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Der Schuhmacher vom Dienst

Lutz Naumann und seinTeam in Bischofswerdahalten ein aussterbendesHandwerk hoch – sehr zur Freude der Kunden.

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Wie geht‘s, Herr Naumann?

Mir geht‘s gut. Solange man Arbeit hat, geht’s einem doch gut.

Woran arbeiten Sie denn?

Ich habe gerade neue Sohlen auf Winterschuhe aufgeklebt. Da stehen noch einige solcher Aufträge im Regal. Aber wenn das Wetter so extrem ist, bleiben Kunden weg.

Früher haben ja viele Leute ihre Schuhe zum Schuster gebracht. Wie ist das jetzt in unserer Wegwerfgesellschaft?

Nach der Wende war Wegwerfen mal groß in Mode. Inzwischen lassen wieder mehr Leute ihre Schuhe reparieren, weil sie ihnen lieb geworden sind oder weil sie sich darin richtig wohlfühlen. Es kommt sogar vor, dass jemand Schuhe bringt, bei denen die Reparatur teurer als der Schuh ist und er es trotzdem machen lässt. Wir reparieren auch Taschen, Rucksäcke und Ledersachen. Sogar einen Boxsack haben wir hier liegen. Nur in wenigen Fällen können wir nicht helfen, beispielsweise wenn für einen der neuen High-Tech-Koffer keine Ersatzteile zu bekommen sind.

Was macht einen guten Schuhmacher aus?

Das Stahlgelenk im Schuh zu erneuern ist schwierig, weil man dafür den halben Schuh auseinander nehmen muss. Auch der Austausch des Schuhbodens ist anspruchsvoll. Dabei müssen die Sohle und der ganze Absatzaufbau erneuert werden. Dafür sind die Schuhe hinterher wieder wie neu. Und natürlich kann jeder gute Schuhmacher auch Maßschuhe anfertigen.

Vom Schuhereparieren allein kann man heute wohl kaum noch leben. Was machen Sie denn sonst noch so?

Reparatur und Handel bestimmen 40 Prozent des Umsatzes. Hauptsächlich fertigen wir orthopädische Schuhe an, individuell angepasst an den betreffenden Fuß. Wir stellen aber auch Einlagen her und fertigen Schuhzurichtungen an. Zum Ausgleich, wenn jemand ein langes und ein kürzeres Bein hat.

Sie haben mit dem Schiebocker Tramper ein Original wiederbelebt. Wie kam’s dazu?

Wir haben selber gerne Tramper angezogen. Die waren zu DDR-Zeiten genauso ein Renner wie die Römer-Sandalen. Sogar das Fernsehen interessierte sich für unsere Tramper, was im ersten Jahr zu einer großen Nachfrage führte. Geblieben sind die Fans von früher. Ältere Semester, so wie ich es bin. Wir fertigen die Tramper als Konfektionsware an, in allen Farben. Auch in Schwarz-Gelb für Dynamo-Fans.

Sie machen das, was beim Schuhmacher schon im Namen steckt. Maßschuhe. Für wen?

Orthopädische Schuhe für Fehlbildungen aller Art stellen wir her. Ein ganz normaler maßgeschusterter Schuh, auch das wäre für uns kein Problem – nur leider will so was niemand bezahlen.

Der richtige Schuh kann die Gesundheit seines Trägers erheblich beeinflussen. Ist das ein Thema für den Schuhmacher?

Die Frage ist bekanntlich ein großes Streitthema. Konfektionsschuhe der Industrie unterliegen in der Regel den Modeerscheinungen. Sie sollen vor allem schön aussehen und gefallen. Ein guter Schuh unterstützt die Muskulatur des Fußes und des Unterschenkels. Bei fast 90 Prozent der Menschen sind diese Muskeln unterentwickelt. Das sieht man auch daran, wie Schuhe und Absätze abgelaufen sind. Die Folgen sind oft Kreuzschmerzen und viele der neumodischen Krankheiten. Die sogenannten MBT-Schuhe dagegen kräftigen die Muskulatur. Mit ihrer abgerundeten Sohle simulieren sie einen weichen unebenen Boden, dem sich der Körper anpassen muss.

Ist der Schuhmacherberuf ein aussterbendes Handwerk?

Ich hoffe nicht. Aber es stimmt schon, wir werden immer weniger. Einige lernen noch Orthopädieschuhmacher. Aber auch für orthopädische Schuhe stellt die Industrie mittlerweile sogar Bausätze her. Und außerdem wollen die Krankenkassen sparen.

Was müsste ein Bewerber für die Ausbildung mitbringen?

Sinn und Verständnis für Formen. Denn auch bei maßgeschusterten Schuhen muss einer aussehen wie der andere. Außerdem ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der Lehrling lernt, mit Neuerungen umzugehen wie Luftpolster oder Anti-Schock-System, die jetzt in aller Munde sind. Und in der Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher spielt die Anatomie eine ganz große Rolle.

Was macht für Sie den Reiz des Berufes aus?

Es ist nie eintönig. Man steht ja nicht am Fließband und hat außerdem immer mit Leuten zu tun. Den Leisten gab es bei den Schuhmachern schon immer. Ohne den geht auch heute gar nichts. Aber die Auswahl der Materialien ist viel größer geworden und die moderne Technik hat in die Schuhmacherwerkstatt Einzug gehalten wie beispielsweise der Druckluftnagler für Absätze. Kaum ein Schuster nagelt die noch mit der Hand an. Auch der Orthopädieschuhmacher nutzt viel Technik. An einem stressigen Tag ist es doch schön, wenn sich jemand darüber freut, dass seine besten Stücke wieder wie neu sind.

Gespräch: Constanze Knappe