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Der Schemppion

Nach sieben Jahren gewinnt wieder ein deutscher Biathlet drei Rennen in Folge. Vom Aufstieg eines Gestrauchelten.

© dpa

Von Daniel Klein

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Diese eine Scheibe blieb einfach schwarz. Während Norwegens Schlussläufer Emil Hegle Svendsen bereits auf die letzte Runde stürmte, mühte sich Simon Schempp mit zwei Ersatzpatronen ab, um dann doch noch zu treffen. Für einen deutschen Staffel-Sieg war es zu spät. Darüber könnte man sich natürlich ärgern, man könnte aber auch ein wenig erleichtert sein, dass Schempp in diesen Tagen doch noch patzte. Er selbst lieferte damit den Beweis, dass er wider Erwarten doch fehlbar ist – ein beruhigender Gedanke.

Seine vergangenen Auftritte waren schon fast beängstigend makellos, solch eine Kaltschnäuzigkeit und Konstanz schien verloren gegangen zu sein bei den deutschen Biathlon-Männern. Der Letzte, dem es gelang, drei Weltcup-Rennen in Folge zu gewinnen, war Michael Greis. Und das ist sieben Jahre her. Nun also gibt es einen Nachfolger, zumindest aber wieder einen, dem man zutrauen kann, dass er regelmäßig aufs Podest läuft und den Großen der Szene wie Svendsen und dem Franzosen Martin Fourcade Paroli bietet.

„Die letzten Rennen waren wie im Märchen, so einen Lauf habe ich noch nie gehabt. Das ist sensationell“, fasst Schempp seine Erfolge von Ruhpolding und Antholz zusammen. Sechs Mal in Folge stand er jetzt auf dem Podium und kassierte nebenbei ein Preisgeld von 59 000 Euro. Was mehr als angemessen ist, weil der 26-jährige Schwabe in der Vergangenheit oft Lehrgeld zahlen musste, sein Aufstieg an die Spitze der Skijäger-Zunft alles andere als geradlinig war.

Kurz vor Olympia streikt der Körper

Rückblende: Im Olympiajahr 2010 suchten die Bundestrainer händeringend nach möglichen Medaillenkandidaten. Nach den Turiner Spielen hatten sich einige Namhafte zur Ruhe gesetzt, die Nachrücker konnten die Lücke noch nicht wie erhofft schließen. Da kam Schempp, der 2009 sein Weltcup-Debüt gefeiert hatte, gerade recht. Doch als es darum ging, die olympischen Qualifikationshürden zu überspringen, streikte sein Körper.

„Da war ich gesundheitlich überhaupt nicht auf der Höhe, da war mein komplettes Immunsystem am Ende“, erinnert er sich. „Man kennt seinen Körper überhaupt nicht mehr, weil der total verrückt spielt. Da fängt man an zu grübeln.“ Schempp war damals 21, vielleicht hatten ihn die Erwartungen und der Druck einfach aus der Spur geworfen.

In die fand er nur langsam zurück. Seine Auftritte waren meist solide und immer unauffällig. Im Gesamt-Weltcup verbesserte er sich in die 20er-Regionen, im vorigen Jahr dann gewann er in Antholz sein erstes Weltcup-Rennen. „Seitdem hab‘ ich die Gewissheit, dass ich an einem perfekten Tag auch bei einem Großereignis wirklich ganz vorne reinlaufen kann.“

Meist jedoch musste er sich geschlagen geben, wie bei den Spielen in Sotschi, als er im Schlussspurt gegen den Russen Anton Shipulin unterlag, Staffel-Gold verlor und Silber gewann – sein größter Erfolg bisher. Manchmal fehlten Zentimeter, manchmal fehlte die Cleverness. Wie auch beim Saisonstart in Östersund, als ihn am Ende der Mix-Staffel Fourcade überrumpelte. „Ich muss künftig ein bisschen mehr Drecksau sein“, schlussfolgerte er anschließend. Und setzte es erstaunlich schnell um. In Ruhpolding entschied er ein dreifaches Fotofinish im Massenstart durch einen Ausfallschritt, in Antholz einen vierfachen Zielkampf im Verfolgungsrennen mit 0,1 Sekunden Vorsprung. Das ist ein anderer Schempp und eine neue Qualität. „Ich lerne ja dazu“, sagt er augenzwinkernd. „Ich bin im Kopf reifer geworden, und die Erfolge bringen eine gewisse Lockerheit.“

Aber das ist nicht alles. Mit seinem Heimcoach Andreas Stitzl, dem neuen Assistenten von Bundestrainer Mark Kirchner, hat er in seiner Wahlheimat Ruhpolding auch Kleinigkeiten justiert: Er trainiert jetzt ein bisschen mehr, ein bisschen anders. Und er hat gelernt, sich zu erholen.

Ein Shootingstar, als der er jetzt gefeiert wird, ist Schempp also keinesfalls. Und von einem Star-Dasein ist er ohnehin weit entfernt. Als er von 2008 an drei Jahre mit Miriam Gössner disziplinintern liiert war, beide in eine gemeinsame Wohnung zogen und als Biathlon-Traumpaar medial gefeiert wurden, zog zeitweise ein Hauch Glamour in sein Leben. Das ist vorbei. Es wirkt beinahe so, als sei ihm zu viel Aufmerksamkeit unangenehm.

Da passt es ins Bild, wenn er nun bescheiden davon spricht, am Ende der Saison im Weltcup unter den Top 10 landen zu wollen. Derzeit ist er Zweiter, nur noch 23 Punkte hinter Fourcade. Der Franzose, der gerade ein wenig schwächelt und hofft, rechtzeitig bis zur WM Anfang März wieder in Form zu kommen, lobte Schempp: „Er hat einen großartigen Lauf und ist ganz sicher einer der Kandidaten für den Gesamtweltcup und die Medaillen bei der WM.“ Erfüllt sich die Prognose, würde aus Schempp ein Schemppion. (mit dpa/sid)

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