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Sachsen

Evangelischer Bischof war Burschenschafter

Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing macht seine Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung publik. Warum er gefochten hat.

Bischof Carsten Rentzing im Juni 2017 im Dom zu Wurzen. Er ist seit 2015 Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens.
Bischof Carsten Rentzing im Juni 2017 im Dom zu Wurzen. Er ist seit 2015 Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens. © Wikimedia Commons/Ghostwriter123

Der Preis ist ein Traum. Zumindest für die Mietverhältnisse in Frankfurt am Main. 350 Euro warm für 20 Quadratmeter. Komplett möbliert, Gartenblick, Internet. Bus, U-Bahn, Universität, Zentrum – alles nah und zu Fuß gut erreichbar. Doch der Vermieter stellt Fragen: „Sind Sie männlich und ledig? Besitzen Sie die deutsche Staatsangehörigkeit?“ Und von vornherein ist klar: Wer die Fragen mit Nein beantwortet, wird leer ausgehen.

Carsten Rentzing schmunzelt. „Das ist natürlich eine Männerfreundschaft, die da gebildet wird“, sagt der Mann, der seit 2015 als Bischof die evangelisch-lutherische Landeskirche in Sachsen anführt. Schließlich gebe es ja auch reine Frauengesellschaften. „Und bei der Staatsangehörigkeit geht es darum, dass wir es sind, die Verantwortung übernehmen für unser Land.“

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Rentzing muss es wissen. Er kennt den Vermieter, die schlagende Studentenverbindung Alte Prager Landsmannschaft Hercynia. Der Landesbischof ist eines ihrer Mitglieder. Anfang der 1990er-Jahre, während seines Studiums, sei er über einen Freund zu einem Treffen bei der Hercynia eingeladen worden. „Die freiheitliche Grundstimmung dort hat mir gefallen, die sehr unterschiedlichen Menschen dort. Die Wert legten auf Respekt voreinander und unterschiedliche Ansichten auch einfach stehenlassen konnten.“

Der Bungee-Sprung der Jugend

Zwar bezog Rentzing kein Zimmer im Hercynia-Haus, weil er seinerzeit an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen außerhalb von Frankfurt untergebracht war, doch Mitglied wurde er trotzdem. „Erst Fuchs, dann Bursch, wie es da heißt.“ Höhere Ämter aber habe er nie innegehabt. „Ich gehörte nicht zu den Chargierten, dafür war die Zeit viel zu kurz, nur etwas über ein Jahr.“

Der Lebensabschnitt in Frankfurt, er fiel in eine Zeit, in der Rentzig noch nicht sicher war, wohin seine berufliche Reise gehen sollte. „Ich ahnte noch nicht, dass ich einmal Pfarrer werden würde.“ Dieser Entschluss habe bei ihm fast zehn Jahre gedauert. „Ich bin ein Spätberufener.“

Aber immer schon, sagt der heutige Ehemann und Vater von vier Kindern, sei er ein begeisterter Sportler gewesen. Deshalb habe er auch an den Mensuren der Hercynia teilgenommen, an den streng reglementierten Fechtduellen mit scharfer Waffe. „Natürlich habe ich gefochten“, gibt er unumwunden zu. „Im Rückblick war da auch Abenteuer dabei, das war mein Bungee-Sprung in Jugendtagen sozusagen.“

Heute, als eine Führungskraft der evangelischen Kirche, sähe er das Duell natürlich kritischer. Da seien andere Dinge wichtiger, Dinge, die ihm auch die Hercynia vermittelt habe. „Uns einte nicht nur die Freude an Tradition, sondern auch die Abwehrhaltung gegen Extremismen.“ Diese Haltung bestimme sein Leben. Es gehe letztendlich um Charakter- und Herzensbildung, die man in Führungspositionen brauche. „Ich empfinde meine Erlebnisse aus der Frankfurter Zeit nicht als Störpotenzial in meinem Glauben.“

Es scheint, als habe der Theologe weder an Körper noch an Seele einen Schmiss davongetragen. Der Berliner Tagesspielgel schrieb über ihn, Rentzing stehe „für einen lebendigen Glauben an Gott, für eine missionarische Kirche und für eine konservative Theologie“. Nicht wenige in seiner Kirche kritisieren ihn wegen seiner abwehrenden Haltung zur Homosexualität unter Pfarrern und Pfarrerinnen oder seiner angeblich schwammigen Haltung im Umgang mit Pegida, AfD und Co. Dabei hatte er nach den fremdenfeindlichen Vorfällen in Heidenau klar Position bezogen: „Unsere Kirche steht eindeutig und ohne jede Einschränkung an der Seite der Flüchtlinge.“

Das hat etwas von der Entschlossenheit, mit der die Hercynen, so nennen sich die Verbindungsmitglieder, ihr Selbstverständnis definieren: „Ein Hercyne ist Waffenstudent in sämtlichen Lebensbereichen!“ Rentzing schluckt, überlegt. Das sei ein feststehender, traditioneller Begriff. „Er drückt eine Grundhaltung aus: Man kann nicht plötzlich anfangen, respektlos durchs Leben zu rennen, unanständig zu werden.“

Und was ist mit dem Wahlspruch „Deutsch, frei, innig und treu“? Dahinter verberge sich der Einsatz für dieses Land, die Einigkeit, der Zusammenhalt. „Es sind alte Wertmaßstäbe, die wichtig sind, aber vielleicht nicht mehr en vogue.“ Von anderen Leitsprüchen distanziert sich Rentzing. Etwa vom Hercynia-Bekenntnis „deutsche Kultur und deutsche Werte“. „Das ist nichts, was ich jemals unterschreiben würde.“ Stünde dort „christliche Werte“, dann hätte er damit kein Problem.

Ob aktive Burschen oder inaktive alte Herren wie Rentzing – zum festen Programm der Hercynia gehört die Teilnahme am Wiener Akademikerball in der Hofburg, der von der FPÖ organisiert wird. Oder das Seminarprogramm zur Rhetorik auf Burg Greifenstein im Harz. Der Bischof winkt ab. „Das einzige, was da an Aktivitäten bei mir nach fast 30 Jahren noch da ist, ist die Pflege einiger weniger guter Freundschaften.“ Ein Netzwerk? „Nein, jedenfalls keines, das mir bekannt wäre, und schon gar keines, an dem ich beteiligt wäre.“

Fackelmarsch in Coburg

Woran er sich jedoch noch erinnert, ist seine einmalige Teilnahme am Pfingstkongress des Coburg Convents, der Dachorganisation der deutschsprachigen studentischen Landsmannschaften. Da sei er in voller Montur im Fackelzug mitgelaufen. „Das wirkt im Rückblick sehr putzig, sehr exotisch, selbst für mich.“ Später dann, als Pfarrer, habe er „immer die Auffassung vertreten, dass man erstens keinen Anstoß in falscher Weise erregen soll und darf und sich zweitens bemühen muss, für alle Menschen in der Gemeinde da zu sein“. Das sei ihm klar gewesen: „Solche Aktivitäten wie eine Verbindungsmitgliedschaft kann ich da nicht in den Vordergrund stellen.“

Dass die Hycernia so gar keine Erwähnung in seinem offiziellen Lebenslauf findet, begründet der Präsident des Martin-Luther-Bundes mit mangelnder Relevanz. „Das ist Teil meiner Biografie, Bestandteil meines Lebens, meiner Jugend. Punkt.“

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Analog gelte das für einen Vortrag Ende 2013 zur Entwicklung der Evangelischen Kirche Deutschlands in der Bibliothek für Konservatismus in Berlin. „Ich war damals Vizepräsident der Generalsynode und der Bibliotheksleiter, den ich aus dem Theologiestudium kannte, hatte mich eingeladen.“ Dass die Institution nach Recherchen der Zeit inzwischen zum Netzwerk der neuen Rechten gehört, davon wisse er nichts. „Da habe ich keinen Bezug zu.“