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Dippoldiswalde

Der Schotte von Dorfhain

Markus Hüttemann ist ein Freund scharfer Destillate. Die gibt er gern anderen zum Kosten, natürlich im Rock.

Auf den Highlands hinterm Tharandter Wald: Mit seinen schottischen Whiskys reist Markus Hüttemann umher, um Seminare und Tastings abzuhalten.
Auf den Highlands hinterm Tharandter Wald: Mit seinen schottischen Whiskys reist Markus Hüttemann umher, um Seminare und Tastings abzuhalten. © Karl-Ludwig Oberthür

Vor dem Haus steht ein Mann im Schottenrock. Er hat ein Glas Whisky in der Hand. Verkostungen macht er prinzipiell im Kilt, sagt Markus Hüttemann. Heiraten übrigens auch. Nach dem Jawort letztes Jahr auf der schottischen Halbinsel Kintyre ging es gleich zum Tasting in die nächste Brennerei. Die Firma spendierte eine Flasche Edelstoff zur Feier des Tages. Es ist eine der wenigen, die Herr Hüttemann hüten wird, statt sie auszutrinken: „Die gibt’s erst zur Silberhochzeit.“

Markus Hüttemann arbeitet in Dresden bei der Feuerwehr. Doch auch privat sind brennende Sachen sein Ding. Er ist vom Whisky-Virus infiziert. Wenn er nicht gerade in Schottland herumreist und, wie neulich wieder, zwölf Brennereien in zehn Tagen besichtigt, lebt er auf den Highlands hinterm Tharandter Wald, in Dorfhain. Im Souterrain seines Eigenheims, in Regalen, in Vitrinen und auf Wandborden lagern, alphabetisch geordnet, seine Schätze: etwa 350 Sorten schottischen Whiskys.

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Vielfalt ist Trumpf: Hüttemanns Kollektion umfasst etwa 350 Sorten Scotch.
Vielfalt ist Trumpf: Hüttemanns Kollektion umfasst etwa 350 Sorten Scotch. © Karl-Ludwig Oberthür

Während Markus Hüttemann Kostproben heraussucht, stellt Claudia Hüttemann dunkle Schokolade und Karamellkonfekt, von den Briten Fudge genannt, auf den Tisch. Die Frau, die den Rock ihres Mannes im Standesamt mit einem langen, nachtblauen Kleid konterte, ist gelernte Konditorin. Bei den Verkostungen sorgt sie für das süße Beiwerk. Das interessiert vor allem jene, die nicht so wild auf Whisky sind. Sie selbst trinkt ihn nur in „homöopathischen Dosen“, um herauszufinden, wie die Destillate mit Süßem harmonieren. Nicht jede Brennerei Schottlands muss Claudia von innen angucken. Sie genießt stattdessen die Natur. „Mich sieht man dann in Gummistiefeln vom nächsten Berg winken.“

Wenn es nach Claudia, gebürtig aus der Meißner Gegend, gegangen wäre, hätte der Hobbyraum auch ein paar Flaschen Wein verkraftet. Aber das Schicksal wollte es, wie man sieht, anders. Dabei wird die Dorfhainer „Whisky Hütte“ – der Titel spielt auf den Familiennamen an – normalerweise nicht für Veranstaltungen mit Kunden genutzt. Seit Markus Hüttemann das Whisky-Tasting zum Nebenerwerb gemacht hat, verfolgt er eine spezielle Taktik: Nicht die Leute sollen zum Whisky kommen, sondern der Whisky kommt zu den Leuten.

Die Nase trinkt mit: „Es gibt immer wieder neue Aromen zu entdecken.“
Die Nase trinkt mit: „Es gibt immer wieder neue Aromen zu entdecken.“ © Karl-Ludwig Oberthür

Die Idee drängte sich auf: Damals lebte der Whiskyfreund in Dresden auf wenigen Quadratmetern. Da hätte er keine Tastings veranstalten können. Außerdem stellt sich beim Trinken das Problem der Heimreise. Da ist es besser, die Leute bleiben gleich zu Hause. Markus Hüttemann lässt sich von ihnen buchen und bringt alles Nötige mit: Whisky, Gläser, Dekoration, und, klar, seinen Schottenrock, schwere Qualität, echt aus Edinburgh, Kostenpunkt um die vierhundert Euro. Der Dolch im Strumpf muss keinen irritieren. Er gehört zum traditionellen Outfit, ist aber nicht geschliffen.

Auf dem Tisch mehren sich die Gefäße bernsteinfarbigen Inhalts. So facettenreich wie das fossile Baumharz zeigt sich die Tönung der Destillate. Goldig strahlt der Craigellachie, gereift in Fässern, die zuvor Burbon enthielten. Dunkelbraun, wie Waldhonig, schimmert der Highland Park aus dem Sherryfass. Nachtschwarz glänzt die Octomore-Flasche. Dieses Getränk zählt zu den rauchigsten Whiskysorten weltweit. Das Raucharoma ist typisch für Scotch. Da Holz bei den Schotten von je her knapp war, wurde das Malz für die Maische über Torffeuern getrocknet.

Markus Hüttemann kam jedoch nicht durch schottischen Whisky zu seiner Leidenschaft. Die fing an, als er, gerade volljährig, Whisky aus Irland kostete, den ein Freund vom Urlaub auf der Grünen Insel mitgebracht hatte. Da es vergleichsweise wenige irische Sorten gibt, verlegte er sich letztlich auf den Scotch, angefeuert von diversen Tastings und Messen, die er besuchte, und von den Whisky-Büchern, die er las und von denen er bis heute einen ganzen Schrank voll hortet.

Was ihn am Whisky fasziniert, sagt Markus Hüttemann, ist seine Vielfalt. Jede Flasche, ja sogar jedes Glas, schmeckt anders. Das liegt nicht nur am Getränk selbst, sondern, davon ist er überzeugt, auch an der Stimmungslage und an der Tagesform des Genießers. Es gibt immer wieder neue Aromen zu entdecken, sagt Kenner Hüttemann. „Die Suche nach diesen Aromen, das ist der Sinn des Tastings.“

Süße Whiskyfreunde: schottische Schokolade und Karamellkonfekt.
Süße Whiskyfreunde: schottische Schokolade und Karamellkonfekt. © Karl-Ludwig Oberthür

In seiner Wechselhaftigkeit und Fähigkeit zu überraschen, ähnelt der Whisky dem Land seiner Herkunft. Markus Hüttemann hat Schottland viele Male bereist, auch zu Fuß, um Gegend und Menschen besser kennen zu lernen. Die Bodenständigkeit der Schotten und die erhabene Natur vermögen es, einen zu erden, sagt er. „Dann ist manches Problem, das man hat, plötzlich gar nicht mehr so groß.“ In zwiespältiger Erinnerung ist ihm der schottische Regen geblieben. Wie Wassereimer gingen die Schauer auf ihn nieder, erzählt er. „So was habe ich vorher nie erlebt.“ Die Schotten wissen sich zu trösten: Der Regen von heute ist der Whisky von morgen.

Und wie trinkt man Whisky? Nach Hüttemanns Geschmack nicht mit Cola und Eis. Bei einem Flaschenpreis von hundertfünfzig oder zweihundert oder gar fünfhundert Euro – das ist seine Schmerzgrenze – wäre das Frevel. Nein, er genießt ihn pur, allenfalls mit ein paar Tropfen Wasser, die bei hochprozentigen Sorten die eine oder andere Note zusätzlich herauskitzeln. Trinken sollte man ihn in der Gesellschaft, in guter Stimmung, sagt Hüttemann, keinesfalls, wenn man Sorgen hat. Eine Ausnahme wäre allenfalls der Weltuntergang. Das hat zumindest der Schauspieler Curd Jürgens einmal behauptet: „Wenn morgen die Welt untergeht, ist es doch netter, wenn ich ein Glas Whisky in der Hand halte, als ein Glas Mineralwasser.“


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