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Der schickste Mann vom Schillerplatz

Seit 50 Jahren verkauft Arno Borrmann Mode. Viele Kunden halten ihn auch noch mit 80 für den Trendsetter des Viertels.

© André Wirsig

Von Doreen Reinhard

Das Ehepaar Borrmann ist zwar seit 42 Jahren verheiratet, hat sich aber zumindest in einem Bereich entzweit. Getrennte Schlafzimmer? Kämen für sie nicht infrage. Dafür beanspruchen sie in einem anderen Bereich Freiraum: Im Hause Borrmann hat jeder sein eigenes Bad. Der Herr will nämlich nicht warten, bis die Frau mit der morgendlichen Toilette fertig ist, schließlich nimmt er es damit nicht weniger genau.

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In der Frühe wahllos Textilien aus dem Schrank ziehen, das gab es bei ihm noch nie. „Mode, das ist für mich wie ein Haus. Darin lebe ich“, sagt Arno Borrmann. Und führt diese Lebenseinstellung am eigenen Leib vor, von den blitzblank geputzten Slippern in Weiß bis zum Einstecktuch, das knallrot aus der Jacketttasche lugt. So sieht der schickste Mann vom Schillerplatz aus; diesen Spitznamen haben ihm seine Kunden verpasst. Manche halten ihm seit 50 Jahren die Treue. Zuerst der Maßschneiderei, die Borrmann von den Sechzigern bis zum Mauerfall auf der Loschwitzer Straße leitete. Danach zogen sie mit ins nach ihm benannte Modehaus, das er mit seiner Frau Monika bis heute betreibt. Sie ist hier die Chefin, aber der 80-Jährige mehr als „der helfende Gatte“. Er steht noch immer täglich im Laden, um über das zu reden, was ihn von früh bis spät beschäftigt: Mode. Seine eigene und die der anderen.

Von ihm hört man Klartext, kombiniert mit Lösungen. „Man muss ehrlich sein: Die wenigsten Frauen sind doch ideal gebaut, aber jede einzelne hat etwas, das man herausstellen kann. Da muss man gestalten“, sagt Borrmann und malt mit den Händen Silhouetten in die Luft. Bei seinem ersten Beruf als Schneider konnte er auf direktem Weg modellieren. Bei Dutzenden Leistungsschauen der DDR hat er mit seinen Kreationen Preise abgeräumt. „Gut ging es mir damals. Ich hatte eine Datsche, einen Wartburg, habe aber auch 60 Stunden in der Woche gearbeitet.“ Der Abschied von den Maßanfertigungen kam, als der Sozialismus ging. „Heute würde so ein Anzug 2 500 Euro kosten. Wer zahlt so was noch?“ Also gab es im Modehaus Borrmann von nun an Markenmode aus fremden Händen. Heute ist das kleine Geschäft ein Auslaufmodell, das sich gegen immer mehr Textilketten behaupten muss. Das funktioniert mit persönlicher Note und guter Beratung, bei Borrmanns sogar tadellos. Die Stammkunden seien schon älter, aber zuverlässig. Manchmal, erzählt Borrmann, gebe es sogar noch den sonnabendlichen „Professorenstau“ – den Andrang von Herren aus der Nachbarschaft, die sich mit neuer Garderobe eindecken wollen. Hin und wieder kommt sogar Prominenz, unter anderem Tenor Peter Schreier schwört auf das Angebot und den Geschmack des Hausherren.

Der ist auch im eigenen Laden ein guter Kunde und teilt sich zu Hause mit seiner Frau nicht etwa einen Schrank, sondern ein ganzes Ankleidezimmer. „Mit meiner Garderobe könnte ich bestimmt zehn Männer ausstatten.“ Für jeden Anlass gibt es das passende Gewand, in sämtlichen Farben außer Schwarz. „Das ist eine Anlassfarbe. Die tragen entweder Totengräber oder die Leute von der Staatskapelle.“ Er selbst bevorzugt andere Auftritte und plant diese gern im Voraus. Schon jetzt weiß Arno Borrmann, was er an seinem 81. Geburtstag in ein paar Tagen tragen wird: seinen wollweißen Anzug mit passendem Hut.