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Der Schaffner verlässt den Riesaer Zug

Nach 18 Jahren in der Elbestadt beginnt für den Eisenbahnfan und Verwaltungsbürgermeister Werner Nüse heute sein neuer Job in Brandenburg.

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Von Robert Reuther

Das Viertel eines durchschnittlichen Lebens passt manchmal in eine braune Lederaktentasche und ein paar wenige Kisten. Das stellte jetzt auch Werner Nüse fest, als er sein Büro im Riesaer Rathaus ausgeräumt hat. Das tat er so, wie ihn viele kennen, die ihn dort besucht haben – im Anzug, an dessen Revers ein Riesa-Pin prangt. Mit randloser Brille auf der Nase, und einem Lächeln, das manchmal an einen Schuljungen erinnern lässt.

18 Jahre ist er im Rathaus ein und aus gegangen. Er hat nach der Wende spannende Zeiten erlebt oder stürmische, so wie jetzt kurz vor seinem Abgang. Das Viertel eines ganzen Lebens verbrachte er in der Elbestadt, die er noch als Stahlstadt kennenlernte. Und geht jetzt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, nach Brandenburg, um dort im Landkreis Ostprignitz-Ruppin Vizelandrat zu werden.

Fahrpläne sammeln als Hobby

Seine letzte Amtshandlung als Verwaltungsbürgermeister und Stellvertreter der Oberbürgermeisterin führte ihn passenderweise nach Mannheim. Das ist nicht nur die Partnerstadt von Riesa, sondern auch jener Ort, in dem Werner Nüse studiert hat. Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) hatte ihn aus der Nähe von Aachen dorthin verschlagen. Denn entgegen seiner anfänglichen Vorstellung, Geschichtslehrer zu werden, studierte er Jura.

Über ein Praktikum kam er 1991 für drei Monate nach Riesa. Spannend sei das gewesen, große Möglichkeiten gab es hier. „Ich bin sonst kein Mensch für Abenteuerurlaub, aber Riesa hat mich sehr gereizt, es war ein großes Abenteuer“, sagt Werner Nüse. Deshalb hat er sich gegen den öffentlichen Dienst im Rheinland entschieden und gegen eine Karriere als Anwalt in Mannheim. Stattdessen kam er als Jurist nach Riesa. Ein Segen für den heute 46-Jährigen, denn nach wie vor geschichtsinteressiert konnte er sich erstmals aktiv daran beteiligen und erleben, wie Geschichte gemacht wird. „Es war einfach toll. Es hat sich unglaublich viel verändert und entwickelt. Das wollte ich nicht verpassen.“

Dabei hat nicht die Schönheit der Stadt zu seinem Entschluss beigetragen, nach Riesa zu kommen, sondern die Eisenbahn. Durch den Bahnhof, die Elbbrücke und dem Güterverkehr konnte er hier seinem größten Hobby frönen. Seit seiner Kindheit interessiert sich Werner Nüse für die Bahn, ausgelöst durch seinen Vater. Der hatte als Geschäftsmann immer viele Fahrpläne zu Hause herumliegen. „Die fand ich einfach sehr faszinierend. Das hat mich nie wieder los gelassen.“ Seine Fahrplansammlung ist deshalb heute beachtlich und war sogar im Stadtmuseum zu sehen, in dessen Verein er Mitglied ist.

Ohnehin legt Nüse jetzt viele Ämter und Vereinsmitgliedschaften nieder. Er war in Riesa sehr aktiv, beispielsweise als Vorsitzender des Vereins Pro Bildung, als SPD-Ortsvereinschef, als 2. Vorsitzender des Roten Kreuzes, als Kassenprüfer des Klinke e.V. und allerlei normalen Mitgliedschaften, wie bei den Bücherfreunden. „Ja, manch einen mag es wundern, aber ich habe mich für viele Dinge zur selben Zeit engagiert, die heute kaum noch mit einander vereinbar sind, weil derzeit diese Dafür-oder-Dagegen-Mentalität in Riesa vorherrscht“, sagt Werner Nüse.

Meisterschaft im Sackhüpfen

Genau die war es, die ihn letztlich auch zu seinem Abgang bewogen haben. Bis 2003 hätte man in Riesa einiges bewegt, beruflich gesehen seinen die Jahre 2001 – in dem er Verwaltungsbürgermeister wurde – bis 2003 die spannendsten gewesen. Unglaublich sei es, wenn man bedenke, dass eine Stadt wie Riesa damals bei einer Olympiabewerbung dabei gewesen ist. „Heute kümmern wir uns, sarkastisch gesprochen, um die Kreismeisterschaften im Sackhüpfen, das ist schon eigenartig“, sagt Werner Nüse. Ihm sei klar, dass es nicht habe so weitergehen können, wie damals. „Aber dieser Rückfall ins Provinzielle, der muss ganz einfach nicht sein.“ Riesa sei so eine stolze Stadt, die derzeitige Mittelmäßigkeit sei vor Jahren nicht vorstellbar gewesen. „Jetzt rechnet man sich manche Dinge sogar schlecht, damit sie nicht weiter finanziert werden müssen.“

Wenn Werner Nüse so spricht, dann schwingt ein bisschen Bitterkeit in seiner Stimme. Bitterkeit über das, was im vergangenen Jahr passiert ist. Dass man ihn im Amt übergangen hat, beispielsweise bei der Kündigung seiner Personalamtsleiterin Ramona Raschke (SZ berichtete). Dass es die Konsens-Demokratie der Jahre 1994 bis 2009 nicht mehr gibt. Seit der letzten Wahl fühle er sich nicht mehr wohl in Riesa. „Das liegt vor allem an der Führerin des Stadtrates. Es wird kein Ausgleich mehr gesucht. Immer wieder werden Räte gegeneinander ausgespielt“, sagt Werner Nüse. Mit der Führerin des Stadtrates meint er Gerti Töpfer. „Ich bin der festen Überzeugung, dass sie eine schwache Führungsperson ist. Ich weiß nur nicht, ob sie nicht kann oder nicht will“, sagt Werner Nüse über seine Ex-Chefin. Dabei schwingt eine gewaltige Portion Frust mit.

Das will er jetzt hinter sich lassen. Heute fängt er sein neues Amt in Neuruppin an, hochmotiviert und mit großer Freude, wie er sagt. Eine Wohnung hat er bereits gefunden, in der Nähe eines Sees. „Zwar lasse ich in Riesa tolle Freunde und Kollegen zurück, dennoch wird es wohl schwerer, mich in Brandenburg einzugewöhnen, als Riesa hinter mir zu lassen“, sagt Werner Nüse. Die braune Aktentasche hat er bereits in seinem neuen Büro ausgepackt. Der Rest folgt in wenigen Tagen. Dann geht es für Werner Nüse auf in ein neues Leben.