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Der Revolutionär der Elbschifffahrt

Geheimnis Johannisfriedhof: In einer Serie stellt die SZ Menschen vor, die dort begraben sind. Heute: Ewald Bellingrath.

Von Martin Lamss

Sein Grab gerät in Vergessenheit, verfällt zusehends. Die Einfassung ist windschief, zwei Engelsfiguren fehlen die Flügel. Es ist kaum noch zu erkennen, dass die Ruhestätte einst aus weißem Marmor erbaut wurde. Sie muss abgerissen werden, wenn sich nicht bald ein Pate findet, der die dringend nötige Sanierung bezahlt.

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So wie sein Grab verfällt wohl auch die Erinnerung an sein Werk immer mehr. Ewald Bellingrath hat im 19. Jahrhundert die Elbeschifffahrt revolutioniert, indem er die Dampfer nach französischem Vorbild an die Kette legte. Im Jahr 1869 war das. Damals hatte sich die Eisenbahn zu einer starken Konkurrenz für die Elbschifffahrt entwickelt. Die Technik des Segelns war zu aufwendig und zu langsam geworden. Nicht anders war es mit dem Treideln, das in Sachsen „Bomätschen“ genannt wurde. Dabei zogen Tagelöhner die Kähne an Seilen und unter lebensgefährlichen Bedingungen mit reiner Muskelkraft den Fluss entlang. Bellingrath, der 1860 nach einem Maschinenbaustudium aus dem Rheinland nach Dresden gekommen war, setzte dem die Kettenschifffahrt entgegen. Dabei wird eine Metallkette im Fluss versenkt, die nur an den beiden Enden der Strecke befestigt ist. An ihr zogen sich die Kähne mit der Kraft von Dampfmaschinen den Strom entlang. Für eine Fahrt von Dresden nach Magdeburg brauchten die Schiffe auf diese Weise rund 70 Stunden. Bellingrath verbesserte die Technologie durch eigene Erfindungen und gründete die Elbschifffahrtsgesellschaft „Kette“. In seiner Werft in Übigau fertigte der Industrielle nicht nur die Turbinenschiffe, sondern teilweise auch die für sie nötigen, kilometerlangen Ketten.

Dank Bellingraths Kettenschleppern stieg der Frachtverkehr von und nach Dresden um etwa das Zehnfache. Für seine Verdienste um die deutsche Binnenschifffahrt erhielt er die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Dresden. Heute ist eine Straße in Tolkewitz benannt. Aber nicht alle dankten ihm seine Errungenschaften. Die Bomätscher bewarfen seinen ersten Kettenschlepper bei einer Probefahrt 1869 wütend mit Steinen. Sie ahnten, dass ihr Berufsstand wegen der neuen Technik bald aussterben würde. Innerhalb von nicht einmal hundert Jahren war die einst revolutionäre Technik selbst ausgestorben. 1945 wurden die letzten Kettenschlepper auf der Elbe bei einem Luftangriff zerstört. Ewald Bellingrath starb am 22. August 1903. Auf dem Johannisfriedhof wurde er gemeinsam mit seiner Frau Emilie beerdigt.