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Der Schatz an der Wand

Das Moritzburger Schloss nennt eine Sammlung von Geweihen sein eigen, die es mit jeder auf der Welt aufnehmen kann.

Der Herr der Geweihe. Ralf Giermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schloss Moritzburg, kennt alle der gut 250 Geweihe der dortigen Sammlung. Hier steht er im Monströsensaal, in dem Geweihe mit Fehlbildungen zu sehen sind.
Der Herr der Geweihe. Ralf Giermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schloss Moritzburg, kennt alle der gut 250 Geweihe der dortigen Sammlung. Hier steht er im Monströsensaal, in dem Geweihe mit Fehlbildungen zu sehen sind. © Arvid Müller

Moritzburg. Man muss nicht einmal die Geweihe selbst bemühen, um festzustellen, dass Schloss Moritzburg einen wahren Schatz an den Wänden hängen hat: „Nirgendwo in der Welt werden Sie solche plastisch gestalteten Tierköpfe finden wie hier“, erklärt Ralf Giermann. Der wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ausstellungsgestalter weiß, wovon er spricht, hat er doch schon die meisten der 250 Jagdtrophäen in den Händen gehabt.

Die Geweihe und Gehörne – so nennt sich alles, was nicht ein Hirsch, sondern etwa ein Rehbock auf dem Kopf getragen hat - sind auf sogenannten Kartuschen montiert. Das sind Holztafeln mit Tierköpfen - viele davon sind älter als 300 Jahre. 

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Sie wurden von sächsischen Hofbildhauern und Hofmalern gestaltet und zeigen die Elche, Rehe, Rentiere und die Damm- und Rothirsche in ihrem lebensechten Ausdruck. Zudem wurden sie entsprechend bemalt und teilweise vergoldet.

„Die Einzigartigkeit der Moritzburger Sammlung besteht nicht in ihrer Größe - es gibt größere -, sondern neben der künstlerischen Gestaltung der Kartuschen in der Vielzahl von Abnormitäten“, so Ralf Giermann. Sie haben oft etwas Monströses, wonach ihr Präsentationsort im Schloss auch seinen Namen hat: der Monströsensaal.

Diesen ließ August der Starke nicht nur mit Ledertapeten, die Szenen um die antike Göttin der Jagd Diana zeigen, ausstatten. „Zwischen die Bildnisse auf Leder fügen sich 42 ausnahmslos monströse Rothirschgeweihe auf neu gefertigten und gänzlich vergoldeten Hirschköpfen dekorativ ein.“ Das kann man in der Broschüre nachlesen, die Ralf Giermann 1993 über die Moritzburger Geweihsammlung geschrieben hat.

Dort ist auch zu erfahren, dass es wohl kein Geweih in der Jagdgeschichte gibt, das größere Popularität als der Moritzburger 66-Ender erlangt hat. „Die Einmaligkeit der Endenzahl – Ergebnis einer willkürlichen Zählung – brachte ihm diese Popularität ein.“ Willkürlich heißt, dass jede kleine Zacke am Geweih mitgezählt worden ist. Später, im Jahr 1852, wurde in Madrid international festgelegt, dass erst eine Ausstülpung an einem Geweih, die mindestens 20 Millimeter misst, als ein Ende gilt.

Über einer Tür im Monströsensaal ist der berühmte Moritzburger 66-Ender zu sehen. 
Über einer Tür im Monströsensaal ist der berühmte Moritzburger 66-Ender zu sehen.  © Schloss Moritzburg
Fehlbildungen gehen auf Wachstumsstörungen zurück, wurden aber auch durch Beschießen provoziert. 
Fehlbildungen gehen auf Wachstumsstörungen zurück, wurden aber auch durch Beschießen provoziert.  © Schloss Moritzburg
Das weltstärkste Rothirschgeweih. Weil seine Herkunft unbekannt ist, hält es nicht den aktuellen Weltrekord. 
Das weltstärkste Rothirschgeweih. Weil seine Herkunft unbekannt ist, hält es nicht den aktuellen Weltrekord.  © Schloss Moritzburg
Vergleichbar aufwendig und lebensecht gestaltete Hirschköpfe gibt es nirgends anders auf der Welt.
Vergleichbar aufwendig und lebensecht gestaltete Hirschköpfe gibt es nirgends anders auf der Welt. © Norbert Millauer

Die Missbildungen an Rothirschgeweihen gehen neben mechanischen Verletzungen auf Stoffwechsel- und Hormonstörungen zurück. Aber Ralf Giermann nennt noch einen anderen Grund: „Daneben provozierte man Abnormitäten durch bewusste Verletzungen des Geweihs in seiner Wachstumszeit, indem man das Bastgeweih mit einer Schrotladung beschoss.“

Auch in anderer Hinsicht wurde nachgeholfen, um besondere Jagdtrophäen zu erhalten. In sogenannten Tiergärten – mit Mauern oder Zäunen eingegrenzten Waldstücken - wurde Wild gehalten und teilweise regelrecht gemästet. Während heute ein ausgewachsener Rothirsch um die 150 Kilogramm auf die Waage bringt, soll der sächsische Kurfürst Christian II. im Jahr 1609 einen Hirsch mit einem Gewicht von mehr als 510 Kilogramm erlegt haben.

Der Höhepunkt der Inszenierung der Geweihe auf Schloss Moritzburg ist zweifellos der Speisesaal. „Demnach die Hörner / ein par so für andere schön sind in der reichen leuth heuser an die wand angemacht und geschlagen / paret hüt und andere ding daran zu hencken“, schrieb der Schweizer Gelehrte Konrad Gesner 1606 in seiner „Naturgeschichte der vierfüßigen Tiere“. 

Ralf Giermann glaubt nicht, dass August der Starke den Saal mit den Geweihen hat herrichten lassen, um an ihnen Hüte aufzuhängen. Er sieht in der Architektur des Festsaales und der Anordnung eine bewusst aufeinander abgestimmte Einheit: „Durch das starke Zurücksetzen der Fensternischen zwischen den Wandflächen heben sich die aufwendig gestalteten Hirschköpfe voneinander ab und gewährleisten damit trotz ihrer Anzahl eine gute Überschaubarkeit.“ Immerhin 71 Rothirschtrophäen zählt der Speisesaal.

Wenn von der Einzigartigkeit der Moritzburger Sammlung die Rede war, dann ist in diesem Zusammenhang natürlich das weltstärkste Rothirschgeweih zu nennen. Es hängt in der Mitte der Ostseite des Speisesaals. Dem 24-Ender wurden 1991 vom Weltjagdrat 298,25 Punkte bestätigt. Dabei fließen unter anderem die Länge und der Umfang der Stangen ein, ihre Farbe und Perlung und der Umfang der Rosen.

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