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„Der sächsische Dialekt war bei mir nie ausgeprägt“

Der Ex-Biathlontrainer Uwe Müssiggang spricht über seine Heimat und erklärt, warum er über seine Haftzeit schweigt.

© Robert Michael

Von Daniel Klein

Geboren in Dohna, aufgewachsen in Heidenau, gelebt in Dresden: Uwe Müssiggang, der weltweit erfolgreichste Biathlon-Trainer, ist ein echter Sachse – auch wenn man das nicht hört. Im SZ-Interview erinnert er sich an ein Übungszentrum am Wilden Mann und kontert die Kritik von Magdalena Neuner.

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Herr Müssiggang, ist Dresden für Sie noch Heimat?

Natürlich. Unter Heimat verstehe ich Verwandte, Freunde, Erinnerungen und Erlebnisse in einer Region, deren Entwicklung ich über lange Zeit miterlebt habe. Es ist ein schwer zu beschreibendes Gesamtbild.

Und wie sieht dieses Bild konkret aus?

Die Tochter meiner Frau mit ihren Kindern sowie viele Freunde aus der Grundschule und dem Gymnasium leben hier. Das Haus in Heidenau, in dem ich aufgewachsen bin, steht noch, dort schaue ich manchmal vorbei. Das ist sehr spannend.

Inwiefern?

Ich bin ein- bis dreimal im Jahr hier. Wenn man in größeren Abständen in eine Stadt kommt, sieht man die Veränderungen viel besser. Gerade in Dresden, in dieser Region hat die Wiedervereinigung viel Positives bewirkt. Ohne sie würden viele Gebäude heute nicht mehr stehen, wären verfallen. Das gerät schnell in Vergessenheit, wird zu wenig geschätzt. Manche Menschen wollen das auch nicht wahrhaben.

Für viele Menschen gehört zur Heimat der Dialekt.

Bei mir nicht so, der sächsische Dialekt war bei mir nie ausgeprägt. Nach meiner Ausreise aus der DDR wollte ich es auch nicht bewusst ablegen. Und um die bayerische Mundart habe ich mich nie bemüht, sie passt einfach nicht zu mir.

Nach Ihrem Sportstudium in Leipzig haben Sie sehr schnell wieder in Dresden gearbeitet. War das Zufall?

Nein, meine erste Trainerstelle war in Bad Brambach, aber ich wollte wieder zurück in die Heimat. Am Wilden Mann in Dresden wurde damals ein Übungszentrum für die Zehn- bis Zwölfjährigen aufgebaut. Es gab eine Rollerstrecke und einen kleinen Schießstand, der mit Baustrahlern beleuchtet wurde, weil die Jungs ja erst am Nachmittag kommen konnten. Alles sehr bescheiden. Es wäre auch heute wichtig, mit Biathlon in die Großstädte zu gehen, weil hier noch viele Kinder wohnen. Da liegt viel Potenzial.

Ihre Arbeit in Dresden endete mit Ihrer Inhaftierung. Ihr Bruder wollte 1980 nach West-Berlin, Sie wussten davon und mussten ein Jahr in Cottbus ins Gefängnis. Inwiefern haben diese Erlebnisse Ihr Heimatbild verändert?

Dieses ganze Thema ist für mich abgeschlossen, ich möchte darüber nicht mehr öffentlich sprechen – vor allem, weil mein Bruder und dessen Familie da direkt betroffen sind.

Aber es ist ein wichtiger Teil Ihrer Biografie.

Sicher, aber es ist ein Teil, über den ich nicht mehr rede.

Waren Sie bis zum Mauerfall wieder in Dresden?

Nein, das ging nicht. Nur einmal war ich in West-Berlin, ein sehr beklemmendes Erlebnis. Am Grenzübergang Dreilinden musste ich meinen Pass abgeben, der dann auf einem kleinen Förderband verschwand. Diese undurchdringlichen Mienen der Grenzpolizisten und diese Unsicherheit, ob ich nicht doch wieder festgenommen werde – das war sehr bedrückend.

Als Ihr Ausreiseantrag 1984 genehmigt wurde, haben Sie da gedacht: Ich werde Dresden nie wiedersehen?

Ja, davon musste ich ausgehen. Das Schlimmste aber war damals der Abschied von den Freunden, quasi für immer.

Seit 30 Jahren leben Sie auf einem Bauernhof bei Berchtesgaden. Ist das für Sie auch Heimat?

Eine zweite Heimat, ja. Ich habe mich da von Beginn an sehr wohlgefühlt. Die ersten anderthalb Jahre wohnte ich noch in München, die Stadt hat mich sehr an Dresden erinnert: dort der Englische Garten, hier der Große Garten, die Isar und die Elbe, der Marienplatz und die Prager Straße. Vielleicht gefällt mir München deshalb so.

Am Ende des vergangenen Winters haben Sie sich als Biathlon-Bundestrainer verabschiedet. Sie gelten als der weltweit Erfolgreichste in Ihrem Fach – ein Superlativ, der Ihnen schmeichelt?

Nicht wirklich. Ich höre das ehrlich gesagt auch nicht so gerne, weil nicht ich alleine diese ganzen Medaillen gewonnen habe. Da gehört immer ein ganzes Team dazu an Trainern und Technikern. Das hat funktioniert, meistens zumindest.

Das letzte Mal standen Sie bei den Winterspielen in Sotschi hinter dem Fernrohr. Bei den Frauen gab es keine Medaille, viele Tränen und einen Doping-Fall. Hadern Sie mit diesem Abschied?

Ich hätte es mir anders gewünscht, sicher. Aber ich halte dann die Jahre dagegen, in denen es deutlich besser lief – und die sind eindeutig in der Überzahl.

Machen Sie sich bezogen auf Sotschi persönlich Vorwürfe?

Wir haben Fehler gemacht. Gerade unsere beiden Juniorinnen waren mit der Situation etwas überfordert – von den Medien, dem ganzen Drumherum. Da hätten wir sie besser abschirmen müssen. Es kam einfach alles zusammen, dies hatte ich in dieser Ballung in meiner Trainerkarriere noch nie erlebt.

Die Krönung war der Doping-Fall Evi Sachenbacher-Stehle?

Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie nichts genommen hat, um ihre Leistung auf verbotenem Wege zu steigern. Sie hatte das Pech, dass eine Maschine nicht richtig gesäubert und dadurch ihr Nahrungsergänzungsmittel verunreinigt wurde. Ein Doping-Experte erklärte mir: Sie hätte vor dem Rennen einfach nur einen halben Liter mehr trinken müssen, dann wäre die Konzentration des verbotenen Mittels unterhalb des Grenzwertes geblieben. Aber natürlich bleibt es eine Dummheit von ihr, dass sie ein nicht vorher getestetes Mittel genommen hat.

Und jetzt tritt auch noch Magdalena Neuner nach, spricht in einem Interview von verkrusteten Strukturen und überalteter Trainingsmethodik. Fühlen Sie sich da persönlich angegriffen?

Ich bin sehr überrascht über diese Aussagen, vor allem, weil Magdalena mehrfach betont hat, mit dem Biathlon abgeschlossen zu haben. Ich finde, wer sich nicht selber einbringen will, sollte daher mit öffentlicher Kritik ein bisschen vorsichtiger umgehen.

Sie werden im November 63. Wollen Sie nach Ihrem Rücktritt noch einen anderen Posten im Biathlon übernehmen?

Eine offiziellen nicht, dann hätte ich auch Bundestrainer bleiben können. Wenn ich gefragt werde, bringe ich meine Erfahrung gerne ein – wie kürzlich beim Trainingslager in Obertilliach. Aber ich dränge mich nicht auf. Meine Frau hat diese Woche ihren letzten Arbeitstag, sie saß Jahr für Jahr durch meine ganzen Reisen nahezu komplett sechs Monate allein zu Haus. Ich möchte jetzt mehr Zeit für sie haben.