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Der Schatz im Badesee

Im Coswiger Freibad gibt es viele Malermuscheln. Diese sind stark gefährdet, weil selten und daher geschützt. Entdeckt wurden sie durch einen Zufall.

Von Sven Görner
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Die Malermuschel ist nicht nur ein Indikator für die Qualität eines Gewässers. Weil sie Schwebstoffe aus dem Wasser filtert, leistet sie auch einen wichtigen Beitrag zu dessen Selbstreinigung.
Die Malermuschel ist nicht nur ein Indikator für die Qualität eines Gewässers. Weil sie Schwebstoffe aus dem Wasser filtert, leistet sie auch einen wichtigen Beitrag zu dessen Selbstreinigung. © Arvid Müller

Coswig. Baden bildet. Vielleicht nicht überall, aber im Freibad Kötitz. Denn dort wurde am Mittwoch durch die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNu) und den Umwelt-Staatssekretär Gerd Lippold eine Infotafel über die Malermuschel enthüllt.

Der Standort am Badesee der Anlage - einer früheren Kiesgrube - ist nicht zufällig gewählt. Dort wurde das bis zu 15 Zentimeter große Wasserlebewesen vor einigen Jahren eher zufällig entdeckt. Die Malermuschel ist eine für den Menschen sehr nützliche, aber in Sachsen stark gefährdete und daher gesetzlich geschützte Großmuschelart. Forscher der TU Dresden haben im Rahmen des Verbundprojektes „ArKoNaVera“ den Badesee in den vergangenen Jahren systematisch untersucht. Sie fanden eine beträchtliche Population von Malermuscheln und anderen Großmuscheln, die durch ihre filtrierende Lebensweise dazu beitragen, das Badegewässer in einer guten Qualität zu halten.

Andererseits engagiert sich auch die Stadt mit ihren Technischen Werken als Badbetreiber für den Schutz der Tiere. Jährlich 25.000 bis 30.000 Euro werden in das Gewässermanagement investiert, sagte Coswigs Bürgermeisterin Friederike Trommer. So tragen im See angebrachte Netze dazu bei, dass sich Süßwasserschwämme ansiedeln. Auch mit deren Hilfe sei es gelungen, das Blaualgenwachstum um 90 Prozent zu senken. Das kommt den Badenden genauso zugute wie den Muscheln. Seit zwei Jahren werden zudem größere Wasserpflanzen gemäht und aus dem See geholt. Die Angler kümmern sich schließlich um den Fischbestand, ohne den sich die Muscheln nicht vermehren können. Denn die Tausenden kleinen Larven, die von den trächtigen Muscheln ausgestoßen werden, nisten sich als Parasiten in den Kiemen der Fische ein, wo sie zu Mini-Muscheln heranwachsen.

Thomas Schiller hat die geschützten Tiere im Coswiger See entdeckt und untersucht.
Thomas Schiller hat die geschützten Tiere im Coswiger See entdeckt und untersucht. © Sven Görner

Das und noch mehr über den spannenden Lebenszyklus erfahren interessierte Gäste des Bades nun auf der von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt gemeinsam mit der TU Dresden konzipierten Infotafel. Ebenso wird erläutert, warum die Malermuschel gefährdet ist. Und natürlich gibt es auch den Hinweis an die Badenden, dass die Muscheln zum Erhalt des Bestandes im See bleiben sollen.

LaNu-Stiftungsdirektor Bernd Dietmar Kammerschen sagte, dass er sich über die Ortswahl der Malermuschel freue. Denn am Coswiger Badesee lassen sich Erholung und Naturschutz bestens miteinander verbinden. Und Gerd Lippold unterstrich: „Wer um den Nutzen und Gefährdung dieser wertvollen Muscheln weiß, wird eher dazu bereit sein, die Tiere zu schützen und damit ein naturnahes Badeerlebnis für viele zu ermöglichen.“

Seit 2015 engagieren sich in Sachsen die LaNU und die TU Dresden im Projekt ArKoNaVera unter anderem für die Erforschung und den Erhalt der einmal weit verbreiteten Malermuschel. Ihren Namen verdankt das Tier offenbar der Tatsache, dass seine Schalen früher von Malern zum Anmischen von Farben genutzt wurden. Bis in die 1950er-Jahre war sie auch in den sächsischen Gewässern noch häufig zu finden.

Eine Tafel informiert jetzt über die gefährdete Art.
Eine Tafel informiert jetzt über die gefährdete Art. © Arvid Müller

Doch der Mangel an Wirtsfischen, großflächiger Gewässerumbau, der Eintrag von Feinsedimenten und Nährstoffen durch die Intensivierung der Landwirtschaft führten zu einem starken Rückgang. Staatssekretär Lippold betonte dabei ausdrücklich, dass es nicht um Landwirtschaftsbashing gehe, wie manche Verbände behaupten. „Kein Landwirt zerstört absichtlich Naturräume.“ Vielmehr würden die Bauern aus Zwang handeln, um an einem fehlgesteuerten Markt bestehen zu können.

Bis zum Jahr 2006 war die Malermuschel in Sachsen als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Seit 1995 ist indes eine leichte Zunahme der Bestände zu verfolgen, sodass sie derzeit als „stark gefährdet“ gilt. Anders als die Flussperlmuschel sei die Malermuschel deutlich weniger erforscht gewesen. „Wir wissen inzwischen, dass sich Erfahrungen von der einen Art nicht ohne Weiteres auf die andere übertragen lassen“, sagte Professor Thomas Berendonk von der TU Dresden, der das noch bis 2021 laufende ArKoNaVera-Projekt leitet.

Nicht zuletzt dank der detaillierten Untersuchungen in Kötitz wissen die Wissenschaftler inzwischen mehr über die Malermuscheln. Auf diese war Thomas Schiller als Mitarbeiter des Projekts durch Zufall bei einem Familienausflug an den Badesee gestoßen. Dass in dem Gewässer aber offenbar sehr viele der geschützten Tiere zu finden sind, wurde ihm klar, als eine Frau und zwei Kinder große Plastiktüten mit den Muscheln aus dem See trugen. Offenbar, um daraus ein Muschelgericht zuzubereiten. „Ich habe ihnen erklärt, dass die Tiere streng geschützt sind und sie gebeten, die Muscheln wieder in den See zu bringen.“Bei den detaillierten Untersuchungen im See wurden schließlich an mehreren Punkten die Muscheln gezählt, gewogen und auf ihre Trächtigkeit untersucht. Zudem nahmen die Wissenschaftler auch den Wirtsfischbestand, in Kötitz ist das vor allem der Flussbarsch, in Augenschein. Neben mehreren Tausend Malermuscheln leben im Badesee auch einige Hundert Große Teichmuscheln, Gemeinde Teichmuscheln und Große Flussmuscheln.

Auf einen Quadratmeter kommen hier zwischen drei bis fünf Malermuscheln. „Wir wissen, dass es Gewässer mit noch größerer Dichte gibt“, sagt Thomas Schiller. „Von den untersuchten ist der See aber das mit der zweithöchsten.“

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