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Der Schneemacher vom alten Berge

Frank Mühle hilft Frau Holle nach. Nur so können Skilifte im Osterzgebirge starten.

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Von Mandy Schaks

Jackie hat die „Butze“, wie er sagt und schnieft dabei ein bisschen. „Butze“ kann er jetzt ganz und gar nicht gebrauchen, wo doch endlich die Skisaison im Osterzgebirge losgehen kann. „Butze“, dieses komische Wort, das ihm lustig über die Lippen purzelt, ist altenbergisch und bedeutet so viel wie kränkeln. Jackie kämpft mit einer Grippe. Aber eigentlich heißt er gar nicht Jackie, wie ihn alle Altenberger nur rufen, sondern František und für die Bürgerlichen im Lande Frank Mühle.

Die Altenberger geben sich gern solche Namen schon im Kindergartenalter. Das hält dann für die Ewigkeit. So kennt das Skiareal im Kahleberggebiet Begriffe wie den Potsdamer Platz oder das Lange I. Merken muss sich das jetzt aber kein Skilangläufer. Denn dort kann noch niemand vernünftig auf den Brettern rutschen, sondern nur zu Fuß gehen. Es liegt in dieser Saison einfach nicht genug Schnee. Deshalb muss Jackie ran. Er ist so etwas wie der Schnee-Guru vom Osterzgebirge, hat mit seinen Zaubermaschinen schon am Lifthang in Altenberg gehext und über der Abfahrtspiste weißes Pulver rieseln lassen.

Aber nur Freunde macht man sich mit dem künstlichen Schnee auch nicht. Die Maschinen lärmen, teils bis in die Nacht, ziehen Strom und Wasser, um dann unter einem enormen Druck Schnee auszuspucken. Doch was sollen die klassischen Wintersport-Regionen tun? Jackie muss nicht lange nachdenken. „Kunstschnee kostet einen Haufen Geld, aber dann hält das auch“, sagt er. „Wenn man’s macht, muss man es durchziehen oder die Finger davon lassen.“

Große Alternativen haben die Altenberger nicht. Sie ziehen’s durch, mit Schneekanonen. Am Wochenende schickt die Städtebahn Sachsen Sonderzüge von Dresden nach Altenberg. In Berlin und Brandenburg beginnen die Winterferien. Tausende Gäste werden im Osterzgebirge erwartet. Und dann ist so gut wie kein Schnee da! Jackie blinzelt über den Rand seiner Brille, überlegt kurz und sagt: „So etwas hatten wir noch nie.“

Seit 14 Jahren ist er der Schneemeister bei der Firma Wiegand, die in Altenberg und Geising die Skilifte betreibt. Gelernt hat er mal Zimmermann. Jetzt zimmert er Skipisten. Vielleicht, so erinnert sich Jackie, gab es eine ähnliche Situation schon mal in der Saison 2006/07. „Da habe ich in Geising auf der nackten Wiese angefangen und den Hang beschneit.“ Als er fertig war, hatte anscheinend keiner mehr an einen weißen Winter geglaubt. „Es sind keine Leute gekommen“, sagt er und lacht selbstironisch. Denn lustig ist das nicht. Zwei seiner Leute musste er in diesem Januar schon in die Arbeitslosigkeit schicken, etliche Pauschalisten warten zu Hause auf ihren Einsatz – ohne Schnee keine Arbeit, ohne Arbeit keine Einnahmen.

Wie eine Mahnung steht daher das Foto vom mauen Winter 2006/07 in Jackies Kabuff am Skilift in Geising, von dem aus er die Anlage steuern und beobachten kann. „Vor einer Woche sah es hier genauso aus“, murmelt er in Gedanken versunken. Aber diesmal soll sich das Schicksal von vor zehn Jahren nicht wiederholen. Die Firma hat kräftig investiert. Allein am Skilift in Altenberg wurden für rund 20 000 Euro acht neue Schneelanzen montiert. Die können schon bei milderen Temperaturen ab minus 3,5 Grad Celsius arbeiten, ohne Matsch auf den Hang zu schmeißen. „Das bringt uns ein Zehntel“, sagt Jackie. „Das ist viel.“ Zeitgewinn verlängert die Saison. Aber erst einmal muss sie anfangen. Er will mit seinen Männern diesmal rechtzeitig fertig werden und springt Mittwochabend auf zur letzten Schneeschlacht in Geising An der Wache. Hier knattern mobile Schneekanonen, die wie kleine Flugzeugturbinen aussehen. Sie fauchen in die Nacht und pusten weiße Fahnen in den dunklen Himmel. Aus dem Nebel fallen winzige Schneekristalle. Es ist schöner, weicher und doch fester Schnee. Jackie freut sich. Die Abfahrtsläufer können anrücken. Und er geht erst einmal in die Badewanne, damit die „Butze“ jetzt bloß nicht kommt.