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Der Riesenstollen und die Evolution des Quarkeimers

Bäcker René Krause macht am Sonnabend den ersten Schnitt am Rekordstriezel. Der Weg dorthin ist hochprozentig.

© steffen füssel, steffen fuessel

Von Tobias Winzer

Der Zug aus Fahnenschwingern, Soldaten in historischen Uniformen, Pferdewagen und dem Riesenstollen setzt sich in Bewegung, und René Krause ist nicht zufrieden. Am Fürstenzug flitzt der Bäckermeister zwischen seinen Kollegen hin und her und dirigiert sie auseinander. „Lasst mal ein bisschen Luft“, ruft er. Die beiden Träger der Standarten platziert er an den Anfang der versammelten Bäcker, direkt hinter das Fuhrwerk mit dem Riesenstollen. „Das muss schon nach ein bisschen was aussehen“, sagt Krause. „Jetzt passt es.“ Die Zuschauer am Rand sollen spüren, auf wen es beim 20. Stollenfest zu achten gilt – nämlich auf den Riesenstollen, der in diesem Jahr ein Rekordstriezel sein wird, und auf die Bäcker. Krause ist jemand, der herausragt, auf dessen Kommandos die Kollegen hören. Auf dem Striezelmarkt wird man ihn mit dem Titel „Meister aller Meister“ ankündigen. Aber das kommt später.

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Der Tag beginnt für den 37-Jährigen ungewöhnlich spät. Am Freitagabend hat der Mann – blonde Haare unter der Bäckermütze, Zähne weiß wie Mehl und Hände so groß wie zwei Bratpfannen – noch Stollen auf den Gendarmenmarkt in Berlin ausgeliefert. Ein 19-Stunden-Tag war das. An diesem Morgen überlässt er die Arbeit seinem Team. Er gönnt sich den Luxus, erst um 7 Uhr aufzustehen und mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern zu frühstücken. Vor drei Tagen hat er sie das letzte Mal gesehen. „Die sechs Wochen vor Weihnachten sind schon extrem“, sagt er. „So wie alle Bäcker habe ich eigentlich gar keine Zeit für das Stollenfest.“ Er nimmt sie sich trotzdem. „Das ist unser Highlight.“ Sensationell ist eines der Worte, das er an diesem Tag noch öfter benutzen wird.

Krause richtet noch schnell die Bäckermütze. Unter der Bäckerjacke mit schwarz-rot-goldenem Kragen und den dünnen Stoffhosen trägt er dicke Skiunterwäsche. Draußen sind es um die null Grad. Schneefall ist angesagt. Dann geht es los: Vom Stammhaus in Altleuben in die Dresdner Innenstadt.

Eine halbe Stunde später wuselt Krause über den Schloßplatz, schüttelt Hände, schwatzt mit Bekannten und lässt sich mit Touristen fotografieren. Als die Ehrengäste Kurt und Ingrid Biedenkopf auf der Bühne nebenan erzählen, dass sie ihr Weihnachtsfest ganz in Ruhe feiern, wird Krause langsam ungeduldig. „Ich bin gespannt, wie sehr der Wagen durchhängt“, sagt er und blickt verschmitzt in die Runde.

Bereits auf dem Weg in die Stadt hatte er ein Geheimnis gelüftet: Der Riesenstollen ist ein besonderer Striezel, mit 4 246 Kilogramm exakt 46 Kilogramm schwerer als der Rekordstollen aus dem Jahr 2000. „Das kam für uns auch überraschend“, sagt Krause. Beim Zusammensetzen der Stollenplatten vor einer Woche waren plötzlich viel mehr Gebäck-Bausteine aufgetaucht als gedacht. Das kam so unerwartet, dass nicht einmal den Prüfern des Guinness-Buchs Bescheid gegeben werden konnte. Offizieller Weltrekord-Stollen bleibt also das 2 000er-Exemplar. Inoffiziell gibt es aber zum Stollenfest-Jubiläum gleich drei Rekorde: den längsten Festumzug, die meisten Besucher und den schwersten Stollen. „Sensationell“, findet Krause das.

Besucherrekord zum Jubiläum

Die beiden Kaltblüter Seppel und Sandor, die das Mega-Gebäck ziehen müssen, sehen das wahrscheinlich anders. Als sie zum Start des Festumzugs auf den Schloßplatz schnaufen, erklärt Krause gerade die Evolution des Quarkeimers. Der kleine Plastekübel, der von Bäcker zu Bäcker kreist, ist gefüllt mit Schnäpschen – für die Stimmung und gegen die Kälte. Früher, erklärt Krause lachend, vermischten sich im Laufe des Tages leere und volle Flaschen in dem Eimer. Heute stecken die vollen Flaschen in einer Tüte, die leeren Flaschen kommen neben die Tüte in den Eimer. So kommt niemand durcheinander. „Das ist doch die Evolution des Quarkeimers, oder?“, fragt Krause und genehmigt sich das zweite Fläschchen. „Guck Dir meine Körpermasse an. Das verteilt sich.“

Die Menschen stehen in Dreier- und Viererreihen an der kleinen Runde durch die Altstadt. Handys und Kameras halten sie für Erinnerungsfotos nach oben. Die Bäcker winken freundlich zurück. Viele Besucher sind extra an diesem Wochenende nach Dresden gekommen – insgesamt 150 000 Menschen wollen den Riesenstollen sehen, schätzt die Polizei später. Immer mehr Zuschauer aus Tschechien, Russland, Polen und der Slowakei sind darunter. „Das ist sensationell“, sagt Krause, als die Stollenprozession gegen 12 Uhr auf den Striezelmarkt einbiegt. Es wird applaudiert.

Dann muss Krause los und verschwindet in den Massen. Als deutscher Bäckermeister ist er seit fünf Jahren für den ersten Schnitt am Riesenstollen verantwortlich. „Ich schreite jetzt zur Tat“, sagt er eine Viertelstunde später und schnitzt mit einem Riesenstollenmesser das erste 500-Gramm-Stück aus dem Striezel. Das Gedränge wird dichter. Jetzt will jeder ein Stück des Rekordgebäcks haben. Nur drei Stunden dauert es, bis die Bäcker es zerlegt und im Tausch gegen einen Fünf-Euro-Stollentaler verteilt ist – auch das ist rekordverdächtig. Sensationell, würde Krause sagen.