merken
PLUS

Der schreibende Taxi-Fahrer

Bernd Kahl erzählt in seiner Internet-Kolumne von rangelnden Radlern, Leerfahrten und den Sorgen des kleinen Mannes.

© André Wirsig

Von Nadja Laske

Was RTL ist, weiß der Leser. THP begreift er bald. Vorausgesetzt, er ist kein Kollege vom schreibenden Taxifahrer Bernd Kahl. Dann gehört die Abkürzung für „Taxihaltepunkt“ ohnehin zu seinem Vokabular. Sendungen im Privatfernsehen spießt Kahl mit seiner spitzen Feder eher selten auf. Das tut er nur, wenn er sich auf Dresdens Straßen mal länger nicht wie im schlechten Film gefühlt hat.

Anzeige
Energisch zum Traumberuf
Energisch zum Traumberuf

Junge Menschen aufgepasst: Der ENSO-Ausbildungstag am 10. Oktober startet den eigenen Karrieremotor - jetzt auch digital!

So philosophiert er im Internet über Themen, die nicht nur Taxifahrer bewegen. „Geschichten aus der schönsten Stadt der Welt“ nennt er seinen Blog. Auch die Schönheit der deutschen Sprache begeistert ihn. Dabei pflegt er seine Prinzipien: Bei Kahl wird „dass“ noch mit „ß“ geschrieben. Alle paar Tage setzt er sich nach der Schicht daheim an seinen Computer. Während des Wartens auf den nächsten Fahrgast formiert Kahl zwar im Kopf schon mal die Subjekte, Prädikate und Objekte probehalber zum perfekten Satz. Doch zwischen zwei Touren eilig zu texten, das gefällt ihm nicht. „Da kommt nur Mist heraus“, sagt er. Und Mist ist nicht sein Anspruch.

Höchststrafe für Taxifahrer

Das Abbiegeverhalten gleichrangig rangelnder Radfahrer ist ihm launige Zeilen wert. Auch übergriffigen Nachbarn in Verteidigung der Klingelanlage gönnt er seine Aufmerksamkeit. Wie Leerfahrten clever zu vermeiden sind und was passiert, wenn Taxifahrer mehr Fahrstunden auf dem Konto als Euros in der Kasse haben, all das füllt sein öffentliches Tagebuch.

Bernd Kahl ist kein verkappter Germanist. Kein mittelloser Buchautor oder arbeitsloser Journalist. Er hält sich auch nicht als taxifahrender Student mit seinen Diensten über Wasser. Der 58-Jährige ist von Beruf Mess-, Steuer- und Regelungstechniker. Als solcher hat er früher in der Semperoper gearbeitet. Nebenbei fuhr er „Zettel-Taxe“, fürs Familienbudget. Der Zettel, sprich die Erlaubnis zur Personenbeförderung, war damals nicht leicht zu haben. Die meisten Bürger scheiterten am Fahrzeug. „Ein vernünftiges Auto mit vier Türen musste man haben und damit eine Art TÜV bestehen“, erzählt Bernd Kahl. Mit Trabi stand man da auf verlorenem Posten. Wenigstens einen Wartburg, Skoda oder Volvo sollte man schon bieten. Farbe egal. Kahl fuhr Wolga und chauffierte zwei Jahre lang, bis der Nebenjob den Familienfrieden störte. „Meine Frau wollte das irgendwann nicht mehr.“

Dann kam die Wende, und Bernd Kahl dachte, mit ihr komme seine Zeit – als gefragter Technikexperte in einem Land, das einiges nachzuholen hatte in Sachen Technik. „Doch das war blauäugig“, sagt er heute. Der neue Bundesbürger „wurschtelte“ sich eine Weile durch, indem er kränkelnde PCs anderer Leute in Schuss brachte. „Die finanziellen Löcher habe ich dann wieder mit Taxi fahren gestopft und nun mache ich nur noch das“, sagt er.

Auch Zeit hatte Bernd Kahl zu füllen, und das ist der Ursprung seines Blogs. Ein Bandscheibenvorfall zwang ihn, zwei Wochen lang ganz gerade und völlig flach im Bett zu liegen. „Ich habe mir ein Feldbett in die Wohnstube bringen lassen, in Schulterhöhe eine Bockleiter darübergestellt und daran meinen Laptop gebunden.“ Über Kopf konnte er die Tastatur bedienen und den Bildschirm sehen. So entdeckte er sein „Transportmittel“ für all die Dinge, die ihn beschäftigen. Sie kreisen um die Frage, wie es dem kleinen Mann im Lande geht. Mal erklärt Bernd Kahl die Welt, mal versteht er sie nicht mehr. Manchmal poltert er und schreckt vor derben Worten nicht zurück. Doch fein ist sein Humor, und was immer ihm über die Leber kriecht – der schreibende Taxifahrer bleibt keine Pointe schuldig. Auch keinen Ratschlag. Für künftige Fahrgäste hat er einen in eigener Sache parat: Welcher Satz beim Einsteigen ins Taxi grenzt an die Höchststrafe für den Fahrer? „Ist gar nicht weit.“

www.taxiblog-dresden.de