattecke. © Daniel Schäfer

Persönlich mag Jens Kießling am liebsten Wollstoffe. Wolle wächst nach, brennt schwer, knittert nicht, hat einen natürlichen Fleckenschutz, und wenn es staubt, ist darin kein Mikroplastik. Kießling hat sogar eine Wand seiner Werkstatt mit Wolle bezogen, um gegen das Vorurteil der Kratzigkeit anzugehen. „Es kommt darauf an, wie die Stoffe veredelt werden“, sagt er.

Da geht die Ladentür. „Servus!“ Der Paketbote ist da, hat einen Karton aus Schweden unterm Arm. Kießling packt gleich aus. Natürlich Wollstoff, ein biberschwanzartiges Muster mit erdigen Tönen. „Sieht super aus!“ Daraus werden Kissenbezüge für das Sofa eines Kunden genäht, das dessen Opa einst baute. Kießling hat das Erbstück aufwendig modernisiert. Eigentlich hält er es mit dem irischen Poeten Oscar Wilde, der feststellte, die Leute interessierten sich nur noch für Preise, aber nicht mehr für Werte. Dieses Sofa zeigt ihm wieder einmal, dass es auch anders geht.

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